Der Energiekonzern Eon beharrt trotz veränderter Rahmenbedingungen auf der "Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit" des geplanten sechsten Steinkohle-Kraftwerksblocks in Großkrotzenburg.
Das unterstrich der Eon-Energieportfolio-Chef Torsten Röglin am zweiten Tag des Genehmigungsverfahrens für das Vorhaben. "Wir gehen heute noch davon aus, dass Staudinger Block 6 wirtschaftlich sein wird", sagte er. Die Gegner bezweifeln dies wegen avisierter längerer Laufzeiten der Kernkraftwerke.
"Erst wurde Block 6 damit begründet, dass Atomkraftwerke stillgelegt werden und ein neuer Grundlastträger benötigt würde", warf der Hanauer Grünen-Politiker Elmar Dietz Eon einen Logik-Fehler vor, "da muss sich doch jetzt etwas ändern, wenn die Kernkraft am Netz bleibt".
Der Rechtsanwalt der kommunalen Arbeitsgemeinschaft gegen Block 6 (Hanau, Alzenau, Hainburg und Seligenstadt), Matthias Möller-Meinecke, sieht den Bedarf gleichfalls "erschüttert". Eon selbst habe im Oktober das Projekt als "under review" (unter Beobachtung) klassifiziert.
Der Anwalt forderte am Mittwoch, dass das Raumordnungsverfahren, das den Block 6 auch mit Blick auf den Energiebedarf als "raumverträglich" einstufte, wegen der veränderten Bedarfslage neu aufgerollt werden müsse.
Ursula Philipp-Gerlach, die Anwältin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen und des Bundes Naturschutz Bayern, sieht Block 6 wie ihr Kollege in Kollision mit bindenden Vorgaben der Landes- und Regionalpolitik. Der gültige Landesentwicklungsplan aus dem Jahr 2000 setzt nach ihrer Deutung den Klimaschutz an die erste Stelle. Demnach seien Kraftwerksneubauten nur noch zulässig, wenn umweltfreundliche Alternativen partout nicht möglich seien und ein ökologischer Vorteil entstehe.
Nach den pointiert politischen Beiträgen und publikumswirksamen Provokationen am Vortag waren am Mittwoch im Großkrotzenburger Bürgerhaus die Experten unter sich. Verwaltungsjuristen stritten über Verfahrensfragen und die Deutung von Gesetzestexten.
Den einzigen Farbtupfer setzten Mitglieder der Bürgerinitiative Stopp Staudinger (BI). Kurz nach 11.11 Uhr marschierten sie mit Elferratsmützen in den Saal, der von neun Sicherheitsdienstlern - schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, silbergraue Krawatte und Lautsprecher-Knopf im Ohr - bewacht wurde wie bei einem Staatsbesuch.
Die Aufgabe der Wächter war überschaubar. Kaum mehr als ein Dutzend Zuhörer verfolgte die Diskussion, die von jeweils etwa ebenso vielen Projektgegnern, Eon-Mitarbeitern und Bediensteten des Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt hinter aufgeklappten Laptops bestritten wurde. Mit ihrem Narhalla-Marsch wollte die BI verdeutlichen, dass sie die Einwände gegen den Neubauantrag vom RP nicht ernsthaft gewürdigt sieht. Bereits am ersten Tag seien Erörterungen abgewürgt worden. "Die ziehen das hier einfach durch und lassen sich auf nichts ein", sagte BI-Sprecher Winfried Schwab-Posselt der FR.

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