Kanzlerkandidat Steinmeier wird die Wahl nicht wegen Ulla Schmidt verlieren - aber er wird sie auch nicht wegen diffuser Ängste vor Schwarz-Gelb gewinnen. Die SPD und er müssen mit Aufrichtigkeit punkten. Leitartikel von Steffen Hebestreit
Steffen Hebestreit ist Redakteur der FR in Berlin.
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Was haben die SPD und die Schweinegrippe im Augenblick gemeinsam? Keiner will sie haben, aber alle reden darüber. Und was unterscheidet sie? Anders als der SPD wird der Schweinegrippe zugetraut, im Herbst erst richtig zuzuschlagen.
Als hätten die Sozialdemokraten nicht schon genug zu leiden, stürzt nun noch ein gestohlener und inzwischen wieder aufgetauchter Dienstwagen die Partei in neue Schwierigkeiten. Natürlich wird die SPD die Bundestagswahl nicht wegen eines geklauten Autos verlieren. Doch die Instinktlosigkeit von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und vor allem ihr grottenschlechtes Krisenmanagement haben dem Kanzlerkandidaten keine andere Wahl gelassen: Frank-Walter Steinmeier musste Ulla Schmidt aus seinem Team werfen, um (noch) Schlimmeres zu verhindern.
Dieser Rauswurf überschattet, wie die gesamte Affäre, nun das, was einmal als "Start" in die heiße Wahlkampfphase geplant war. Nicht die Leute, die der Kanzlerkandidat am heutigen Donnerstag als sein Team präsentieren wird, werden im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern jene, die eben nicht dabei ist.
Ulla Schmidt hin oder her, die Wahlkampfmannschaft Steinmeiers zeigt auch, wie sehr sich die SPD in elf Jahren an der Macht und einer schmerzvollen Legislaturperiode als Juniorpartner in der großen Koalition verschlissen hat. Inhaltlich wie personell. Einzige positive Überraschung in der Mannschaft ist die Schweriner Sozialministerin Manuela Schwesig.
Sie sollen's richten: Das SPD-Schattenkabinett
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Sie sollen's richten: Das SPD-Schattenkabinett
Innenpolitik: Thomas Oppermann, SPD-Fraktionsgeschäftsführer , würde sich unter einer SPD-geführten Regierung um die Belange des Innenministeriums kümmern.
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Bildung: Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles soll für Bildungspolitik zuständig sein und CDU-Ministerin Schavan herausfordern.
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Verteidigung: Die Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses, Ulrike Merten, übernimmt den Bereich Verteidigungspolitik.
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Familie: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerin für Soziales und Gesundheit, Manuela Schwesig (hier bei ihrer Ernennung im Oktober 2008) , ist für Familie zuständig und soll sich vor allem des Themas Kinderarmut annehmen.
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Finanzen und Wirtschaft: , Peer Steinbrück (62) ist seit 2005 nicht nur Bundesfinanzminister, sondern auch der stellvertretende Vorsitzende der SPD. Zuvor war der gelernte Volkswirt unter anderem Ministerpräsident sowie Finanz- und Wirtschaftsminister in NRW und Minister für Wirtschaft, Technologie und Verkehr in Schleswig-Holstein.
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Entwicklungshilfe: Heidemarie Wieczorek-Zeul (66), gelernte
Lehrerin, ist als Ministerin für den Bereich Entwicklungshilfepolitik verantwortlich. Zuvor engagierte sie sich im Außenwirtschaftsausschuss im Europäischen Parlament und als Mitglied im Bundestag. Zwischen 1993 und 2005 war die gebürtige Frankfurterin stellvertretende Vorsitzende der SPD.
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Umwelt: Dasselbe gilt für den amtierenden Umweltminister Sigmar Gabriel.
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Verkehr: Wolfgang Tiefensee (54), gelernter Ingenieur, leitet
derzeit das Ministerium für Verkehr-, Bau- und Stadtentwicklungspolitik. Zudem engagiert er sich seit 2005 als Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Vor seinem Ministerposten war er Oberbürgermeister der Stadt Leipzig.
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Arbeit und Soziales: Olaf Scholz (51), Rechtsanwalt, war nach
seiner kurzen Zeit als Innensenator Hamburgs zunächst SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Seit 2007 ist er Bundesarbeitsminister.
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Justiz: Brigitte Zypries (55) ist Justizministerin in der großen Koalition. Zuvor arbeitete sie unter anderem im Bundesinnenministerium, im Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales sowie als Staatssekretärin.
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Kultur: In Steinmeiers Team als Beauftragte für Kulturpolitik: Christina Rau, die Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau.
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Mit dabei ist auch die bisherige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer.
