Wer in diesen Tagen durch Bad Homburg fährt, fühlt sich wie auf Zeitreise. "Keine Experimente!" warnen an allen Ecken rote Aufkleber auf Wahlplaketen, von denen CDU-Oberbürgermeisterin Ursula Jungherr mild lächelnd mobil macht für ihre Wiederwahl. Dieser Rekurs auf die Adenauerzeit drückt vieles aus, vor allem aber große Angst.
Seit 61 Jahren in Folge stellt die CDU das Stadtoberhaupt. Am Sonntag ist Stichwahl und erstmals in der Geschichte der Stadt hat ein Grüner realistische Chancen, den Chefsessel in der vierten Etage des Rathauses zu erobern. Angst plagt die CDU/FDP-Mehrheit in der 52 000 Einwohner-Kommune mit einer Kaufkraft, die mehr als 50 Prozenpunkte über dem Bundesdurchschnitt liegt. Großzügige Villenviertel prägen die Kur- und Einkaufsstadt mit ihrem Landgrafenschloss. Angst, es könnte diesmal zu Ende gehen mit der politischen Erbfolge.
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Ursula Jungherr
Die CDU-Politikerin ist Juristin und arbeitete als Richterin in Baden-Württemberg. 1985 zog sie mit Mann und zwei Söhnen nach Bad Homburg.
Seit 1989ist die 62-Jährige in Bad Homburg politisch aktiv, machte Karriere von der Stadtverordneten zur Stadträtin und Stadtkämmerin. Oberbürgermeisterin wurde sie im Dezember 2003, nachdem die Wahl ihres Vorgängers Reinhard Wolters für ungültig erklärt worden war.
Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen erhielt sie 39 Prozent der Stimmen.
Michael Korwisi
Der gebürtige Bad Homburger ist Mitglied der Grünen, tritt aber als unabhängiger Kandidat mit einem Unterstützerkreis an. Zu dem gehört auch der Jazzmusiker Reimer von Essen.
Er ist Lehrer für Englisch und Russisch und 57 Jahre alt. 1979 war er Mitbegründer der Grünen in der Kurstadt und im Hochtaunuskreis und arbeitete unter Joschka Fischer als Referent für Öffentlichkeitsarbeit im hessischen Umweltministerium.
Korwisi war von 2001 bis 2006 Stadtrat. Sein Ausgangsergebnis: 9,3 Prozent.
Korwisis Chamäleon-Taktik
Michael Korwisi, ehemaliger Stadtrat der Grünen und von der schwarz-gelben Parlamentsmehrheit nach der letzten Kommunalwahl abgewählt, sieht im Wahlkampf blau. Als Unabhängiger geht er mit der Farbe des Stadtwappens ins Rennen und diese Chamäleon-Taktik scheint aufzugehen.
Im ersten Wahlgang vor vierzehn Tagen hat er ein politisches Erdbeben ausgelöst. Mit 40 Stimmen lag er knapp vor der Amtsinhaberin, die nur auf 39 Prozent kam. Der dritte Bewerber, SPD-Mann Karl Heinz Krug, hat respektable 21,7 Prozent eingefahren.
SPD, eine Bürgerliste (BLB), und Unionsabtrünnige in einer Wählergemeinschaft (NHU) haben nun Wahlempfehlungen für Korwisi abgegeben. Korwisis Stimmen plus die für Krug wären 61 Prozent, lautet die Arithmetik der Wechselhoffnung. Fast genauso groß war übrigens der Anteil der Nichtwähler.
Das kurstädtische Erdbeben indes ist hausgemacht. Als Seismograph könnte man aufzählen, wie die CDU es in regelmäßigen Abständen schaffte sich bundesweit zum Gespött zu machen, weil sie es drei Mal hintereinander trotz schwarz-gelber Parlamentsmehrheit nicht schaffte, einen Bürgermeister aus den eigenen Reigen zu wählen.
Man könnte auch anführen, dass die CDU im Dezember noch selbst ganz heftig am Sessel ihrer Verwaltungschefin sägte, als der Parteivorstand gern den Chefgynäkologen der heimischen Klinik zum OB-Kandidaten küren wollte. Es klang nicht sehr nett und wenig nach geschlossenen Reihen, als der Parteichef öffentlich die Kommunikations-Defizite der 62-jährigen Amtsinhaberin anprangerte. Sie könne die erfolgreiche CDU-Politik einfach nicht richtig gut verkaufen, hieß es.
Alle lachen über die CDU
"Wir haben Ihre Botschaft verstanden", kommentierte Jungherr zu Wochenbeginn in einem Brandbrief an alle Haushalte den Denkzettel vom Wahltag. Viele Bürger fühlten ihre Interessen nicht ausreichend vertreten. "Hier habe ich mit der CDU Fehler gemacht und dafür entschuldige ich mich bei Ihnen", heißt es in dem Schreiben.
Unterdessen zieht ein Traktor mit Anhänger und Korwisi-Konterfei unermüdlich durch die Straßen. Eine Art karnevalesker Antwort darauf, dass die Ordnungsbehörde kleine Korwisi-Wahlplakate aus den Gärten seiner Anhänger entfernen ließ. Die Handhabe dazu liefert die städtische "Gefahrenabwehrverordnung".
Es geht eine Angst um in Bad Homburg. Und die ist blau-grün.

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