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SPD-Kandidatin Gesine Schwan: Bildung - mehr als Aufstieg und Effizienz

Die bayrische Lehrerin Sabine Czerny, die darauf bestand, den Lernfortschritt ihrer Schüler an deren je eigenen Fähigkeiten zu messen und mit der Anerkennung des individuellen Lernfortschritts zugleich das Selbstvertrauen und die Motivation der Kinder zu stärken - sie ist die Lehrerin der Zukunft, auch wenn sie abgestraft worden ist, weil der Notendurchschnitt ihrer Klasse angeblich zu gut war. Die Zivilcourage, mit der sie in Verantwortung gegenüber ihren Schützlingen ihr Vorgehen verteidigt hat - gegen das alte Denken in standardisierten Zensuren, das alle Menschen gleichmacherisch an derselben Elle misst, verdient höchste Anerkennung.

Die Vielfalt der Talente bis zu deren Spitzenleistung zu entwickeln, für die Individuen wie für die gesamte Gesellschaft so den eigentlichen Reichtum der Begabungen zum Tragen zu bringen und damit das elitenbezogene Prinzip einer hierarchischen Gesellschaft zugunsten eines partnerschaftlichen zu überwinden - dies kann nur der Staat garantieren. Er allein kann nicht nur an den Besten interessiert sein, sondern an einer möglichst breiten Förderung der Talente, die dann in der Summe den größtmöglichen Nutzen für die Gesellschaft erbringen.

Dann erhält jeder die gleiche Chance, die ihm angemessene Bildung zu erwerben und sich in einer unübersichtlichen Welt zurechtzufinden. Übrigens haben die Pisa-Studien auch gezeigt, dass Höchstleistungen gerade dort zu finden sind, wo die Leistungsergebnisse der Schüler eng beieinander liegen und man sich auf jeden in seiner Eigenart, nicht nur auf die so genannten Besten konzentriert hat.

Ein derart erneuertes Bildungsverständnis könnte noch zu etwas anderem beitragen: Der Überwindung des Gegensatzes von Bildung und Ausbildung. Das populäre Stichwort vom "lebenslangen Lernen" macht es deutlich: Da die Zukunft offensichtlich offen ist, kommt es bei der Ausbildung junger Menschen zunehmend weniger auf technische Fertigkeiten oder Spezialwissen an. Gefragt ist vielmehr eine Stärkung der Fähigkeit der Individuen, sich eigenständige Kategorien und Ordnungssysteme für die überbordenden Informationen zu erarbeiten, um darüber hinaus zu reflektiertem Wissen zu gelangen.

Bildung ist in diesem Verständnis kein handliches oder prestigesicherndes Gut, über das der Bildungsbürger verfügen kann. Bildung ist vielmehr die andauernde Anstrengung, mit der die Person die Welt erkennt, sich eine moralische Orientierung erwirbt und danach handelt. Jede Erfahrung gleicht sie dazu in Rückbeugung auf sich selbst und auf vorangegangene Erfahrungen ab, im Bewusstsein dessen, dass es ein abgeschlossenes Wissen nicht gibt, auf das sie sich einfach stützen könnte.

Der Fortschritt von der Einzelinformation zum Wissen, der im Alltagsverständnis eine Zunahme an Sicherheit über das Angenommene zu erreichen scheint, liegt im Gegenteil in der paradoxen Vergewisserung über die prinzipielle Ungesichertheit von Wissen und die Grenzen seiner Geltung. Der Wissende kennt die Grenzen jeder Sicherheitsanmaßung besser als der nur Informierte. Das Wissen um die Ungewissheit markiert also den Erkenntnisfortschritt.

Kants "Kritik der reinen Vernunft", die "kopernikanische Wende" in der Erkenntnistheorie, hinter die so viele aktuelle Wissensgesellschafts-Rhetoriker zurückfallen, bietet die Grundlage, von der dieses Bildungsverständnis ausgeht. Damit ist es moderner und aufgeklärter als viele pseudofortschrittliche Positionen, die als Befund oder gar als Ziel die Informationsgesellschaft ausrufen.

Damit sind wir bei der politischen Dimension unseres Umgangs mit Bildung. Denn wenn Bildung und Ausbildung mit Blick auf die Zukunft, angesichts des rapiden technologischen Wandels, keinen prinzipiellen Gegensatz mehr darstellen, dann erhebt sich folgende Frage: Bleibt ein Bildungsverständnis, das an Moral und Verantwortung gekoppelt ist, für die Zukunft unserer Bildungseinrichtungen bedeutsam?

Meine Antwort lautet uneingeschränkt ja. Die Gefahr einer partiellen Blindheit und einer Verantwortungslosigkeit können wir nur abwehren, wenn wir den Gedanken nachvollziehen, dass ein Zusammenleben auf dieser Erde an moralische und politische Bedingungen wie Freiheit und Gerechtigkeit gebunden ist. Das ist es für alle, weil wir uns nicht mehr abschotten können. Die Fortentwicklung der freiheitlichen, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit sichernden Demokratie ist die Voraussetzung für unser aller Überleben. Diesem Ziel haben sich sich die ökonomische Effizienz der Bildung und ihre Technologisierung unterzuordnen. Ein Ziel, für das es zu streiten lohnt.

Gesine Schwan ist SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten. Die Politikwissenschaftlerin war viele Jahre Präsidentin der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder.

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Autor:  GESINE SCHWAN
Datum:  9 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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