Wer dachte, dass der Wandel der Bayreuther Festspiele nach dem Abtritt Wolfgang Wagners eine Sache der Kosmetik sei, könnte sich geirrt haben. Der Kampf zwischen Ver.di und Wagner zeigt, dass die neue Intendanz von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier die Festspiele inhaltlich zwar in die Zukunft führt, dass viele neue Organisationsabläufe aber noch lange nicht reibungslos funktionieren. In Wirklichkeit handelt es sich auch nicht um einen Kampf zwischen Ver.di und Wagner, sondern um einen zwischen den Bühnenarbeitern und den Arbeitgebern der Wagner-Schwestern, dem Verwaltungsrat der Bayreuther Festspiele. Und hier liegt das Problem.
Als Wolfgang Wagner Bayreuth noch leitete wie Wotan, ging es nach Gutsherrenart zu. Der Patriarch führte den Hügel als Familienbetrieb, und zur Familie gehörte jeder, der für Wagners Opern arbeitete.
Diese Organisation hatte den Vorteil, dass Sänger weit unter den Gagen großer Opernhäuser anreisten, dass die Musiker des Bayreuther Festspielorchesters ihre Sommerferien opferten, um mit großen Dirigenten zusammenzuarbeiten. Und diese Dirigenten kamen, weil sie das Engagement der Bayreuther Musiker schätzten. Selbst die Bühnenarbeiter und Kostümschneider haben sich in Zeiten der familiären Provinzbühne mit internationaler Ausstrahlung nicht um Tarifverträge gekümmert. Vielleicht weil ihnen Wolfgangs Dauer-Anforderungen keine Zeit ließen, vielleicht weil es Wichtigeres gab etwa das Abschneiden der Festspiel-Elf, des "FC Wotan", auf dem Bayreuther Fußballplatz. All das macht die Festspiele bis heute einmalig darin liegt ihr Mythos.
Gefährdet wird all das durch die neue Macht der Bayreuther Festspiele. Seit Wolfgangs Rücktritt trifft der Verwaltungsrat die Entscheidungen, ein Gremium aus Vertretern von Bund, Land und Stadt. Die erste Peinlichkeit hat es sich bereits bei der endlosen Verzögerung der Verträge für Katharina und Eva Wagner erlaubt. Obwohl die Vertragsdetails geregelt waren, begann ein endloses Gezerre um Details. Der Verwaltungsrat hatte zum ersten Mal gezeigt, dass die beiden neuen Intendantinnen mit den gleichen Unwägbarkeiten zu kämpfen haben, mit denen nun auch ihre Mitarbeiter hinter den Kulissen zu tun haben: mit föderalen Entscheidungsstrukturen und einer schwerfälligen Bürokratie.
Ver.di fordert mehr Geld. Und tatsächlich werden bei den Festspielen im Durchschnitt 57,5 Stunden pro Woche gearbeitet und das zum Teil für ein Drittel des üblichen Lohnes. Das sieht auch der Verwaltungsrat ein. Um so merkwürdiger, dass der geforderte Tarifvertrag nicht einfach in Kraft tritt.
Wolfgang Wagner konnte an den guten Willen der Mitarbeiter appellieren, an die Tradition der Wagner-Familie, an das Wissen, unter anachronistischen Umständen etwas Einzigartiges leisten zu können. Die neuen Intendanten haben diese Freiheit nicht sie sind selbst abhängig vom Verwaltungsrat. Ver.di weiß das genau und nutzt die erste strukturelle Schwäche der neuen Festspiele, um seinen Forderungen nachdruck zu verleihen. Streik zur Eröffnung wird nicht ausgeschlossen. Doch damit wird weniger der Verwaltungsrat als die neue Führung der Festspiele getroffen.
Es ist höchste Zeit, dass der Verwaltungsrat erkennt, dass er mit seiner neuen Macht auch eine Verantwortung trägt. Bund, Land und Stadt müssen zeigen, wie viel ihnen die Arbeit an der Kunst wert ist. Anders als Wolfgang Wagner werden sie allein mit guten Worten dabei wohl kaum weiter kommen.