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Schindler Wahl-Heimat - Station 15: Hackschnitzel à la Odenwald

Rai-Breitenbach soll autarker werden, deshalb haben sie in nicht nur ein Biomasse-Heizkraftwerk gebaut. Wenn es mit dem Klimawandel so weiter geht - das Dorf ist unschuldig. Von Jörg Schindler

Fünfzehnte Station: Rai-Breitenbach. Das Dorf soll autarker werden, deshalb haben sie in Rai-Breitenbach nicht nur ein Biomasse-Heizkraftwerk gebaut. Wenn es mit dem Klimawandel so weiter geht, hat es nicht an ihnen gelegen.
Fünfzehnte Station: Rai-Breitenbach. Das Dorf soll autarker werden, deshalb haben sie in Rai-Breitenbach nicht nur ein Biomasse-Heizkraftwerk gebaut. Wenn es mit dem Klimawandel so weiter geht, hat es nicht an ihnen gelegen.
Foto: Schindler

Die Zukunft von Rai-Breitenbach klingt wie ein sehr leiser Staubsauger. Und sieht aus wie eine Almhütte. Sie liegt ganz oben auf dem Hügel, gleich gegenüber der Gesamtschule, mit herrlichem Blick auf den vorderen Odenwald. Dessen Fichten und Kiefern werden in der Holzhütte seit ziemlich genau einem Jahr regelmäßig zu Hackschnitzel verarbeitet und dann verheizt. Eine prima Sache, findet Horst Stapp, auch weltpolitisch betrachtet: "Unser Dorf jedenfalls beteiligt sich nicht mehr am Blutvergießen wegen Energie."

Horst Stapp wirkt heute ein bisschen so, als sei es gestern spät geworden. Er ist ein netter Kerl von 51 Jahren, der aus seiner hessischen Herkunft keinen Hehl macht. Stapp ist Ortsvorsteher in Rai-Breitenbach, seit wann, weiß er nicht mehr so genau, aber zwölf Jahre werden es wohl schon sein. Seine Partei immerhin hat er nicht vergessen: "Ich bin Sozialdemokrat - so was gibt"s hier noch. Ich wär" aber auch ein guter Grüner geworden."

Fünf Jahre ist es nun schon her, dass der gelernte Elektriker Stapp in einer bayerischen Frühstückspension saß und in der Zeitung von Deutschlands erstem Bioenergiedorf im niedersächsischen Jühnde las. "Das hat mich inspiriert", sagt Stapp. Daheim im Odenwald hatte er sich eh schon immer darüber gewundert, wie die Welt ihre Energieversorgung bewerkstelligt. Odenwälder Holz zum Beispiel wird bis heute in China und Japan verhökert. "Und umgekehrt kriegen wir unsere fossile Energie aus Saudi-Arabien und Russland. Was das für Wege sind!" Stapp ahnte: Das muss einfacher gehen. Nach der Zeitungslektüre wusste er auch, wie.

Eineinhalb Jahre Überzeugungsarbeit später gründeten die Rai-Breitenbacher unter der Linde im Dorfzentrum eine Genossenschaft. Mit dabei: Immerhin 165 der knapp 900 Einwohner. Ihr Ziel: Unser Dorf soll autarker werden. Oben auf der Höhe kauften sie ein Grundstück, um darauf ein Biomasse-Heizkraftwerk zu bauen. Großen Energiekonzernen, die plötzlich furchtbar erpicht darauf waren, den Odenwäldern mit Know-How zur Seite zu stehen, zeigten sie die kalte Schulter.

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Bis das Kraftwerk in Betrieb gehen konnte, dauerte es dann aber doch noch länger: Die hessische Landesregierung riss sich nicht eben darum, Rai-Breitenbach zu unterstützen. "Roland Koch hat ja mal angekündigt, Hessen zum grünen Vorzeigeland zu machen", sagt Stapp - "ich weiß nicht, ob er schon damit angefangen hat". Am Ende hatte die Genossenschaft den Großteil der nötigen 3,5 Millionen Euro alleine aufgetrieben.

Im August 2008 schließlich konnten sie würdevoll die erste Hackschnitzel-Verbrennung am Ortsrand feiern. Seither sind 80 Prozent des Ortes, inklusive der beiden Schulen, ans Nahwärmenetz angeschlossen. Und Stapp kann stolz verkünden: "Wenn es mit dem Klimawandel so weiter geht, hat es nicht an uns gelegen."

Und es soll ja noch weiter gehen. Eine kleine Anlage zur Holz-Verstromung haben sie im Dorf auch schon längst. Immerhin 120 Kilowattstunden speisen sie damit ins öffentliche Stromnetz ein. Auf etlichen Dächern des Dorfes gibt es Solaranlagen, Stapps großes Ziel ist es, Rai-Breitenbach CO2-neutral zu bekommen. Und gerade bauen sie gleich neben dem Kraftwerk ein Repräsentationsgebäude in lasttragender Strohballenbauweise. Geht alles, sagt der Chef. Wenn man nur will.

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Sogar der Rest der Welt hat mittlerweile von Rai-Breitenbach gehört. Dieser Tage erst waren Chinesen da und haben staunend in die Hackschnitzelgrube vom Odenwald geklotzt. Wer weiß, vielleicht importieren sie bald ja schon nicht mehr Holz, sondern Heizkraftwerke aus Südhessen. Inder und Brasilianer waren auch schon da und gerade hat sich eine Professorin aus Japan angemeldet.

Alles könnte so schön sein, findet der grüne Sozi Stapp. Wenn nur andere auch endlich mal anfangen würden nachzudenken. Dass jetzt plötzlich weniger grüne Menschen wieder damit anfangen, die Atomkraft zu preisen, findet Stapp irrsinnig. Und so etwas nimmt er auch durchaus persönlich. Biblis zum Beispiel ist Luftlinie gerade ma 50 Kilometer von seinem preisgekrönten Bioenergiedorf entfernt. Da kann Stapp machen, was er will: "Schon ein kleiner GAU würde uns jederzeit erreichen."

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  23 | 9 | 2009
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