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Schindler Wahl-Heimat - Station 17: Schwule Zivilcourage im Stadion

Christian Deker ist Stuttgart-Fan, seit er weiß, dass es so etwas wie Fußball gibt. Außerdem ist er schwul. Er zeigt das ganz offen im Stadion. Den Spielern hat er damit einiges voraus. Von Jörg Schindler

Siebzehnte Station: Stuttgart.Christian Deker ist Stuttgart-Fan, seit er weiß, dass es so etwas wie Fußball gibt. Außerdem ist er schwul. Er zeigt das ganz offen im Stadion. Den Spielern hat er damit einiges voraus.
Siebzehnte Station: Stuttgart.Christian Deker ist Stuttgart-Fan, seit er weiß, dass es so etwas wie Fußball gibt. Außerdem ist er schwul. Er zeigt das ganz offen im Stadion. Den Spielern hat er damit einiges voraus.
Foto: Schindler

Es war in einem Spiel gegen die Bayern, als Christian Deker mal wieder einen der üblichen Fangesänge vernahm. "Michael Rensing ist homosexuell!", grölten die Jungs im Nachbarblock, und andere schickten sich gerade an einzustimmen, als Deker, nicht sehr groß, nicht sehr muskulös, rüberstapfte und sagte: "Ey, lasst das doch." - "Wieso, bist du Bayern-Fan?" - "Nein, ich bin homosexuell." Plötzlich blickte Deker in eine Reihe offener Münder. Gesungen hat keiner mehr.

Jetzt ist wieder Samstag. Es steht 0:1 im Heimspiel des VfB Stuttgart gegen den Tabellenletzten Köln. Die Stimmung ist mies in Block 33, und noch mieser gleich nebenan, wo die Ultras vom Commando Cannstatt ihre Stammplätze haben.

Es ist eine Situation, in der dem gemeinen Fußballfan gerne mal die Sicherung durchbrennt und er sich den Frust von der Seele ächzt. Aber immerhin: Auch nach 90 deprimierenden Minuten hat, so weit man das hören kann, niemand "schwule Sau" oder "Schwuchtel" gebrüllt. "Wir machen Fortschritte", sagt Deker.

Christian Deker ist ein Jura-Student von 27 Jahren. Er ist Stuttgart-Fan, seit er weiß, dass es so etwas wie Fußball gibt. Außerdem ist er schwul. Um beides unter einen Hut zu bekommen, gründete er vor fünf Jahren mit vier anderen VfB-Anhängern die "Stuttgarter Junxx" - den 1. offiziellen schwul-lesbischen Fanclub des Bundesligisten.

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Die fünf hatten sich über "Gayromeo", eine Art virtuelles Einwohnermeldeamt für Homosexuelle, gefunden und haben seither regen Zulauf. 84 Junxx und Mädelz, beileibe nicht nur Schwule und Lesben, zählt der Fanclub heute - darunter der grüne Landeschef Daniel Mouratidis, die SPD-Bundestagsabgeordnete Ute Kumpf und der CDU-Gemeinderat Alexander Kotz. "Unser Ziel", sagt Deker, "ist, Homosexualität da sichtbar zu machen, wo es sie scheinbar immer noch nicht gibt - im Stadion."

Die Begeisterung bei anderen Fans hielt sich zunächst in Grenzen. "Was soll das denn? Morgen gründe ich einen Blümchensexclub", schrieb einer im Internet. Ein anderer: "Scheiß-Bücklings-Fanclub!" Wieder andere rieten den Junxx davon ab, mit rosa Handtaschen ins Stadion zu kommen, weil es sonst was auf die Fresse gebe.

Ein "bescheuertes Gefühl" sei das, so Deker, in derselben Kurve für denselben Verein zu brüllen und doch so weit weg von den anderen zu sein. Die Junxx und Mädelz aber ließen sich nicht einschüchtern, suchten sogar mit wackligen Knien das Gespräch mit dem Commando Cannstatt, deren Vorsänger seither tatsächlich kein einziges schwulenfeindliches Lied mehr angestimmt hat. "Mit ein bisschen Zivilcourage", sagt Deker, "kann man mehr erreichen, als man glaubt."

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Aber alles eben auch nicht. Beim vorletzten Aufeinandertreffen mit dem Karlsruher SC zum Beispiel machten die Junxx unverhofft Bekanntschaft mit der Polizei. Als sie sich mit homosexuellen KSC-Fans in der City zum Plausch treffen wollten, rückten die Freunde und Helfer in Mannschaftsstärke an - und staunten, als statt Fäusten nur Küsschen flogen. Und gerade erst beim jüngsten Heimspiel gegen Freiburg ließen wieder einige Schwaben das Stadion wissen, dass sie halb Baden für schwul halten.

Den Junxx und den 18 anderen deutschen schwulen Fanclubs würde es daher schon helfen, wenn sich endlich auch mal der eine oder andere Fußballer outen würde, findet Christian Deker. Dass es die gibt, ist ja nun ein offenes Geheimnis. "Aber ich glaube, die Zeit ist einfach noch nicht reif dafür."

Bis sie so weit ist, haben die Stuttgarter Junxx und Mädelz ungleich profanere Wünsche: Ein ordentlicher VfB-Sturm wäre für den Anfang ja auch schon mal was.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  25 | 9 | 2009
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