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Schmugglerparadies: Der siebte Stock

Im Hochhaus der JVA Stammheim saß die RAF-Führung. Das vermeintlich sicherste Gefängnis der Welt entpuppte sich mit den Selbstmorden als Schmugglerparadies. Nun steht es womöglich vor dem Abriss.

Hans-Jürgen Joachim zeigt mit dem Finger auf die mit Ölfarbe knallrot gestrichenen Stahltüren: "Hier hat sich Baader erschossen, hier die Meinhof erhängt." Routiniert nennt der Vollzugsbeamte die Nummern der Zellen, die alle mit sieben beginnen: Das hier ist historisches Terrain, der siebte Stock in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Die "Festung Stammheim" steht wie kein anderer Ort für den Deutschen Herbst, für die Terrorakte der RAF, aber auch für die Aufrüstung des Rechtsstaats. In der mit Stacheldraht und hohen Mauern umgebenen Mehrzweckhalle des Gefängnisses fanden die Prozesse des Oberlandesgerichts Stuttgart gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe statt. In Stuttgart-Stammheim saßen die RAF-Mitglieder der ersten Stunde ein, hier, hinter Gittern, forderten sie ein letztes Mal den verhassten Staat heraus, hier nahmen sie sich das Leben.

Hochsicherheitsgefängnis als Schmugglerparadies

Stammheim, siebter Stock: Von 1975 an wurde das Geschoss in einen "Umschlussbereich" für die inhaftierten Terroristen verwandelt. Eine Aufsichtskabine stand mitten im Gang. Mehrere schwere Türen mussten passiert werden, um überhaupt dorthin zu kommen. Die Einzelzellen der RAF-Gefangenen lagen weit auseinander. Die Anstalt hat die früheren Grundrisse mit weißem Tape auf den grau-grünen Fußboden geklebt, denn es sieht heute hier völlig anders aus als vor 30 Jahren.

Am 9. Mai 1976 erhängte sich Ulrike Meinhof in Zelle 719. Am 18. Oktober 1977 um 7.41 Uhr entdeckten Vollzugsbeamte den sterbenden Jan-Carl Raspe (716). Danach die toten Andreas Baader (719) und Gudrun Ensslin (720), schließlich die schwer verletzte Irmgard Möller (725).

Nach den Selbstmorden wurden die nicht tragenden Wände in dem Gefängnisflur niedergerissen. Über Nacht hatte sich das "sicherste Gefängnis der Welt", wie der baden-württembergische Justizminister Traugott Bender einst tönte, als Schmugglerparadies entpuppt. Man fand zwei Pistolen und 670 Gramm Sprengstoff samt Zündkapseln sowie eine getarnte Wechselsprechanlage, versteckt in Plattenspielern oder Fußleisten.

"Schalltote fensterlose Zellen"

Der Umschluss hatte es den Gefangenen erlaubt, sich stundenlang zusammen in einer Zelle aufzuhalten. Ebenfalls auf dem siebten Stock lagen die Räume, in denen die RAF-Mitglieder mit ihren Anwälten sprachen. Wenn der Umschluss, etwa während der Verhandlungstage, ausgesetzt oder der einstündige Hofgang gestrichen wurde, sprach Andreas Baader von "Isolationshaft" und pochte auf "frühere Zugeständnisse". Gerichts-Protokolle, die jüngst auftauchten, dokumentieren Baaders wirre, minutenlange Klage über die "schallisolierten, schalltoten fensterlosen Zellen". Fenster, das zeigt der Rundgang mit dem Vollzugsbeamten Joachim, gibt es in allen Zellen. Und dies seit dem Bau der Anstalt im Jahr 1964.

