Bisher ist Dagmar Wickas Geschichte eine Erfolgsstory: 2004 öffnete sie als "Ich-AG" einen Laden und erhielt dafür einen Gründerpreis. In der Dotzheimer Straße betreibt die Wiesbadenerin "My Baby", verkauft dort gebrauchte Kleider und anderes für Säuglinge und Kinder.
Doch jetzt droht diese Geschichte schlecht zu enden. Ausgerechnet durch ein gemeinnütziges Unternehmen sieht sich Wicka in ihrer Existenz bedroht: Seit August sei ihr Einsatz um 30 bis 40 Prozent eingebrochen. In diesem Monat hat das Second-Hand-Kaufhaus "Fast wie neu" eröffnet.
1300 Kunden im Monat
Träger des Kaufhauses sind die Bau-Haus-Werkstätten - eine gemeinnützige Einrichtung, die Langzeitarbeitslose wieder ins Berufsleben eingliedern soll. Geschäftsführer Michael Lechner feiert den Erfolg: Im Schnitt kämen 1300 Kunden im Monat nach Biebrich. Davon seien 57 Prozent Empfänger von Hartz IV. Der Erfolg sei auf die Qualität des Personals zurückzuführen, weil die Beschäftigten "sehr freundlich und engagiert auf die Kunden des Kaufhauses zugehen".
Manfred Klepper beobachtet den Erfolg mit Schrecken: "Nachdem das Kaufhaus kam, haben wir über die Hälfte unseres Umsatzes verloren", sagt der Besitzer des "3G" in der Bleichstraße. Einen Rückgang von etwa einem Drittel des Umsatzes beobachtet Katja Cramer. Ihre Familie betreibt drei Gebrauchtwarenläden in der Stadt. Vor allem bei Möbeln meldet Cramer einen starken Rückgang. Das "Fast wie neu" hingegen macht laut Lechner 52 Prozent des Umsatzes mit Möbeln.
Die regulären Händler ärgern sich auch beim "Einkauf" : "Ich bekomme keinen Nachschub mehr", sagt Cramer. Das Bau-Haus räume bei Haushalts-Auflösungen die guten Sachen ab, biete das den Besitzern kostenlos an. Wenn Cramer dann zum Entrümpeln komme, bleibe ihr nur noch der Schrott. Und den müsse sie dann für 180 Euro pro Tonne entsorgen.
Die regulären Händler klagen: "Wir müssen unsere Leute bezahlen, die nicht", wie Klepper sagt. Neben den Löhnen sei auch die Mehrwertsteuer für die Bauhaus-Werkstätten niedriger. Dazu kämen für die regulären Betriebe Kosten für Kranken- und Rentenkasse. Auf diese Weise - so die einhellige Aussage der Händler - könnten sie mit dem Bau-Haus nicht konkurrieren.
Händler sehen sich von IHK im Stich gelassen
Das habe schon zum Abbau von Arbeitsplätzen geführt: Zusammen seien bei den vier Händlern zwölf Stellen verloren gegangen. Hans Henn, Chef von drei Läden in der Wellritzstraße, kündigt Protest an. Telefonisch habe er sich schon an die Industrie- und Handelskammer (IHK) gewandt. Nun wolle er die Händler vereinen: "Die IHK interessiert sich nur für die Großen. Wer sich einzeln beschwert, wird gar nicht gehört."
Das streitet IHK-Sprecher Gordon Bonnet ab: Bisher habe der Kammer keine Beschwerde vorgelegen. Grundsätzlich bewerte sie die Arbeit des Kaufhauses positiv, da Menschen dort ans Arbeitsleben herangeführt würden. Es sei auch in Ordnung, wenn Hartz-IV-Empfängern als Kunden ein günstiges Angebot gemacht würde. Da aber 43 Prozent der Kunden keine Empfänger seien, entstehe Handlungsbedarf. "Den regulären Unternehmen darf keine unzulässige Konkurrenz entstehen." Ähnlich urteilt der Vorsitzende des städtischen Sozialausschusses, Christian Diers (FDP). Grundsätzlich unterstütze er das "Fast wie neu", ein Punkt wie der Verkauf an Nicht-Arbeitslose müsse geprüft werden - etwa vom ALG-II-Beirat.
Gewerkschaftssekretär Veit Wilhelmy formuliert für die IG Bau die Kritik schärfer: "Die Stadt hat sich mit dem Kaufhaus einen Bärendienst erwiesen." Es greife massiv in den Markt ein. Händler würden in die Arbeitslosigkeit getrieben, das müsse abgestellt werden.
Tatsächlich fürchten die Händler, bald ihre Läden dichtmachen zu müssen. Dagmar Wicka rechnet für den Herbst mit diesem Schritt. Als Selbstständige falle sie sofort in Hartz IV: "Wahrscheinlich werde ich dann im Kaufhaus als Ein-Euro-Jobber stehen."

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