Aufgrund der Berichterstattung über die Schwarze Liste der als "unfähig" eingestuften Lehrkräfte in Hessen haben uns mehrere Anrufe von Menschen erreicht, die sich auf dieser Liste wähnen. Stellvertretend für diese erzählt hier Ulf Mockens (Name geändert), verheiratet, Vater von zwei Kindern, seine Geschichte:
Mein Erstes Staatsexamen habe ich 1990 gemacht, das Zweite dann drei Jahre später am Goethe-Gymnasium in Frankfurt. Mit meiner Fächerkombination Deutsch und Russisch fürs Gymnasium bin ich voll in den Wiedervereinigungsboom gerutscht: Russischlehrer gab es plötzlich jede Menge. Ich bekam jedenfalls keine Stelle. Ich hab dann eine kleine Nachhilfeschule in Wiesbaden eröffnet, wo ich zehn Jahre lang gearbeitet habe.
In der Zeit habe ich auch mein Mathe-Staatsexamen nachgemacht. Damit habe ich mich wieder um eine Anstellung im Schuldienst beworben. 2003 habe ich dann in Neu-Anspach angefangen. Vier Jahre war ich dort, dann ein weiteres Jahr in Königstein.
Dann, nach den Sommerferien 2008, war plötzlich Schluss. Schon vorher gab es bei mir immer wieder Unterrichtsbesuche, verständliche und unverständliche Kritik. Ich würde Formalien etwa bei den Einträgen ins Klassenbuch nicht einhalten und solche Dinge. Oder die Termine meiner Klassenarbeiten seien nicht mit Kollegen abgestimmt. Das ging eine ganze Weile so. Mir scheint, man hat über eine längere Zeit systematisch versucht, mich schlecht zu machen.
Seit der Entlassung habe ich mich neunmal beworben. Vor einem Jahr habe ich mich in Eppstein an einer Gesamtschule vorgestellt, das Vorgespräch war positiv, ich sollte schon den Stundenplan erhalten. Dann kam ein Anruf: Man habe keine Mittel, mich einzustellen. So ging das öfters. In der ganzen Zeit habe ich nicht einmal ein paar Vertretungsstunden an einem der vielen Wiesbadener Gymnasium bekommen, obwohl die sicher Mathelehrer brauchen. Klar habe ich mich gewundert und auch geahnt, dass es da Absprachen gibt. Als ich dann den Artikel in der Frankfurter Rundschau über die geheimen Listen gelesen habe, habe ich gedacht: Na, das erklärt ja alles.
Ich bin ein Lehrer, der ganz normalen Unterricht gemacht hat. Ich fühle jetzt Scham, dass meine Arbeit wirklich so schlecht gewesen sein soll, dass mich niemand mehr brauchen kann. Mir wird immer klarer, dass ich eine absolute Perspektivlosigkeit habe, es läuft quasi auf ein Berufsverbot hinaus. Meine Bewerbungen werden verworfen, bevor jemand meine fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten beurteilen kann. Da gibt es so einen einmaligen Beschluss von irgendwelchen Leuten, der mehr zählt als meine ganze Ausbildung und die drei Staatsexamen.
Nicht einmal ein richtiges Zeugnis bekomme ich, nur acht Seiten, auf denen formal begründet wird, warum ich entlassen wurde. Ohne Zeugnis bewerben - denkt doch jeder, ich hätte kleine Kinder geschändet.
Aufgezeichnet von Peter Hanack

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