Acht Jahre gibt es nun das Young Directors Project (YDP) bei den Salzburger Festspielen, eine Erfindung von Jürgen Flimm, gesponsert von Montblanc. Deswegen hier zunächst einmal die wichtigsten Basics: Ja, doch, die Krise habe auch Auswirkungen auf ihr Unternehmen, sagt Ingrid Roosen-Trinks von der Montblanc Kulturstiftung. Deswegen ist jetzt China der wichtigste Absatzmarkt für die Edelfüller geworden, vor den USA. Und, ja, der Max-Reinhardt-Pen werde nur in Salzburg verkauft (er kostet irgendetwas weit jenseits der 10.000 Euro), und es gehen wirklich zehn Prozent jedes dieser Stifte an das YDP. 40.000 Euro kommen so im Jahr etwa zusammen, die zusätzlich überwiesen werden.
Und die Internationalisierung des Programms sei auch so gewünscht. Nicht umsonst engagiere man sich in Salzburg, das das einzige wirklich weltweit beachtete und breit aufgestellte Festival sei. Dass da das Programm international ausgerichtet sein muss und englischsprachige Produktionen mehr als erwünscht sind, versteht sich von selbst. Und dass dabei der ursprüngliche Gedanke, junge Talente durch den Salzburg-Auftritt zu fördern, etwas in den Hintergrund geriet, ist nun so schlimm auch nicht. Schließlich sind die Salzburger Festspiele kein Nachwuchs-Festival.
Und dann taucht da langsam die Frage am Horizont auf, wie es weitergeht, wenn Sven-Eric Bechtolf 2012 die Leitung des Schauspiels übernimmt. Schließlich ist die leicht experimentelle, für alle Formen offene Ausrichtung des YDP nicht unbedingt das, wofür Bechtolf steht. Ja, da sei alles offen, sagt Roosen-Trinks. Der Umgang mit dem YDP wird eine der ersten interessanten Entscheidungen von Bechtolf werden. Bis dahin sei vertraglich alles abgesichert, wie überhaupt Montblanc immer langfristige Sponsoring-Verträge mache. Da könne auch der Vorstand nicht einfach aussteigen.
Geflüstertes Plastik-Theater
Zwei englischsprachige Produktionen gibt es dieses Jahr, eine aus New York, eine aus den Niederlanden und zwei deutschsprachige. Jette Steckel richtet "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" von Ilija Trojanow für die Bühne ein, der ungarische Regisseur Viktor Bodó zeigt "Alice", eine Produktion des Schauspielhauses Graz, die schon mit dem österreichischen Theaterpreis Nestroy ausgezeichnet wurde. Eröffnet aber hat das YDP jetzt die New Yorker Gruppe Temporary Distortion (Zeitweilige Verunsicherung), "Welcome to Nowhere (bullet hole road)" heißt das einstündige Stück.
"Welcome" ist gerauntes und geflüstertes Plastik-Theater, so bedeutungsvoll-bedeutungslos wie die Filme von David Lynch, so geheimnisvoll wie eine in der Mittagssonne schwitzende Landstraße, ein Road Movie für die Bühne, wie es in der Ankündigung heißt. Zwei Frauen, zwei Männer, ein kleines Kabuff mit ein paar Lämpchen, darüber eine kleine Leinwand, ansonsten viel Dunkelheit, modern-mystischer Minimalismus.
Man flüstert schwergewichtige Sätze von "Ich bin ich und nicht du" oder "Jeder hat seinen Dämon". Das ist sehr wüstenstaubig, die Männer nuscheln sehr südstaatlerisch, die Hüte sind cool, die Haare lang, der Bart alt. Dazwischen wird es subtiler: "Es gibt immer jemanden, der uns davon abhält, unser eigenes Fleisch zu vergessen." Und dazwischen beginnt sich dann eine flüchtige Geschichte zu entblättern. Hitchhiking, eine Begegnung auf der Straße, ein Mann, eine Frau, Liebe oder etwas Ähnliches, Berührung. Am Ende erwürgt er sie. Dabei vermischen sich die Geschichten zweier Paare, es gibt dazwischen einen erfolglosen Selbstmord (das Gewehr im Mund war nur eine Schrotflinte), und so richtig weiß man nicht, ob die eine Frau vielleicht doch nur überfahren worden ist.
Story bleibt im Dunkel der Bühnen
Darauf kommt es auch nicht an. Die Story bleibt im Dunkel der Bühnen, es ist ohnehin nur eine der Geschichten, die wir schon so oft gehört haben. Interessant wird "Welcome to Nowhere" immer dann, wenn die kleine Bühnenkonstruktion offen für jene flüchtigen Gefühle wird, die jeder hat, über die man aber kaum sprechen kann. Man sitzt neben jemandem Fremden und weiß, dass der Fremde einen selbst gerade genauso intensiv wahrnimmt wie man selbst ihn. Niemand sagt etwas, beide haben es gleich wieder vergessen, aber da war doch etwas. Gedanken und Gefühle, die sich einem quer in den Kopf legen und schon wieder weg sind, genau in dem Moment, wo man sie greifen will.
Dafür haben der Regisseur Kenneth Collins und der Videokünstler William Cusick eine funktionierende kleine Sprache gefunden. Das Video zeigt Klischeebilder zwischen Kuss und Mittelstreifen, die vier Schauspieler flüstern die Klischeesätze, die Hütte ist ohnehin das Südstaatenklischee. Und die Lämpchen zeigen weniger, als dass sie es im Dunkel lassen. Sagen kann man als Zuschauer zwar immer noch nicht, was genau nun ist, aber wenigstens hatte man eine Stunde genau dieses Gefühl.