Herr Lenz, wie geht es Ihnen?
Mir geht es nicht gut. Ich habe eine Wirbelsäulenoperation hinter mir, doch das ist nicht alles. Ich bin noch zweimal am Magen operiert worden, von Professor Teichmann. Er hat den so genannten Reißverschluss in der Operationstechnik entwickelt, es ist etwas Einzigartiges in der Chirurgie. Er wurde viel belobigt, auch international. Er ist ein großer Mann und ein Freund von mir. Und schließlich - damit Sie auch dies erfahren, ich bin auskunftsbereit - erlebte ich die Situation der Wehrlosigkeit: bei einer Augenoperation. Ein sehr berühmter dänischer Augenarzt hier in Hamburg führte sie durch. Er hat dafür gesorgt, dass ich wieder Farben unterscheiden konnte.
Siegfried Lenz, geboren 1926 in Lyck, Ostpreußen, zählt zu den weltweit am meisten gelesenen deutschen Schriftstellern. Sein Werk umfasst gut 50 Romane, Erzählungen, Novellen, Essays und Kinderbücher. Sein bekanntester Roman ist "Deutschstunde", erschienen 1968.
Lenz war 47 Jahre lang mit seiner Frau Lieselotte verheiratet, sie starb im Februar 2006. Lenz lebt in Hamburg und Dänemark.
Aktuell erschienen: "Landesbühne", Hoffmann & Campe Hamburg, 120 S., 17 Euro.
Inwiefern Wehrlosigkeit?
Weil das zu operierende Auge lokal betäubt wurde. Aber der Arzt war sehr phantasievoll, er sagte: "So, und jetzt setze ich Ihnen eine schwedische Linse ein. Aber da ich Ihre uralte Anhänglichkeit an Dänemark kenne, werde ich unten auf die schwedische Linse einen kleinen dänischen Dannebrog einfügen."
Die dänische Flagge.
Den Dannebrog, ja, und dann hat er das getan, und nach einer Weile bat er mich, mein Auge zu öffnen und fragte mich, was ich sehe. Und ich sagte ihm: "Ich sehe ein Rudel schwedischer Elche kopfschüttelnd auf mich zukommen." Und er: "Nichts weiter?" Ich wieder: "Nein, das genügt auch schon, schwedische Elche." Da lachte er: "Herr Lenz, ich gratuliere, die Operation ist geglückt."
Beeinträchtigen Sie Ihre Gebrechen bei der Arbeit sehr?
Noch nicht. Ich habe im Gegenteil festgestellt, dass die täglichen drei Stunden am Schreibtisch eine zusätzliche, fast verlässliche Therapie sind.
Schreiben Sie am Computer?
Nein, alles mit der Hand. Ach ja, die Hand, noch eine Operation, eine Banalität. Aber die Medizin hat sich derart spezialisiert, dass sie hier in Hamburg auch vortreffliche Handchirurgen haben. Nach der Wirbelsäulenoperation hatte ich solch ein Summen und Kribbeln in den Fingerspitzen, dass mir manchmal der Kugelschreiber aus der Hand fiel.
Lassen Sie uns über Ihre neue Novelle sprechen, "Landesbühne". Sie bleiben Ihren Themen treu: dem Hoffen und Scheitern, aber auch dem Triumph des Guten im Menschen. Es ist eine etwas aus der Zeit gefallene, fast bieder anmutende Welt, die Sie beschreiben.
Aber sie hat Abgründe.
Die denen, die aufrichtig sind, letztlich aber nichts anhaben können. In der "Landesbühne" sind es Werte wie Freundschaft, Loyalität und Solidarität, die Sie beschwören.
Sehen Sie, in jedem Zeitalter, wenn wir es denn schon kritisch besichtigen, gibt es ein sehr gespaltenes Verhältnis zu den Werten, das ist ganz klar. Und es gibt immer eine Debatte darüber, welche Werte zeitgemäß sind, welche Werte ersetzt werden sollten, auf welche Werte wir uns heute mehr denn je besinnen sollten. Nehmen Sie die problematischen Werte wie Gehorsam, Pflichterfüllung, und zwar unhinterfragte Pflichterfüllung. Die halten wir nicht mehr hoch. Andere Werte hingegen sollten, streng betrachtet, von dauerhafter Gültigkeit sein.
Welche?
Anstand natürlich, Verlässlichkeit, Fairness.
Treue?
Treue auch. Vor 51 Jahren habe ich vor diesem Fenster gesessen und habe meinen ersten Verlagsvertrag unterschrieben. 1958 ist bei Hoffmann & Campe das erste Buch von mir erschienen.
Die Habichte.
"Es waren Habichte in der Luft". Damals war es so üblich, einen ganzen Satz als Titel zu nehmen. "Wanderer, kommst du nach Spa" und so weiter...
Treue zum Verlag, Treue zur Ehefrau - sind Sie jemand, der sich zum wertebewussten Handeln auch mal ermahnen muss oder sind Sie schlicht das, was man eine treue Seele nennt?
Manches geschieht unwillkürlich, und was meine Verbindung zu diesem Verlag betrifft: Ich war bereits mit dem Vater des jetzigen Verlegers Günter Berg befreundet, sehr eng befreundet. Er hat mir, als ich noch ein armer Student war, die Möglichkeit verschafft, weiter zu schreiben, weiter zu arbeiten, das habe ich nicht vergessen.
Noch ein Wert: Zivilcourage. In München wird ein Mann totgeschlagen, der sich schützend vor Kinder gestellt hat.
Ich habe es mit dem gleichen Erschrecken, dem gleichen Entsetzen zur Kenntnis genommen, wie Sie es getan haben, meine Herren. Und mich unwillkürlich gefragt, welche Möglichkeiten der Prävention gibt es überhaupt? Die Gesellschaft muss sich erst einmal darum bemühen, die Hintergründe des Falls aufzuklären, und das ist nicht allein eine Sache der Polizei. Die Lehrer dieser jungen Täter sind gefordert, vor allem auch ihre Familien. Ich glaube aber grundsätzlich, dass wir jederzeit auf solche Taten gefasst sein müssen. Wir müssen akzeptieren, dass wir unsersgleichen manchmal nur mit Erschrecken und Entsetzen zur Kenntnis nehmen können.
Sagt eine solche Tat etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus?Fortsetzung auf der folgenden SeiteFortsetzung von der vorigen Seite
Ich glaube nicht. Es sind doch wohl sehr egoistische Motive, die mit der Situation dieser Täter zusammenhängen. Unzufriedenheit mit sich selbst wird eine Rolle spielen, die Einsicht, dass man zu wenig beachtet wird. Mit anderen Worten: die Selbstdefinition und ein Rache-Element. Ein Rache-Element dafür, dass man nicht so bewertet wird, wie man bewertet zu werden wünscht. Das sind aber Glaubensinterpretationen, ich kenne die Motive dieser Täter nun mal nicht.