"In der Siebendreiundzwanzig war ja auch 'ne Waffe drin, für Ensslin, doch die hat sie nicht gefunden, da hat sie sich erhängt", Joachim sagt das ganz lapidar, fast in einem sarkastischen Ton. Fünf Jahre nach den Selbstmorden trat er seinen Dienst in Stammheim an. "Ich konnte mit dem Begriff des politischen Gefangenen nichts anfangen", erinnert er sich. In Stammhein habe die deutsche Justiz gewissermaßen "Probelauf gefahren": Härte gegen die selbst ernannten politischen Gefangenen, keine Sonderrechte, Gleichbehandlung aller Verbrecher.

"Mit Schere, Papier und Klebstoff"

Stammheim, siebter Stock: Amtsinspektor Horst Bubeck erzählt es in dem Buch "Stammheim - Die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck" von Kurt Oesterle anderes. Kein Häftling der Nachfolge-Generation habe derart "luxuriöse" Haftbedingungen vorgefunden wie die RAF-Führungsriege. Sie hatten Radiogeräte auf ihren Zellen, Fernseher und Plattenspieler und auch in der U-Haft Kontakt. Raspe stellte aus den ausliegenden Zeitungen und Zeitschriften jeden Morgen "mit Schere, Papier und Klebstoff" eine Art Pressespiegel zusammen.

Der begnadete Bastler baute sogar Tauchsieder und kleine Pizzaöfen. All dies wurde geduldet - zumindest bis zur Kontaktsperre während der Schleyer-Entführung im Herbst 1977, die der Bundestag nach wenigen Tagen als Gesetz beschlossen hatte. Den Umgang mit dem Thema "Isolationsfolter" beschreibt der frühere JVA-Beamte Bubeck als eine Art gegenseitige Vorteilsnahme. Der Staat habe durch das Kontaktsperregesetz nach außen Härte demonstrieren, und die RAF-Gefangenen hätten ihren Märtyrernimbus vergrößern können.

Wunsch nach dreistöckigem Neubau

Der Mythos Stammheim verfängt noch immer. Nicht nur Journalisten lassen sich die längst umgebauten Zellen zeigen, als fände sich in den Ritzen der alten Gemäuer noch der aufgeladene Staub der 70er. Auch Prominente haben, sagt Joachim, den siebten Stock besucht. Esther Schweins kam mal für eine Anmoderation im Theaterkanal. Und die Constantin-Film wollte den "Baader-Meinhof-Komplex" am liebsten gleich auf historischem Terrain drehen. Doch da stellte sich das Land Baden-Württemberg stur.

Stammheim ist die zweitgrößte von 17 Justizvollzugsanstalten in Baden-Württemberg. 877 Strafgefangene können in 600 Zellen dort untergebracht werden. "Für mich und die Gefangenen ist das ein ganz normaler Haftraum, den nichts von anderen Hafträumen unterscheidet", sagt Hans-Jürgen Joachim. In den verwinkelten Zellen sitzen heute junge Straftäter. Die einstige, 21 Quadratmeter große Baader-Zelle ist mit vier Häftlingen belegt.

Stammheim, siebter Stock: Die Zukunft des ehemaligen RAF-Trakts ist ungewiss. Die JVA Stammheim soll einen Neubau bekommen. Vor wenigen Wochen war schon mal Richtfest. Es wurde ein politischer Termin. Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll sagte während der Feier, er könne sich vorstellen, den "Bau eins" abzureißen, in dessen siebtem Stock weiße Klebestreifen am Boden an den Deutschen Herbst erinnern. "Man sollte nicht lange überlegen, ob diese Erinnerung an damals entfernt werden soll", sagte Goll.

Der Justizminister sprach an diesem Tag für seine Justizvollzugsbeamten. Die wünschen sich einen dreistöckigen Neubau mit Einzelzellen, aus "rein vollzuglichen Gründen". Ein Hochhaus, in dem die Häftlinge Aufzug fahren müssen? "Unmöglich" finden das die "Stammheimer". Vier Mann auf einer Zelle? Was dabei rauskomme, wisse man ja seit Siegburg. "Ich verdrück' keine Träne, wenn das Ding abgerissen wird", sagt Joachim.

Autor:  GABRIELE RENZ
Datum:  4 | 9 | 2007
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Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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