Unter den ungleichen architektonischen Tortenstücken am Potsdamer Platz wirkt der Berlinalepalast immer wie frisch angeschnitten. Vom roten Teppich aus kann man durch die glasklare Frontscheibe in die fünf Foyeretagen blicken. Heinz Sielmann hätte hier einen wunderbaren Tierfilm über das Festivalvolk drehen können und seine Gewohnheiten wie in einem aufgeschnittenen Fuchsbau studieren. Oder einem Taubenschlag: Schon nach zehn Minuten verlassen die ersten Ungeduldigen den Saal. Andere kommen dafür erst kurz vor Schluss in die Vorstellung.
So unterschiedlich die Kinositten, so verschieden ist auch der Blick auf das Gezeigte. Für Kollegin Anu aus Mumbai gehört der deutsche Beitrag "Shahada" zu den großen Entdeckungen des Festivals. Auch in Indien werde derzeit viel über den Islam diskutiert. Eine Einführung in Spielfilmform dagegen hätte sie sich aus Deutschland nicht erwartet.
Tatsächlich ist das Debüt des 29-jährigen, afghanisch-stämmigen Regisseurs Burhan Qurbani der didaktischste Islamfilm seit Karmarkars "Hamburger Lektionen". Die einzelnen Kapitel sind mit Glaubensregeln überschrieben. Praktikable Handlungsanweisungen aber suchen die Protagonisten des Episodenfilms vergeblich. Die stärkste der kurzen Geschichten erzählt von der Tochter eines Berliner Imam, die dessen liberale Gesinnung vor immer neue Toleranzproben stellt.
Zuerst durch ausgedehnte Discobesuche, dann durch eine urplötzliche religiöse Radikalisierung. Den Anlass dafür allerdings behält sie für sich: Nach einer stümperhaften Abtreibung hält sie ihre Schmerzen für die gerechte Gottesstrafe. Bevor sie darunter halbtot zusammenbricht, stört sie die Predigt ihres Vaters durch radikal-islamische Gegenparolen.
Eine andere, weit weniger ausgeführte Geschichte erzählt von einem deutschen Koranschüler, der einen Afrikaner zum Sex verführt und damit in schwere Gewissensqualen stößt. Anstatt jedoch tatsächlich in die Tiefe der Debatte einzusteigen - immerhin werden Homosexuelle etwa in Nigeria mit der Todesstrafe bedroht, blendet das 88 Minuten kurze "kleine Fernsehspiel" in feiner Breitwandoptik lieber sanft weiter zum nächsten Problem.
Nur selten verlassen die kammerspielhaften Szenen den Ton tragischer Feierlichkeit, Filmkomponist Daniel Sus leistet dazu die kammermusikalische Trauerarbeit. Die eigentliche Glaubensfrage, vor die dieser Film uns stellen kann, ist seine überstrapazierte Episodenform. Wer nicht gerade Robert Altman heißt, den treibt sie oft in die Beliebigkeit.
Die ruhelose Erzählform meidet alle Freiräume des Imaginativen wie der Teufel das Weihwasser. Religiosität vermittelt sich im Kino selten in der direkten Ansprache. Dafür umso mehr in der subtil eingewobenen christlichen Ikonografie von Benjamin Heisenbergs hier bereits vorgestelltem Drama "Der Räuber". Oder in der gleichnishaften Bildsprache von "Bal/Honig", dem türkischen Beitrag von Semih Kaplanoglu.
Es ist nach den Filmen "Yumurta/Ei" und "Süt/Milch" der krönende Abschluss seiner viel beachteten Trilogie über bäuerliche Jugend. Ein Junge wartet sehnsüchtig und vergeblich auf die Heimkehr seines Vaters, der in einem Wald Bienen züchtet. Das Kind verliert aus Trauer seine Sprache und schöpft doch überraschend Hoffnung, als das Fest der Ankunft des Propheten gefeiert wird, in dem er seinen Vater wiedererkennt. Nun macht er sich selbst auf in den verwunschenen Wald, um nach dem Verschollenen zu suchen - und findet eine Natur von göttlicher Beseeltheit.
Mit der dezenten Schönheit tiefer 35-mm-Bilder führt Kameramann Banc Özbicer in Bildwelten von gänzlich ungekünstelter Überhöhung - ein seltenes Kunststück, aber es gibt einem tatsächlich den Glauben zurück, und wenn es nur der Glaube an die Filmkunst ist.
Wie aus Trotz gegenüber der Übermacht des Realismus erlebt dieses "reine Kino" derzeit in allen Erdteilen ein Comeback, wobei das Thema Transzendenz eine treibende Kraft ist - nur kommen die Erzählungen ohne eingebauten Katechismus daher. In den thailändischen Geisterbeschwörungen des Apichatpong Weerasethakul ebenso wie im russischen Kino bei Alexei Popogrebsky. Der 38-Jährige versetzte mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Kak ya provel etim letom/ Wie ich den letzten Sommer beendete" das Premierenpublikum in staunendes Entzücken.
Ausweglos in der Landschaft
Es ist ein Zweipersonenstück, das ans wahrhaftige Ende der Welt führt - eine Polarstation auf einer einsamen Insel im arktischen Meer. Ein Student hofft auf ein kleines Abenteuer, in dem er ein Praktikum bei einem einsamen Geophysiker absolviert, der schon drei Jahre von Frau und Kind getrennt lebt. Mit stoischem Ernst liest er veraltete Messgeräte ab und verbringt die reichlich bemessene Freizeit mit Fischfang. Als der Student über Funk die tragische Nachricht vom Tod der Familie des Kollegen auffängt, bringt er es nicht fertig, sie zu überbringen. Doch als das erlösende Schiff, das beide abholen soll, nicht mehr durchs Eis kommt, lässt sich das Unaussprechliche nicht mehr überbrücken; die Spannung eskaliert.
Regisseur Popogrebsky hat als Kind die Tagebücher eines Polarforschers verschlungen, doch sein Film lässt ebenso an die abgerissene Erdenbindung der Kosmonauten in Tarkowskijs Science-Fiction-Klassiker "Solaris" denken. Der im russischen Festivalkino fast obligatorische Vater-Sohn-Konflikt wird hier sehr dezent über Stellvertreter ausgetragen, was dem Drama eine spannungsvolle Vieldeutigkeit verleiht. Vor allem aber besticht Popogrebskys Arbeit durch seine plastische Vermittlung des Landschaftsraums. Ohne jede verfremdende Zutat werden Seelenlandschaften daraus wie einst im skandinavischen Stummfilm. Und die Besonderheit, dass in diesen Breiten Tag und Nacht nahtlos ineinander übergehen, führt schließlich zu einem ganz irrealen Zeiterlebnis, das den Eindruck des Ausweglosen noch verstärkt.
Und wieder muss man an den Jurypräsidenten Werner Herzog denken, einem anderen Kinoreisenden zu den letzten Enden des Planeten. Gefallen wird ihm das bestimmt.