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Terror: Vorsicht, Ausnahmezustand

Seit dem 11. September 2001 hat sich unsere Sicht auf den Terrorismus verschoben. Die Anschläge von heute sind kaum mit denen der 70er zu vergleichen. Kann man dennoch aus der Geschichte der RAF "lernen"? Ein Versuch einer Antwort. Von Wolfgang Kraushaar.

Seit der Entführung Schleyers am 5. September 1977 in Köln hat sich auch der Terrorismus verändert
Seit der Entführung Schleyers am 5. September 1977 in Köln hat sich auch der Terrorismus verändert
Foto: dpa

Auf die Frage, ob sich aus der Geschichte etwas lernen lasse, hat ein kluger Kopf einmal geantwortet, das Einzige, was man aus der Geschichte lernen könne, sei die Einsicht, dass man nichts aus ihr lernen könne. Warum sollte es im Fall der RAF eigentlich anders sein?

Die Skepsis scheint jedenfalls angesichts der Turbulenzen, die das Kapitel RAF hierzulande immer noch auszulösen in der Lage ist, nicht ganz unberechtigt zu sein. Andererseits spricht nichts dagegen, auch in diesem Fall erst einmal die Probe aufs Exempel zu machen.

Durch die Brille von "9/11"

Ein Blick zurück kann jedoch unmöglich davon absehen, dass das Phänomen Terrorismus seitdem einen grundlegenden Wandel durchlaufen hat. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht - er erfolgt durch eine Brille. Denn wer heute von der RAF spricht, der kann weder von dem monströsen Mehrfachanschlag am 11. September 2001 und dem in Anschluss darauf von der amerikanischen Regierung ausgerufenen "Krieg gegen den Terrorismus", aber noch weniger von der nicht abreißen wollenden Kette von Terroranschlägen seit dem Beginn des Irak-Kriegs im Frühjahr 2003 abstrahieren.

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Seitdem wird die Erinnerung an den RAF-Terrorismus von Gewaltphänomenen überlagert, die die der 70er Jahre in ihrer Zerstörungskraft bei weitem in den Schatten stellen. Jede retrospektive Auseinandersetzung mit der RAF ist also der Schwierigkeit ausgesetzt, durch die Brille von "9/11" und dessen weitreichenden Konsequenzen zu erfolgen.

Der alte Terrorismus, der - wenn man einmal von den beiden Sonderfällen IRA und ETA absieht - gewöhnlich dem Linksradikalismus zugeordnet und als eine politische Variante verstanden wird, gewinnt sein Kontrastbild erst im Vergleich mit dem neuen Terrorismus, der zumindest ideologisch auf das Engste mit dem Islam verbunden ist und deshalb als "religiös" bezeichnet wird.

Fünf Unterschiede zum alten Terrorismus

Doch lassen sich zwei so unterschiedliche Gewaltphänomene überhaupt miteinander vergleichen? Verwischt der Versuch, sie unter einem gemeinsamen Oberbegriff fassen zu wollen, nicht mehr an Differenzen als durch ihn an Unterscheidungsvermögen zu gewinnen ist? Das ist nicht einfach auszuschließen, lässt sich allerdings erst beantworten, wenn eine derartige Vergleichsoperation durchgeführt worden ist. Vergleichen darf dabei selbstverständlich nicht als gleichsetzen missverstanden werden. In der Gegenüberstellung von altem und neuem Terrorismus gilt es insgesamt fünf Differenzpunkte genauer zu bestimmen.

Erstens: Keinem Beobachter ist zunächst einmal die sprunghaft angewachsene quantitative Dimension der Zerstörung verborgen geblieben. Zuallererst in Bezug auf den schier unfassbaren Anstieg der Opferzahlen. Wenn bereits die Opferzahl der Anschläge vom 11. September 2001, bei denen etwa 3000 Menschen ihr Leben verloren haben, mit einem Schlag die von mehreren Jahrzehnten Terrorismus in den Schatten gestellt haben, dann wird diese erschreckende quantitative Dimension noch einmal überboten von der nach dem Irak-Krieg im Frühjahr 2003 ausgelösten Serie unablässig fortwährender terroristischer Anschläge und Attentate.

Im Irak ist es inzwischen keine Seltenheit mehr, dass an einem einzigen Tag über hundert Menschen bei Anschlägen umkommen. Wie selbstverständlich der Umschlag dieser tödlichen Dimension in eine neue "Qualität" mittlerweile offenbar geworden ist, lässt sich auch an folgendem Indiz ablesen: Inzwischen ist es in der Terrorismusforschung wie etwa in der Medizin üblich geworden, von einem eigenen "terrorism lethality index", also der durchschnittlichen Anzahl von Todesopfern bei terroristischen Anschlägen, zu sprechen.

Keine "unschuldigen" Adressaten

Zweitens: Ein weiterer gravierender Unterschied besteht in der Ubiquität der Opferziele. Für den Terrorismus vor 2001 war die spezifische Auswahl der Adressaten, gegen die sich die Attacken richteten, charakteristisch gewesen. Zu seinen Rechtfertigungsformeln zählte, dass keine "Unschuldigen" getroffen werden durften.

Anschlagsziele waren amerikanische Militärs, Angehörige von Polizei und Justiz, hochrangige Repräsentanten des als feindlich definierten Systems, insbesondere aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt. Die Auswahl erfolgte also entlang einer ideologisch weitgehend vordefinierten Linie.

Arbeiter, Angestellte, abhängig Beschäftigte oder die Bevölkerung im Allgemeinen galten als Tabu. Schließlich handelte es sich bei ihnen ja um diejenigen, die es als vermeintlich Unterdrückte und Ausgebeutete für die eigenen Revolutions- und Umsturzpläne zu gewinnen galt. Eine Verletzung dieses Grundsatzes wie etwa beim Bombenanschlag auf das Springer-Hochhaus 1972 in Hamburg, bei dem zahlreiche Arbeiter und Angestellte getroffen wurden, führte innerhalb der RAF zu massiven Konflikten.

Keinerlei Rücksicht mehr

Zu den Merkmalen des neuen Terrorismus zählt dagegen, dass die Opferziele immer wahlloser ausfallen. Kaum einer der am häufigsten genannten Adressaten - die "US-Amerikaner", die "Juden", die "Israelis", der "Westen", die "Feinde des Islams", die "Ungläubigen" - ist spezifisch zu treffen. Zumeist geht es, wie bereits der Angriff auf die Twin Towers in Manhattan mit seinen höchst unterschiedlichen Opfergruppen gezeigt hat, um eine völlige Entgrenzung in der Wahl der Adressaten.

Im Grunde sind die meisten der genannten Opferziele austauschbar, zumindest aber überschneiden sie sich in ihren Negativcharakterisierungen. Wie die Eskalation in dem durch den Konflikt religiöser Gruppierungen grundierten Bürgerkrieg im Irak zeigt, wird auch seitens jener Terrorgruppen, die ihre Anschläge im Namen des Islams verüben, keinerlei Rücksicht mehr auf Angehörige des eigenen Glaubens genommen.

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Autor:  WOLFGANG KRAUSHAAR
Datum:  4 | 9 | 2007
Seiten:  1 2 3
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