In den vergangenen Jahren haben wir die Aufgabe von Bildung immer mehr darauf reduziert, der Ökonomie zu dienen. Angewandt haben wir dabei Rationalitätsprinzipien, wie sie schon Max Weber eindrucksvoll beschrieben hat. Im Kern geht es um Effizienzsteigerung bei möglichst wenig Aufwand: Schnell und zielgerichtet von A nach B kommen, keine Umwege, keine Fehler, kein Liebeskummer.
Je kürzer die Schulzeit und das Studium, desto besser, je mehr Drittmittel, desto forschungsstärker, je enger mit der Wirtschaft verbunden, desto exzellenter. Soziales oder politisches Engagement in der Mitverwaltung von Schule oder Hochschule, das Sammeln künstlerisch-musischer Erfahrungen, das Ergründen komplizierter Zusammenhänge, das Gehen von Umwegen und das Zugeben und Verarbeiten von Scheitern - all das können wir uns nicht mehr leisten.
Wir hasten von Herausforderung zu Herausforderung und müssen immer in Höchstform sein. Philosophie - die es nach Odo Marquart besonders gut aushält, Fragen zu stellen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt - wird dabei überflüssig, ihre Professuren werden gestrichen, ihre Anteile in Lehrplänen getilgt. Dass damit eine Kultur der Begründung verkümmert, ohne die eine Demokratie auf Dauer zur leeren Hülle wird, fällt so lange nicht auf, wie alles zu laufen scheint.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Bildung muss einen Beitrag zur Innovation, zur Wertschöpfung und zur ökonomischen Prosperität leisten. Und doch muss die Beschränkung auf diese Ziele überwunden werden, weil eine solche Sicht zu einer kulturellen Verarmung führt und die umfänglichere Perspektive der Aufgaben von Bildung und Ausbildung in einer demokratischen Welt-Gesellschaft vernachlässigt - mit möglicherweise verhängnisvollen Folgen.
Der Vorrang des Prinzips einer rasch sichtbaren Effizienz und eines möglichst ungebremsten Wettbewerbs hat die Weisheit von Jahrhunderten verdrängt, dass Bildung langfristiges und gemeinsames Denken braucht, dass sie verarmt, wenn man sie nur für vordergründige Ziele instrumentalisiert, dass mit der Geringschätzung zweckfreier Neugier kostbare Erkenntnisquellen versiegen, die uns in Zukunft unerwartete und ebenso unverzichtbare Dienste leisten können.
Vor 25 Jahren waren die Islamwissenschaften an den Universitäten ein "unnützes" so genanntes Orchideenfach. Heute blühen sie überall, weil ihre Kenntnisse auch praktisch gefragt sind. Dies zeigt das Dilemma: Wir wissen heute nicht, was wir in 25 Jahren wissen müssen.
Deswegen ist es so gefährlich, wenn wir durch windkanalförmige Anpassungen jenes Reflexionswissen abtöten, das unsere Gesellschaft dringend brauchen wird. Um dieses zu erbringen, braucht es Freiheit des Denkens und auch die Freiheit von den materiellen Zwängen unmittelbarer Verwertbarkeit. Garantieren kann das nur der Staat, da er die einzige Instanz ist, die langfristig in die Zukunft investieren kann.
Umso mehr Sorgen macht es mir, dass unsere öffentlichen Bildungssysteme seit Jahren in die entgegengesetzte Richtung gehen, in dem sie dort Mechanismen der Marktsteuerung einziehen, wo diese nur versagen können. Wenn zum Beispiel an den Universitäten Gebühren eingeführt werden, damit die Studierenden als "Kunden" eine bessere Lehre reklamieren, dann hat man von dem, was Bildung eigentlich heißt, wenig verstanden. Denn Bildung ist keine Ware, sondern eine Leistung, zu der eine eigene Anstrengung gehört, die eher gelingt, wenn man Freude an der Leistung hat und weiß, wozu sie dient.
Stattdessen haben wir aber den Wettbewerb zum einzigen Motor und zugleich zum alleinigen Maßstab von Bildung gekrönt. Leistung entsteht demnach nur durch Konkurrenz und zeigt sich fetischhaft in Rankings. Wer auf Nummer eins steht, muss einfach grandios sein. Und wenn man sich von Nummer 44 auf Nummer 27 hochgearbeitet hat, ist man definitiv auf dem richtigen Weg. Eigenes Nachdenken über die Sache selbst, Descartes' Spruch, dass an allem zu zweifeln sei (de omnibus dubitandum), der traditionelle Imperativ aller Wissenschaft, erübrigt sich.
Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich besser bin als alle anderen. Mein Selbstwertgefühl steigt, je schlechter die anderen sind, denn nur daran misst es sich ja. Dass in einem solchen Klima kein Vertrauen und keine Kultur der Gemeinsamkeit gedeihen können, liegt auf der Hand. Ob in der Schule, im Unternehmen oder zwischen den Banken: Gemeinsamkeit des Handelns ist allenfalls im Team gegen andere angesagt, um zu gewinnen, nicht wegen einer womöglich alle einigenden Aufgabe wie dem Klimaschutz, nicht im Dienst eines Werkes, das so langfristig angelegt wäre, dass es erst der übernächsten Generation und nicht dem Ranking von morgen zugute käme. Apfelbäume zu pflanzen, macht hier wenig Sinn.
Für gute Bildung zu sorgen aber heißt, Apfelbäume zu pflanzen. Statt Ehrgeiz und Wettbewerbsdenken zu verabsolutieren, sollte Bildung von der frühesten Kindheit an die individuelle Person mit ihren Potenzialen so in den Blick nehmen, dass alle ihre Fähigkeiten gestärkt werden. Spitzenleistung würde sich dann an der Ausbildung und Verwirklichung dieser Potenziale messen und nicht an dem Vergleich mit anderen, der ein gleiches, in Wirklichkeit gleichmacherisches Niveau aller Kinder voraussetzt, an dem die Spitze gemessen würde.