Heute ist schon vieles anders. Heute, sagt Julian Wekel, gebe es "ein anderes Verhältnis zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten". Und deswegen habe die Jury auch großen Wert darauf gelegt, dass es künftig einen zentralen Platz in der Heinrich-Lübke-Siedlung geben müsse, berichtet der Vorsitzende des Gremiums, das jetzt den städtebaulichen Wettbewerb zur energieeffizienten Sanierung der Praunheimer Siedlung entschieden hat.
Entstehen soll ein Ort, an dem sich die Mieter gerne aufhalten, miteinander ins Gespräch kommen, am besten über ihre Siedlung reden. Aus diesem Grund habe die Jury auch die beiden Frankfurter Architekten Jo Franzke und Albert Speer als Sieger der Konkurrenz auserkoren: Franzke wegen des von ihm großzügig gestalteten Zugangs zu der Siedlung, Speer vor allem für die Wegenetze innerhalb des Quartiers. Gemeinsam sollen die beiden Stadtplaner in Praunheim Wekel zufolge ein Modell für den sozialverträglichen wie nachhaltig wirkenden Umbau einer Siedlung aus den 70er Jahren schaffen.
"Wir wollen ein auch auf andere Siedlungen der Stadt übertragbares Modell schaffen", gibt Frank Junker, Chef der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG, als Richtung vor. Damit, setzt Wekel, selbst Architekt und Professor für Städtebau in Darmstadt, hinzu, stelle sich "eine exemplarische Aufgabe für den künftigen Städtebau". Schließlich mangele es deutschen Städten nicht an Siedlungen aus den 60ern und 70ern, die allesamt ihrer Sanierung harren.
In Praunheim könnte das so gehen. Die in Waschbeton gegossene Quartiersgarage an der Ludwig-Landmann-Straße bleibt als bloßes Skelett erhalten, bietet auch künftig mehr als 400 Parkplätze, soll aber mit Glas neu verkleidet werden. Damit verschwänden "Angsträume" , an denen es in der Siedlung nicht mangele, betont Junker. Von der Idee des Abrisses der Garage habe man sich verabschiedet, weil ihr durchaus die Qualität eines Lärmschutzwalls zu der stark frequentierten Ludwig-Landmann-Straße zukomme. "Aber wir sorgen für eine andere Belichtung", verspricht Junker. Unmittelbar neben der Garage könnte nach Franzkes Plänen ein Supermarkt entstehen. Das sei es, was von Anwohnern immer wieder als großes Manko beschrieben werde, nachdem ein Supermarkt in dem kleinen Geschäftszentrum, das momentan zu der Siedlung gehört, aufgegeben hatte.
Gegenüber von dieser Einkaufsmöglichkeit sieht Franzke in einem sechsgeschossigen Gebäudekomplex neue Wohnungen vor. Sie könnten gleichsam zusammen mit dem Supermarkt das neue Entree zur Siedlung bilden: Über diesen Weg erreichen Mieter ihre Siedlung, bei deren Sanierung neue Routen geschaffen werden sollen, die die Bewohner dann auch als öffentliche Flächen nutzen könnten.
Bis zu 100 Wohnungen ließen sich in Franzkes Neubau und den beiden dreigeschossigen Bauten unterbringen, die das Büro Speer zur Ebelfeldschule hin vorsieht. "Nachverdichtungen" nennt das ABG-Manager Junker. Insgesamt verspricht sich sein Unternehmen für die Wohnfläche perspektivisch ein Plus von 5600 Quadratmetern. Netto, wohlgemerkt, denn über die großzügigere Bemessung der heute als bedrückend empfundenen Eingänge zu den Wohnhäusern der Lübke-Siedlung und die Positionierung der Mülltonnen in den Eingängen gingen auch 1900 Quadratmeter verloren. Für sein Unternehmen gehe es auch darum, "eine sozialverträgliche Belegung der Wohnungen zu erreichen", indem neben den Sozialwohnungen auch frei zu vergebende Einheiten gedeihen könnten.
Grundsätzlich orientiere sich Speers Siegerentwurf an der Maxime, die Siedlung "durch maßvolle Umbauten, Nachverdichtungen und Neuordnungen der Grundstücke zu stärken und auszubauen ", hebt Junker hervor. In ersten Analysen, die das Fraunhofer-Institut für Bauphysik gemacht hatte, habe sich die Substanz der Siedlung als gut erwiesen. Erforderlich sei allerdings eine energetische Modernisierung, die sich gleichwohl in einem wirtschaftlich vertretbaren Rahmen realisieren lasse. Ob in diesem Zusammenhang ein neues Blockheizkraftwerk für das Quartier errichtet werde oder man vor allem auf Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach der Garage vertraue, müsse im Details erst noch geprüft werden, sagt Junker.
Auf jeden Fall können die Mieter während der Sanierung in ihren Wohnungen bleiben. Speers Entwurf sieht im wesentlichen eine Dämmung von außen, die Vergrößerung der Fenster und neue Balkone vor.
In seiner Studie "Frankfurt für alle" hatte Speer Anfang des Jahres die Heinrich-Lübke-Siedlung als "nachhaltiges Modellquartier empfohlen", weil diese "durch ihre städtebauliche und soziale Struktur vielfältige Ansatzpunkte für eine umfassende, ökologische Erneuerung" biete. Einer solchen Sanierung könne man durchaus beispielgebende Qualität zumessen, befand Speer in seiner Denkschrift. Mit den Umbauten, die nach den Vorstellungen Junkers bereits im kommenden Jahr beginnen sollen, das hebt Speers Kollege Julian Wekel hervor, "machen wir die Siedlung wieder zu einem Baustein der Stadt".

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