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Siegfried Lenz im Interview: "Ein Buch kann Leben ändern"

Sind Sie denn ein Theatergänger?

Ich war ein Theatergänger. Regelmäßig. Ich habe zur Zeit von Gründgens keine Inszenierung hier in Hamburg verpasst. Aber dann habe ich mich geografisch verändert: Ich bin nach Dänemark gezogen, schon vor 20 Jahren. Damals war ich in meinem dortigen Haus - einem einfachen Haus, das sich ein Kapitän für seinen Altersruhesitz gebaut hatte - sowohl fisch- als auch gemüseautark.

Sie waren Selbstversorger?

Das muss ich Ihnen erzählen! Ich habe viele Fische gefangen und dann eben auch filetiert. Die Fischabfälle habe ich in einer bestimmten Ecke unseres Gartens verbuddelt. Eines Tages kam meine Frau auf die Idee, Bohnen zu pflanzen - allerdings nicht irgendeine Bohne, sondern die große dänische Prahl- oder Prunkbohne. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich habe sie da eingebuddelt, wo die Fischköpfe vergraben waren. Und wenn schon nicht über Nacht, so doch schon nach sehr kurzer Zeit fingen die an zu sprießen. Wenig später kam der Fotograf Sven Simon zu mir, um Fotos für französische Zeitschriften zu machen. Plötzlich sah er die dänische Prahl- oder Prunkbohne und sagte: "Mensch, was sind denn das für Keulen, die da runterhängen?" Dann hat er davon Fotos gemacht und an die Magazine geschickt. Anschließend bekamen wir aus Paris auffallend viele Briefe. Meine Frau sagte beim Anblick des Stapels: "Siehst du, Paris ist doch die Hauptstadt der Literatur." Dann machten wir die Briefe auf: 95 Prozent davon fragten nicht nach der "Deutschstunde", sondern nach dem Dünger für die Bohnen.

Und wie schmeckte die Bohne?

Ein bisschen nach Fisch.

Sind Sie ein lebensfroher Mensch?

Lebensfroh? Nein - aber halbwegs zufrieden.

Und die andere Hälfte?

Es wechselt manchmal stündlich. Etwa beim Betrachten der Nachrichten.

Gehen Ihnen schlechte Nachrichten aus fremden Ländern immer nah?

Aber ja!

Manche Menschen gehen inflationär mit dem Begriff Betroffenheit um.

Mir gehen Schicksale nahe. Wenn ich beispielsweise Kindersoldaten im Kongo sehe, diese Fernsehbilder vom Schießen, Plündern, Morden, Vergewaltigen, dann geht mir das nah. Welche Art von Verführung bringt die Menschen, bringt uns dazu, solche Dinge zu tun?

Fehlt Ihnen Masuren, fehlt Ihnen die alte Heimat?

Nein. Überhaupt nicht. Ich bin unmittelbar nach dem Krieg, Ende 1945, hierher gekommen. Ich habe hier in Hamburg studiert, habe hier meine erste Arbeit gefunden, erst als Volontär bei der Welt, dann als Feuilletonredakteur. Ich habe hier sehr früh geheiratet. Eine Hamburgerin mit wunderbarem unterkühltem Temperament. Wenn sie sagte, etwas sei "zufriedenstellend", dann war das für mich eine sizilianische Reaktion. Insofern fühle ich mich in jeder Weise als Bürger dieser Stadt. Wenn ich die Wahl hätte, mir einen Ort auszusuchen, dann wäre es immer Hamburg.

Und Dänemark, Ihr zweiter Wohnsitz? In der "Landesbühne" wird es als sehr angenehmes Land gepriesen.

Gut, dass Sie darauf anspielen. Die Dänen bezeichnen mich ja als Zugvogel. Wenn der April naht, kommen die Zugvögel zurück. Und ich bin im Sommer auch sehr gerne dort. Im Winter bin ich zumeist in Hamburg.

Sie haben 1979 das Bundesverdienstkreuz abgelehnt. Würden Sie es heute annehmen?

Nein.

Ist das der Hanseate in Ihnen?

Ja. Was selbstverständlich ist, sollte nicht dekoriert werden.

Aber Preise können Sie annehmen?

Ja, zumal wenn Sie mit meinen Büchern zu tun haben. Ich bin einmal vom Fernseh-Moderator Beckmann in seiner Sendung gefragt worden, ob mir noch ein Preis fehle. Ich sagte: "Ja, ich wäre so gerne Ehrenkonditor der dänischen Konditoren-Zunft." Das wurde in Dänemark gehört. Die dortige Konditoren-Zunft sagte sich: Dem Jungen kann geholfen werden!

Interview: Mark Obert und Martin Oehlen

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Datum:  13 | 10 | 2009
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