Merkel hat trotz des Allzeit-Tiefs für die Union alles richtig gemacht. Ihr Kanzlerbonus wirkt sich vor allem auf SPD-Anhänger aus, und was den Sozialdemokraten diesmal fehlte, war ein Typ wie Schröder. Auf diese Interpretationen konnten sich die Chefs der vier führenden Meinungsforschungsinstitute immerhin schon einigen, als die Parteispitzen am Montag noch zusammensaßen, um sich ihren Reim auf den Ausgang der Bundestagswahl zu machen.
Die Geschäftsführer von Forsa, Infratest dimap, der Forschungsgruppe Wahlen und des Allensbacher Instituts für Demoskopie waren in Berlin zusammengekommen, um die Ergebnisse ihrer Befragungen während des Wahlkampfs und am Wahltag auf das tatsächliche Endergebnis anzuwenden. Ziel: den Wähler zu verstehen.
Das geht im Nachhinein ja viel leichter - und so erklären für Richard Hilmer die Ergebnisse von 2009 endlich auch jene von 2005: "Das war die zweite Etappe des Regierungswechsels von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb", befand der Infratest-Chef. Vor vier Jahren hätten die Wähler zwar die Koalition aus SPD und Grünen bereits abwählen wollen, fürchteten sich aber noch vor einer Regierung aus Union und FDP.
Diese Furcht habe es - trotz der SPD-Versuche, sie zu schüren - nun nicht mehr gegeben, sagte Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach: Während 2005 noch 39 Prozent der Wähler einen persönlichen Nachteil von einer schwarz-gelben Regierung befürchteten, waren es diesmal nur 17 Prozent.
Stimmensplitting
So verstehen die Demoskopen die Gewinne der FDP denn auch als Votum gegen die Große Koalition. "Da kamen zwei Trends zusammen: Erstens stiegen während der gesamten Legislatur die Sympathiewerte für die FDP stetig an", sagte Köcher. "Zweitens gab es ausgeprägtes Stimmensplitting bei FDP-Wählern." Entgegen den Behauptungen von FDP-Chef Westerwelle in der TV-"Elefantenrunde" ergaben die Befragungen sehr wohl, dass Menschen, die sich als Unions-Anhänger sehen, ihre Stimme der FDP gaben, um Schwarz-Gelb zu ermöglichen.
Insgesamt seien mehrere Aspekte an Merkels Wahlkampf erfolgreich gewesen, sagten die Demoskopen. Zum einen gelang es ihr laut Infratest-Chef Hilmer, die Schwäche der Union im Osten wieder auszugleichen. So verlor die Union in allen West-Ländern, legte aber im Osten überall zu. Zudem punktete sie bei Frauen, die sich auch wegen des wieder stärker betonten sozialen Profils und der Familienpolitik der Union zuwandten, analysierte Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim. Die deshalb abgewanderten Männer seien aber fast alle zur FDP gegangen, also im "bürgerlichen Lager" geblieben.
Das schlechte SPD-Ergebnis sei dagegen Folge eines "langen Prozesses der Aushöhlung", attestierte Köcher. Seit der Agenda 2010, erst recht seit der Großen Koalition seien die Anhänger unzufrieden. "Sie haben die SPD in der Großen Koalition stets als Juniorpartner wahrgenommen und die Regierung ähnlich kritisch bewertet wie Anhänger der Opposition." Weshalb auch zwei Millionen von ihnen zu Hause geblieben seinen, ergänzte Hilmer. Sie hätten keine Koalitions-Optionen für ihre Partei mehr gesehen, die ihnen gefiel - konnten es aber auch nicht übers Herz bringen, andere zu wählen. Die Nachfrage, ob eine Öffnung zur Linken die bessere Strategie gewesen wäre, verneinte Forsa-Chef Manfred Güllner: "Alle unsere Umfragen sagen, dass es dafür keine Mehrheit unter SPD-Wählern gibt."
Das Einzige, was der SPD hätte helfen können, wäre laut Güllner ein Kandidat wie Gerhard Schröder gewesen: Schon bei den Wahlen 2002 und vor allem 2005 habe die SPD vor allem deshalb so stark abgeschnitten, weil sogar CDU-Anhänger Schröder als Kanzler besser fanden als seine Gegner Stoiber oder Merkel.