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Sind Privatschulen besser?: Mehr Wettstreit

Wir brauchen den Staat, sagen die einen mit Blick auf die Chancengleichheit. Andere befürworten gerade deshalb mehr Wettbewerb. Radikale Reformen gibt es an Staatsschulen aber kaum. Von Frauke Haß

Rechnen sinnvoll anwenden - im fast freien Fall auf der Achterbahn.
Rechnen sinnvoll anwenden - im fast freien Fall auf der Achterbahn.
Foto: dpa

Elise gewinnt das Silbenspiel haushoch. Die Frage "Wie viel Geld ist im Geldbeutel?" klingt ja simpel. Sieht sie in Lautschrift aber ungefähr so aus - "Qiàn ba- o li yóu duo- sháo qián?" - ist die Lage schon anders. Die Sechstklässler am Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) in Marbach raten eifrig chinesische Silben: "ta, sha, ni, wo" - so hört es sich jedenfalls an - und scheitern kläglich an Elises Aufgabe. Sinologin Marion Rath, die seit 2002 in Marbach lehrt, lässt die Stunde dann auf einer positiven Note enden: Dájia do- u hen ga- oxìng (Wir sind alle glücklich).

Gut, dass es Elise und Nicole gibt, die simultan übersetzen, sonst verstünde der Gast wohl die meiste Zeit nur Bahnhof. Das FSG ist das erste Gymnasium in Baden-Württemberg, das Chinesisch als zweite Fremdsprache anbietet, sagt Rath. In ganz Deutschland gebe es nur eine Handvoll davon. Den Deutschen Schulpreis hat die Schule 2007 nicht nur deshalb bekommen. Aber es passt wohl ins Bild einer innovativen staatlichen Schule. Schließlich mehren sich die Geschichten, von Eltern, die ihre Kinder auf teure Privatschulen schicken, damit sie früh und besser Englisch, Französisch oder eben auch Chinesisch lernen.

Renaissance des Staates

Mit der Finanzkrise war er wieder da, der Staat - als Helfer in der Not. Wieder da ist auch die Diskussion über seine Rolle: Brauchen wir mehr Staat? Oder doch weniger?

Zuletzt erschienen: Ein Konzern namens Staat (16. April); Bier vom Staat: Rothaus (15.4.); Dieter Grimm: Vom Staat geht kaum Gefahr aus (11./12.4.); Gesine Schwan: Bildung ist mehr als Aufstieg und Effizienz (9./10.4.). Morgen: Wie Tiere ihre Staaten organisieren.

Die Marbacher zeigen, dass das auch der Staat kann - wenn er will. Doch damit sind sie eine rühmliche Ausnahme von der Regel. Reformer wie die Wiesbadener Ex-Schulleiterin Enja Riegel beklagen schon lange, dass an öffentlichen Schulen weit mehr Innovation möglich wäre - "sie tun's bloß nicht".

Elise blickt in die Zukunft: "Deutschland treibt viel Handel mit China. Wenn ich die Sprache kann, kriege ich einen besseren Job." Die dunkelhaarige Nicole, der in der Stunde alles "viel zu langsam" geht, schwärmt: "Ich finde die Schriftzeichen so schön." Auch das gibt es also: Chinesisch um des Chinesischen willen.

Oder Spanisch, Italienisch, Russisch, Arabisch, Altgriechisch, Hebräisch, Englisch und Französisch sowieso. Geht alles am FSG, das mit 2100 Schülern und 170 Lehrern mehr anbieten kann als andere Schulen, wenn auch manches nur als AG. Ein Orchester? Kein Problem mit 14 Musiklehrern. Mathe, Physik, Geografie auf Englisch? Längst Realität in der einjährigen Internationalen Klasse, für die man sich in Stufe zehn oder elf bewerben kann. Ein fetter Sponsor steckt nicht dahinter. Eher ein kluges Management, das alle Fördertöpfe anzapft, an die es herankommt.

"Der Mensch ist vielfältig. Die Schule muss vielfältig antworten", sagt Schulleiter Günter Offermann, der beklagt, was er "den philologischen Filter" nennt, der alle früh aussortiert, die keine Fremdsprachen können. "Eine Verschwendung von Ressourcen", wettert Offermann und träumt davon, dass die Schule der Zukunft den Kindern die Möglichkeit bietet, "das weiter zu entwickeln, was sie als Begabung an sich bemerken". Und wenn's Kunst oder Sport ist: "Man muss die Kinder so nehmen, wie sie sind."

Es gibt für jeden etwas, stimmt Schülersprecher Fabio Janzano zu. "Die Lehrer sind für alles offen." Und: "Man fühlt sich sicher. Herr Offermann ist für einen da." Und das in einer Schule, die so groß ist, dass nicht einmal alle Lehrer auf Anhieb wissen, wo welches Klassenzimmer ist. Laut Elternbeiratschef Wolfgang Schoch trifft es den Kern der Sache: "In dieser Schule kümmert man sich um jedes Kind. Die Schüler fühlen sich wertgeschätzt. Eigentlich ist das an jeder Staatsschule möglich."

In der Freien Schule Frankfurt geschieht das schon seit Jahrzehnten. Die Grundidee dieser privaten Grundschule für Kinder zwischen drei und 13 Jahren ist, dass Kinder von sich aus lernen wollen. Was, das bestimmen sie jeden Tag selbst. Rechnen, Schreiben, Lesen? Oder lieber Malen, Schreinern, Spielen, Rennen, Streiten?

Dass Kinder in dem alten Mehrfamilienhaus nahe der Uniklinik Frankfurt eine wichtige Rolle spielen, sehen Besucher schon von außen, wo im Vorgarten viele Jahrgänge ihre "Abgängerprojekte" hinterlassen haben: ein an der Hauswand angebrachter Roboter, eine Reihe Gipsmasken, ein kleines Labyrinth. Und dann ist da natürlich das Baumhaus, wo sich jetzt, um neun, aber niemand tummelt. Denn jetzt gibt's Frühstück.

Am Tisch der Älteren verschwinden Nutella- und Marmelade-Brote flott in Mündern. Kiwi, Apfel und Banane? Och, naja. Klappernde Messer sorgen zusammen mit einem vielstimmigen Kinder-Frühstücksgebrüll für Jet-Lautstärke im Esssaal. Essen ist inklusive im Schulgeld, für das die Eltern je nach Einkommen zwischen 120 und 293 Euro pro Monat aufbringen müssen. Su, Paulina und Amelie sind schnell entschlossen, als Cornelia Groß, "Angebotslehrerin für Kunst", fragt, wer denn dem Gast das Haus zeigen wolle. Die drei sind elf, neun und sieben und gründlich: Die Hausführung, die im dritten Stock, im Legozimmer, beginnt, endet zwei Stunden später im Holzkeller bei Andreas.

Da ist es dann fast schon Zeit für das Mittagessen. Doch vorher setzen sich die drei Mädchen noch ins Kunstzimmer zu Cornelia und malen ein bisschen. "Was hättet Ihr denn sonst heute gemacht?" "Gespielt", sagt Su. Sie ist am Nachmittag in der Deutsch-Übung eine der ersten, die ihre Aufgabe - eine vorgelesene Geschichte zu Ende schreiben - abgegeben hat. Sie verschwindet irgendwo im Haus.

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Autor:  FRAUKE HAß
Datum:  16 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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