Am meisten in die eigene Sicherheit hat in den RAF-Zeiten wohl der Milliardär Karl Friedrich Flick investiert. Weil bei der RAF ein Plan seiner Firmenzentrale gefunden worden war, ließ er seine Villa zur Festung ausbauen: mit eigenem Atombunker, Dreifach-Dach, Panzerglas und Video-Überwachung bis in den letzten Winkel.
Zehn Bodyguards sollen ihn rund um die Uhr bewacht haben, manchmal auch mehr. Den Weg seiner gepanzerten Limousine vom Starnberger See nach München ließ er immer wieder ändern - aus Angst vor den Terroristen, die so viele seiner Kollegen entführt und getötet hatten.
Lieferschwierigkeiten bei Autobauern
Die Angst war Teil des Alltags geworden, die Sicherheitswirtschaft boomte. Zwischen 1970 und 1980 verdreifachte sich der Umsatz der privaten Sicherheitsfirmen nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Wach- und Sicherheitsfirmen (BDWS). Die Manager der Großkonzerne stellten Leibwächter ein, gingen mit schusssicherer Weste zur Arbeit, ließen sich den Umgang mit Waffen beibringen und reisten unter Pseudonym. Der Bedarf an gepanzerten Wagen erhöhte sich so sprunghaft, dass die deutschen Autobauer Lieferschwierigkeiten bekamen.
Die Nachfrage nach gepanzerten Wagen ist groß geblieben. Wie viele davon verkauft werden und an wen, darüber schweigt die Automobilwirtschaft. Branchenkenner schätzen, dass deutsche Hersteller zurzeit jährlich 4000 gepanzerte Wagen in alle Welt verkaufen und der Absatz nach dem 11. September um 20 Prozent stieg; aber gesicherte Zahlen gibt es nicht.
Sauerstoffsystem für Gasangriffe
Die Waffenindustrie stellt die Autobauer vor große Herausforderungen. "Sie müssen sich immer an die neuesten Waffen und Munitionen anpassen", sagt Rudolf Frieß, Leiter des Beschussamtes Ulm. Seine Behörde testet und zertifiziert Sicherheitstechnik, auch gepanzerte Wagen. 300 Schüsse feuern die Mitarbeiter dafür auf die gestählten Autos ab, aus den verschiedensten Waffen, Entfernungen und Einschusswinkeln. Entscheidend ist die Antwort auf die Frage: Würde ein Fahrgast überleben?
"Das Sicherheitsniveau der gepanzerten Fahrzeuge hat sich mit den Jahren fast revolutionär verbessert", sagt Frieß. Im "S 600 Guard" von Mercedes finden sich - neben den üblichen Stahlpanzerungen - ein Sauerstoffsystem für Gasangriffe, eine Feuerlöschanlage und Fensterheber mit separatem Antrieb - falls die Bordelektronik ausfällt. Von außen sieht das Modell, das 3,5 Tonnen wiegt und mehr als 300.000 Euro kostet, aus wie eine normale S-Klasse.
Personenschutz rund um die Uhr
Nach Angaben von BDWS-Geschäftsführer Harald Olschok ist der Umsatz der privaten Sicherheitsindustrie seit den 70er Jahren kontinuierlich angestiegen und beläuft sich heute auf knapp zehn Milliarden Euro pro Jahr. Von 170.000 Beschäftigten im Wach- und Sicherheitsgewerbe arbeiten die meisten im sogenannten Objekt- und Werkschutz. Nur jeder Hundertste ist als Leibwächter tätig.
"Vor der RAF-Zeit hatten die allerwenigsten Manager Bodyguards", sagt BDWS-Geschäftsführer Harald Olschok. Nach den ersten Anschlägen habe sich das schlagartig geändert. "Heute ist Personenschutz kein so großes Thema mehr", sagt Olschok. In den 70ern sei die Zahl der in der Privatwirtschaft beschäftigten Leibwächter zehnmal so hoch gewesen wie heute, schätzt Olschok. Hinzugezählt werden müssen allerdings noch die Bodyguards von Bundeskriminalamt (BKA), Bundespolizei und den Landespolizeibehörden. Allein 550 Leibwächter soll die Sicherungsgruppe des BKA haben, die für die Sicherheit der Bundespolitiker zuständig ist, davon 20 für die Bundeskanzlerin. Offizielle Angaben gibt es nicht. "Dazu sagen wir nichts", sagt BKA-Sprecher Dietmar Müller, "um niemand auf dumme Gedanken zu bringen."
Die wichtigsten Politiker werden rund um die Uhr bewacht - heute wie damals. Von Helmut Kohl wird allerdings erzählt, dass er hin und wieder seinen Leibwächtern weglief, um wenigstens ein paar Momente allein sein zu können. Entschuldigt haben soll er sein Verhalten mit der Bemerkung, kein Attentäter würde doch auf die Idee kommen, dass er sich ungeschützt bewegen könne.