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Mittelstand: Harald Christ (37), gelernter Industriekaufmann, hat
bei der Deutschen Bank gearbeitet und die HCI Capital AG an die Börse
gebracht. Seit 2003 ist er Inhaber und Chairman der Christ Capital Aktiengesellschaft, seit 2008 Inhaber und Vorsitzender des Vorstandes der CUSTODIA Treuhand und Vermögensverwaltung. Er wurde schon mal als Berliner Finanzsenator gehandelt.
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Landwirtschaft: Udo Folgart (53) ist seit 2006 Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands (DBV). 2004 zog der parteilose Politiker für die SPD in den Landtag von Brandenburg ein.
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Neue Medien: Hubertus Heil gehört als Generalsekretär seit November 2005 zur SPD-Spitze. Heil sorgte zuletzt für Schlagzeilen, weil er die RTL-Super-Nanny Katharina Saalfrank für den SPD-Wahlkampf verpflichtete.
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Gesundheitsministerin Ulla Schmidt wird dem Schattenkabinett unter Steinmeier zunächst nicht angehören. Zuletzt hatte eine Dienstwagen-Affäre die Ministerin geschwächt.
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Der Kanzlerkandidat: Frank-Walter Steinmeier hat sein Schattenkabinett zusammen. Knapp zwei Monate vor der Bundestagswahl stellt er sein "Kompetenzteam" vor.
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Fotostrecken Politik
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Linkspartei in der Krise
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Dabei wäre frisches Blut und ein Aufbruchsignal so wichtig für eine Partei, zu der sich inzwischen in Umfragen bestenfalls jeder vierte Deutsche noch bekennt. Darf man eigentlich dann noch von der Volkspartei SPD sprechen? Klar ist, die Krise der Partei ist viel tiefer, als die Führungsmannschaft sich eingesteht. Die Regierungsjahre, die Folgen des ebenso schmerzhaften wie nötigen Agendaprozesses sowie das Verschwinden des klassischen sozialdemokratischen Arbeitermilieus verschlimmern die Lage. Im Jahr 2009 ist die SPD eine 25-Prozent-Partei.
Doch was folgt aus dem Ganzen? Soll das Willy-Brandt-Haus die Wahlkampfplanung einstellen? Soll sich die SPD das Geld und die Mühen für die Kampagne gleich sparen? Kann Steinmeier einpacken, bevor er richtig angefangen hat?
So rhetorisch diese Fragen klingen mögen, sind sie doch die logische Konsequenz aus den Analysen, die die Partei allenthalben zu hören bekommt. Das mag ein Grund dafür sein, dass die SPD solche Analysen nicht mehr hören will und sich stattdessen in die Autosuggestion flüchtet.
Menschlich ist es verständlich, politisch aber gefährlich, die aktuelle Krise mit der Konstellation vor den Wahlen von 2002 oder 2005 zu vergleichen. Klar hat die SPD die Sache damals noch umbiegen können. Wir können Wahlkampf, grölt es seither selbstbewusst aus dem Willy-Brandt-Haus. Am 7. Juni, zur Europawahl hat der Wähler aber gezeigt: "Wir können auch anders."
Natürlich werden Wahlen auch diesmal nicht in Redaktionen und Agenturen entschieden. Allerdings wird es für die SPD am 27. September nie und nimmer reichen, sich darauf zu verlassen, dass die "Leute" aus einer diffusen Angst vor Schwarzgelb heraus ihr Kreuzchen doch noch mal bei den Roten machen.
Der Kanzlerkandidat hat nur eine Chance: Er muss sich im Wahlkampf auf seine Stärken und die Schwäche der Union konzentrieren. Steinmeier muss eine ehrliche Analyse der Krise und aufrichtige Antworten für die Zeit danach formulieren, um die SPD-Klientel zu den Wahlurnen zu locken. Die Sozialdemokraten müssen der Gegenentwurf sein. Sie müssen deutlich machen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht nur ein Betriebsunfall war, sondern tiefe strukturelle Gründe hat. Wie kann der Staat möglichst rasch seine gigantischen Schulden in den Griff kriegen? Wie soll unser Finanz- und Wirtschaftssystem nach der Krise aussehen? Welche Bedeutung soll die Generationengerechtigkeit in der Rentnerrepublik Deutschland erhalten?
Klar klingt es nach Blut, Schweiß, Tränen, nach einem Zumutungswahlkampf. Doch die SPD muss ihre scheinbare Ausweglosigkeit als Vorteil begreifen und aufrichtig sein. Das würde zur Person Steinmeier passen. Und er würde sich wohltuend von der Union abheben, deren aberwitzige Steuersenkungsversprechen 88 Prozent der Bürger ohnehin nicht glauben werden.