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Salzburger Festspiele: Eigendynamik gegen Furor

Mit Händels "Theodora" eröffeten die Salzburger Festspiele. Doch Händel-Jubiläumsjahr hin und aktuelles Motto "Das Spiel der Mächtigen" her, warum die szenische Version, erschloß sich nicht recht.

Monumentaler Akteur: die Orgel.
Monumentaler Akteur: die Orgel.
Foto: ddp

Was man bislang an medialer Aufregung ums Führungspersonal eher aus Bayreuth gewöhnt war, lieferte diesmal Salzburg. Nicht nur, dass Zürichs Opernchef Alexander Pereira als neuer Intendant ab 2012 inthronisiert wurde. Auch der beschlossene Wechsel beim Schauspiel, von Thomas Oberender zu Sven-Eric Bechtolf, der anstehende Abgang des erfolgreichen Konzertchefs Markus Hinterhäuser und die vorzeitige Freigabe von Noch-Intendant Jürgen Flimm an die Berliner Lindenoper schon ab 2010 sind nicht nur ein personelles, sondern auch ein inhaltliches Statement.

Worauf dann vor allem die festspielkritischen Breitseiten hinwiesen, die Martin Kusej und Klaus Bachler rechtzeitig vor der Eröffnung abfeuerten. Dazu passten dann irgendwie auch der Eröffungsvortrag, den der 34jährige Schriftsteller Daniel Kehlmann zu einem emotional grundierten Frontalangriff aufs so genannte Regietheater nutzte genauso wie das Regenwetter zur Eröffnungspremiere mit Händels "Theodora".

Doch Händel-Jubiläumsjahr hin und aktuelles Salzburger Festspielmotto "Das Spiel der Mächtigen" her: Ausgerechnet mit einer szenischen Version des zwar meisterlich vollendeten, aber doch eher kontemplativ dunkel gestimmten, vorletzten Oratorium Händels aus dem Jahre 1750 die Salzburger Festspiele zu eröffnen, das erschließt sich nicht so ohne weiteres.

Auch wenn Peter Sellars vor dreizehn Jahren dem Glyndebourne-Festival damit ein spannendes szenisches Highlight beschert hatte, von dem das Stück und der Regisseur heute noch zehren.

Christof Loys mittlerweile gängiger Versuch, Händels nicht ganz freiwilligen Wechsel von der Oper zum Oratorium quasi im Nachhinein zu korrigieren, birgt ein besonderes Risiko. Der vielbeschäftige Regisseur ist nämlich seit geraumer Zeit dabei, der Oper das Theater auszutreiben. Mit der Attitüde eines sich altmeisterlich gebenden szenischen Purismus. Seine ansonsten karge Rückwand kommt im Großen Festspielhaus diesmal zwar als gigantische, halb verhängte Orgel daher, aber über die Hintergrundfunktion nicht hinaus. Sie bleibt Behauptung.

Den Sängern im gleichmachenden, exklusiven schwarz-weißen Konzertzivil von heute bleiben da - wenn es hochkommt- ein Stuhl, ihre Auf- und Abgänge und sonst nur noch ihr Charisma. Allerdings auch nicht weniger. Den Rest, der zum Theaterzauber fehlt, einfach in den Kopf des Zuschauers zu verweisen, mag nach neuer Ernsthaftigkeit klingen, verläuft sich aber bühnenpraktisch allzu schnell in der Unverbindlichkeit.

Dabei hat es durchaus potentiellen Interpretationswitz, dass die Titelheldin eine von römischer Willkür verfolgte Christin ist, die trotz des Rettungsversuches ihres Glaubensbruders und Geliebten Didymus mit ihm zusammen auf der Strecke bleibt. Allerdings erst nachdem sie vorher in endlosen Versicherungen der Liebe und des Opferwillens beide auf ihren gemeinsamen Tod hin singen.

Zu zeigen, wie Macht eine Mehrheit korrumpiert, sie zum Vollstrecker von Willkür werden lässt und dennoch die Liebe triumphiert, hatte Loy offenbar im Sinn. Doch mit seiner Diskurs-Ästhetik bleiben seine Darsteller allzu verwechselbar, gewinnen keine soziale und kaum psychologische Kontur. So bleibt das Ganze seiner Inszenierung eher ein Beinahe-Konzert mit Stühle-Rücken und verfehlt die Magie einer szenischen Eigendynamik und damit auch jede theatralische Verbindlichkeit.

Am Ende ist das hohe Paar tot, und die Massen zeigen sich schwer beeindruckt von solcher Liebe. Allesamt wenden dem Publikum jetzt, ganz wörtlich, so den Rücken zu, wie der Regisseur, im übertragenen Sinne, vorher beinah vier Stunden lang.

Auch wenn bei dem im dritten Akt eingefügten Händelschen Konzert für Orgel und Orchester ein pantomimisches Spiel das anfängliche Bedrängen Theodoras durch den römischen Statthalter noch einmal komplementär mit der als Mann verkleideten Theodora wiederholt, wirkt das im Kontext dieser Inszenierung in Annette Kurz’ Bühne und mit Ursula Renzenbrinks Kostümen eher aufgesetzt als hintersinnig.

Musikalisch war durch Ivor Bolton und das Freiburger Barockorchester, den exzellenten Salzburger Bachchor und ein versiertes Protagonisten-Ensemble für noblen Klang- und Stimmluxus gesorgt, der im problematischen Großen Festspielhaus auch erstaunlich gut funktionierte.

Dabei faszinierte vor allem der darstellerisch intensive und sich mit fabelhafter stimmlicher Kondition in seiner riesigen Partie bewegende Counter Bejun Mehta als Didymus. Christine Schäfer war eine vor allem von Hingabe und Tugend beherrschte Theodora, Bernarda Fink ihre höhensichere, aber kaum szenisch profilierte Vertraute Irene, Joseph Kaiser ein mit der Zeit an seinem römischen Treueeid zweifelnder Septimus. Johannes Martin Kränzle konnte die rare Möglichkeit nutzen, den Furor des Bösen als römischer Statthalter Valens auch auszuspielen. Das Festspielpublikum, das sich seine opulenten Auftritte ohnehin am liebsten selbst besorgt, entschloss sich unisono zu Zustimmung für so viel demonstrative Moll-Ernsthaftigkeit auf der Bühne.

Großes Festspielhaus, Salzburg: 31. Juli, 6., 9., 16., 21., 29. August. www.salzburgerfestspiele.at

Autor:  Joachim Lange
Datum:  26 | 7 | 2009
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