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Streitgespräch: Aus der Ohnmacht in den Irrsinn

Die deutsche Studentenbewegung, die RAF und die Folgen: Gerd Langguth und Christoph Strawe, zwei politische Kontrahenten des Jahres 1968, im Streitgespräch.

Gerd Langguth (links) und Christoph Strawe.
Gerd Langguth (links) und Christoph Strawe.
Foto: Stefan Worring

Es sitzen sich hier organisatorisch zwei Feinde gegenüber: Der MSB Spartakus hatte den RCDS seinerzeit zum Feind Nr. 1 erklärt. Herr Langguth, wie dankbar sind Sie als Konservativer den 68ern?

Gerd Langguth: Man kann den 68ern insofern dankbar sein, als sie die Bundesrepublik Deutschland gezwungen haben, die geistigen Grundlagen einer Demokratie herauszuarbeiten. Die 68er-Revolte wird heute häufig mythologisiert - als ein Aufbruch, als eine Neugründung der Bundesrepublik. Das ist viel zu positiv gesehen. Es gab nämlich auch die negativen Erscheinungsformen bis hin zu dem, was gerade Herr Strawe schon sehr früh vertreten hat: ein Umsteuern von einer anti-autoritären Revolte zu einem dogmatischen Kommunismus.

Christoph Strawe: Man muss die 68er-Bewegung differenziert beurteilen. Natürlich ist sie auch in Sackgassen geraten. Aber was daran positiv ist und weiterführend, ist das Wachwerden für Probleme an anderen Enden der Welt. Stichwort Vietnam: Man wollte den Krieg nicht, das Leid der Menschen nicht. Und man hat sich mitverantwortlich gefühlt, wollte etwas unternehmen, etwas verändern. Und wenn man auch die Kontinuität von Nationalsozialismus und Bundesrepublik überschätzt hat, so ist es doch Ausdruck dieser neu erwachten Verantwortlichkeit, die nationalsozialistische Vergangenheit thematisiert zu haben. Alle Fehler der Bewegung sind aus dem unvollkommenen Ergreifen dieser Verantwortlichkeit zu erklären.

Das heißt?

Strawe: Man hat sich dann doch wieder auf die Seite irgendwelcher stärkeren Bataillone und Mächte geschlagen - und die Verantwortung delegiert. Wenn ich auf die Resultate gucke, dann ist das Erbe der 68er vor allem auf der Ebene der politischen Kultur zu finden. Es hätte die sozial-liberale Koalition nicht gegeben, es hätte Willy Brandt nicht gegeben, damit auch 1989 nicht gegeben - ohne diese Bewegung. Und dass wir heute eine ostdeutsche geschiedene Frau als Kanzlerin haben, das wäre auch ohne diese Kulturrevolution nicht denkbar. Ein wichtiges Erbe der Studentenbewegung ist zudem, dass die ökologischeFrage heute eine so große Rolle spielt. Vor allem aber leben die positiven Motive der 68er-Bewegung heute weiter in der wichtigsten Korrektivbewegung überhaupt - der Bewegung für eine gerechtere Globalisierung.

Langguth: Sie nehmen hier für sich ein Monopol auf die Verbesserung der Welt in Anspruch. Dabei gab es eine Veränderung von Lebensstilen schon längst vor der Studentenrevolte, die übrigens keine Bewegung der Jugend war, sondern nur von Oberschülern und Studenten. Das letzte Live-Konzert der Beatles, um deren Revolution in der Musik zu nehmen, war schon 1966. Die Veränderung von Jugend- und Lebenskultur hatte längst stattgefunden. Und die Studentenrevolte hat darauf aufgebaut.

Haben Sie auch die Beatles gehört, Herr Langguth?

Langguth: Ja, selbstverständlich, klar. Meine gesamte Generation war doch davon beeinflusst. Auch die sexuelle Revolution kam doch nicht mit Herrn Strawes Studentenrevolte. . .

Strawe:... natürlich nicht!

Langguth: Sie kam mit der Anti-Baby-Pille. Und der heute so viel belächelte Oswald Kolle hat zur sexuellen Revolution mehr beigetragen als so mancher linke Spießer in der Studentenrevolte. Also: Bestimmte Trends wurden durch die Studentenrevolte beschleunigt. Nur darf man die Studentenbewegung nicht nur von ihren Ergebnissen her beurteilen, sondern auch von ihren Ursachen und Zielen her. Und danach will ich Herrn Strawe schon fragen. Es gab Angehörige der Studentenbewegung, die ganz West-Berlin zu einem großen Kollektiv machen wollten, was zu einer Erziehungsdiktatur geführt hätte. Und wenn man nicht mitmachen wollte, hieß es, dann solle man eben auswandern. In ihrem engen Kern war die Studentenbewegung war keine liberale, sondern eine kollektive Bewegung, die die Diktatur des Proletariats wollte.

Strawe: Das lässt sich so nicht halten. Ich selber würde mir diese Kritik anziehen, denn ich habe ja einem Flügel der Studentenbewegung angehört, der sich sehr stark am real existierenden Sozialismus orientiert hat und wo ich jetzt rückblickend sagen würde: Wir sind einer Illusion aufgesessen. Aber der Gerechtigkeit halber muss man sagen: Diese Forderung nach Auswanderung war doch etwas, womit zuerst die Studierenden konfrontiert waren. Wenn man kritisierte, hörte man immer: "Geht doch rüber!" Und das hat man dann - ein bisschen naiv - getan und sich die falsche Alternative aufzwingen lassen "dieses Deutschland oder ein anderes Deutschland", "dieses System oder ein anderes System". Statt tatsächlich dem Ursprungsimpuls, dem eigentlichen Ideal weiter zu folgen. Und das ist schon das Ideal der Mündigkeit: Die Menschen wollen selber ihre ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Verhältnisse gestalten. Wir haben zu sehr versucht, dieses Problem der gesellschaftlichen Erneuerung mit einem alten Denken zu lösen, statt sich wirklich auf ein neues Denken zu besinnen.

Langguth: Aber warum ist Ihnen das nicht gelungen? Warum war die linke Bewegung häufig so ideologisiert? Man hat sich zwar als "anti-autoritär" bezeichnet, war aber immer auf der Suche nach einer allumfassenden Ideologie, die einen dann sozusagen autoritär erfasst hat. Wieso hat eigentlich die Linke - von ein paar Protestchen abgesehen - den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei 1968 nicht mit der gleichen Massivität bekämpft wie den Vietnam-Einsatz? Wie war eine solche ideologische Verblendung möglich?

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Datum:  12 | 9 | 2007
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Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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