Die Mainzer Fernsehfastnacht geht in dieser Saison in ihr 55. Jahr - und mindestens ebenso alt sind zumindest nach Ansicht des ZDF die Zuschauer von "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht". Eine traditionelle Sitzung, die sich vor allem an die Generation "50 plus" richte, hatte der zuständige Redakteur Peter Walscheid bei der Vorstellung des Programms angekündigt und damit umgehend für Diskussionen gesorgt, ob die Fernsehsitzung wirklich noch einen repräsentativen Querschnitt der Mainzer Fastnacht biete.
"Die Mainzer Fastnacht ist anders", schimpfte etwa Hans-Peter Betz, der die Sitzung als Präsident leitet, in einem Zeitungsinterview. Das Ergebnis des "50 plus"-Konzepts war am Mittwochabend bei der öffentlichen Generalprobe im Mainzer Schloss zu sehen: ein fast ausschließlich auf traditionelle Klischees ausgerichtetes Programm mit häufig eher altbackenen Vorträgen, während die jugendlicheren Elemente der Mainzer Fastnacht fast vollständig von der Bühne verbannt wurden.
"Mainz bleibt Mainz", die Mutter aller Fernsehsitzungen, wird Jahr für Jahr im Wechsel von SWR und ZDF ausgerichtet und übertragen. Seit einigen Jahren wird diese Regelung jedoch zunehmend zum Spagat: Während der SWR versucht, mit modernen Elementen und jungen Rednern die Sitzung behutsam zu modernisieren, setzt das ZDF immer stärker auf die unpolitische Kokolores-Machart der früheren Jahre.
Redakteur Walscheid treibt das nun auf die Spitze: Erstmals findet eine Sendung völlig ohne die erfolgreichen neuen Gesichter der Mainzer Fastnacht statt. Jungstars wie Martin Heininger und Christian Schier oder der Liedkünstler Andy Ost wurden mit der Begründung nicht aufgestellt, sie hätten 2009 die Quoten gedrückt. Stattdessen darf nun der 70 Jahre alte Horst "Buddy" Becker ein Mainzer Stimmungslied singen, die "Altrheinstromer" sind mit "Es gibt kein Bier auf Hawaii" dabei, und Thomas Neger darf zum wiederholten Mal sein "Im Schatten des Doms" schmettern.
Fastnacht bedeute nicht, "dass das Programm aus den 60er Jahren sein muss", hatte Sitzungspräsident Betz diese Programmauswahl des Senders vor der Sitzung kommentiert. Sein eigener Verein, der Gonsenheimer Carneval Verein (GCV), präsentiere eine jüngere Fastnacht und werde dafür mit einem um 15 Jahre jüngeren Zuschauerschnitt belohnt.
Tatsächlich kommt die Fernsehsitzung in diesem Jahr nur schwer in Schwung. Die politischen Redner vom "Till" über den "Boten vom Bundestag" bis hin zum "Guddi Gutenberg" glänzen, doch bei der Sparte Kokolores dominiert der gereimte, lautstarke Vortrag in der Machart 60er Jahre - was der Sendung manche Doppelung beschert.
Hans-Joachim Greb macht als "Hoppes" mit Diätproblemen noch gute Laune. Michael Emrich spielt seine Doppelrolle als geplagte Lisbeth und hypochondrischer Ehemann Karl zwar hervorragend, indes ist das Thema reichlich angestaubt. Als dann noch Alexander Leber als "Bauer" mit dem Klischee von der zickigen Ehefrau und dem Pantoffelhelden Ehemann in dieselbe Kerbe haut, schaltet das Publikum sichtlich ein paar Gänge zurück.
Frauen sind auf der Bühne ohnehin fast nur bei den Balletteinlagen präsent - als fesche Püppchen, anmutige Tillfiguren oder Stewardessen. Die einzige weibliche Solistin und Newcomerin ist die 23-jährige Marike Senft: Sie darf das - allerdings auch schon deutlich angegraute - Liedchen "Kinder, wir leben nur einmal" schmettern. Die Leute im Saal reißt das nicht vom Hocker. Sie werden erst richtig wach, als die Schnorreswackler die Bühne betreten: Mit ihrem "Highway to Meenz" bescheren sie der Sendung einen unerwartet jungen Höhepunkt.
Die Reaktionen bei der Generalprobe waren eindeutig: Das Publikum wollte lieber jung und frisch als ewig-gestrig. Ob das Fernsehpublikum das auch so sieht, oder das Konzept des ZDF letztlich doch aufgeht, wird sich am Freitag zeigen: Ab 20.15 Uhr wird "Mainz bleibt Mainz" live aus dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz übertragen. (ddp)

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