Zwanzig Tage haben CDU, CSU und FDP gepokert: In der Nacht zum Samstag schlossen sie ihre teils turbulenten Verhandlungen ab. Mit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages soll heute eine "wunderbare Freundschaft" besiegelt werden. Das Wochenende bot darauf schon einen ersten Vorgeschmack.
NRW-Landesvertretung, Samstag 2.12 Uhr. "Wir sind durch", leitet Angela Merkel den historischen Moment ein: Der Koalitionsvertrag steht, zur Feier werden Bier und Wein vor einem Tigerenten-Schaukelpferd aufgebaut. Zwar gehen CSU-Chef Horst Seehofer und FDP-Chef Guido Westerwelle nach dem zwölfstündigen Schlussmarathon zum "Du" über - eine Party gibt es aber nicht: Die haben die Liberalen versaut, als sie kurz nach 18 Uhr starrköpfig auf der Ankündigung eines Stufenmodells im Steuersystem bestanden. Die Unionsseite fürchtete ein gigantisches 15-Milliarden-Loch, die Einigung in der Nacht stand auf der Kippe. Am Ende gelang ein Kompromiss, den jede Seite nach Belieben liest.
"Der Champagner kommt später, die Erschöpfung kommt jetzt", seufzt Merkel, ehe sie mit Westerwelle zum Hintertor flieht, um Pressefragen zu entgehen, wer wo klein beigeben musste. Auch die Anderen entschwinden rasch, nur einer spielt sich als Sieger auf: Horst Seehofer erklärt den Journalisten, dass man zuletzt stundenlang um Betreuungsgeld, Höhe der Steuerentlastung und Wehrpflicht gestritten habe.
Von Grüppchen zu Grüppchen wandernd doziert er über die Probleme, die bei der Abschaffung des Gesundheitsfonds hereinbrächen und bestätigt süffisant die noch geheime Summe von 24 Milliarden Euro Steuersenkungen: "Von mir haben Sie´s nicht - auch wenn´s stimmt." Tags darauf wird die CSU den nicht nur gesundheitlich angeschlagenen Vorsitzenden demonstrativ für die starke Verhandlungsführung loben.
Saal der Bundespressekonferenz, Samstag 11.43 Uhr. Die Nacht war kurz, und sichtbar hängt sie den drei neuen Duz-Freunden noch in den Knochen. Doch nun ist gute Laune angesagt, denn vor der Presse sollen die gemeinsamen politischen Ziele verkauft werden. Seehofer und Westerwelle strahlen seit einer Stunde um die Wette. Der FDP-Chef hat dem Franken, der ihn jüngst als "Sensibelchen" verhöhnte, den "Beginn einer wunderbaren Freundschaft" angetragen. Nun wäre es langsam an der Zeit, dass auch Angela Merkel etwas Nettes sagt.
"Koalitionsverhandlungen haben zwei Vorteile", hebt die CDU-Chefin lächelnd an: "Man weiß, warum man unterschiedlichen Parteien angehört und dass man zusammenkommen muss." Selbst einer norddeutschen Physikerin kann man das kaum als Liebeserklärung durchgehen lassen.
Unter der freundlichen Oberfläche hält das Trio auf eigenartige Weise Distanz. Seehofer hat sich wohl nicht zufällig einen Schlips in den Bayernfarben umgebunden, während Westerwelle eine quietschgelbe Krawatte trägt, wie man sie nur im FDP-Fanshop kaufen kann. Im altrosa-farbenen Sakko entzieht sich Merkel jeder Zuordnung. Schon in ihrem Eingangsstatement spricht die alte und neue Kanzlerin von einer "Ergänzung" bereits beschlossener Konjunkturprogramme und "Kontinuität" in der Arbeitsmarktpolitik. Das hört Westerwelle gar nicht gerne. Der Koalitionsvertrag biete die Grundlage für "einen neuen Anfang mit neuem Denken", erwidert er.
Später sagt Merkel, "auch in der vorigen Legislaturperiode" sei die Regierung "einen mutigen Weg" gegangen. Mut - bei Schwarz-Rot? Westerwelle zieht die Augenbrauen hoch. "Wir fangen jetzt neu an", sagt er trotzig.
Konrad-Adenauer-Haus, Samstag 15.45 Uhr. Eigentlich hat Volker Kauder gute Laune. Gerade hat seine CDU/CSU-Fraktion den Koalitionsvertrag mit zwei Enthaltungen gebilligt. "Das ist bei einer so großen Fraktion eine ganz tolle Geschichte", sagt er in die Kameras, die sich vor der CDU-Zentrale aufgebaut haben. Aber das interessiert gerade niemand so richtig. Kurz nach dem Ende der Pressekonferenz der drei Parteichefs ist bekannt geworden, dass der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger als EU-Kommissar nach Brüssel geschickt wird. "Ich sage es jetzt noch einmal", kontert Kauder die Nachfolgespekulationen, "dann antworte ich nicht mehr": Für den Job in Stuttgart stehe er "nicht zur Verfügung". Dann entschwindet Kauder in das Gebäude.
Auch der CDU-Vorstand billigt wenig später bei einer Gegenstimme den Koalitionsvertrag. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der in den Verhandlungen vor einem "finanzpolitischen Blindflug" gewarnt hatte, und sein hessischer Amtskollege Roland Koch, der die FDP-Steuerversprechen ebenfalls höchst kritisch sieht, sind bei der Sitzung nicht dabei. Sie haben Berlin schon vor der letzten Verhandlungsrunde in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung verlassen.
Flughafengebäude Tempelhof, Sonntag, 12.04 Uhr: Vor der alten Abflughalle hat sich eine überschaubare Menge Menschen versammelt. Schwarz auf Gelb fordern sie von der künftigen Regierungspartei FDP, die hier gleich ihren Jubelparteitag abhält, eine Rettung des "Regierungsflughafens Tempelhof". Die Ansprüche an die FDP, sie sind gestiegen. "Mensch", frotzelt ein Delegierter, "wir sind wieder richtig wichtig."