Von wegen Pleitegeier - er steht für das erfolgreichste Projekt der Wiederansiedelung von in freier Wildbahn ausgerotteten Tieren: der Bartgeier. Er ist zurück - und nach 40 Jahren auch wieder im Frankfurter Zoo gelandet; pünktlich zum 150-jährigen Bestehen und zum Jubiläum des Bartgeierprojektes selbst. Vor genau 30 Jahren hat es begonnen und wurde von Anfang an durch die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) unterstützt.
"Wir wollten aber nicht nur die Bartgeier nach Frankfurt holen, sondern auch ihren Lebensraum, ein Stück Alpen", sagt in bester Stimmung Manfred Niekisch. Der Zoodirektor steht vor dem putzblanken Gehege, in dem eine Miniaturlandschaft der Alpen samt kleinem Wasserfall und Gebirgsbach zu sehen ist. Hinter einem Felsen sitzt einer der Bartgeier, kehrt den Menschen noch etwas schüchtern den baumstammbraunen, gefiederten Rücken zu, wie mit hochgezogenen Schultern, eine terracottafarbene Federboa um den Kopf gelegt. Manchmal zeigt er sein Profil, die Worte Würde und Klugheit kommen in den Sinn. Kaum zu glauben, dass diese wunderschönen Tiere einen griechischen Dichter umgehauen haben sollen. "Aischylos hatte eine ähnliche Frisur wie ich", sagt der Zoodirektor mit nicht mehr gar so dichtem Haar, "dem Mythos nach, warf ihm ein Bartgeier eine Schildkröte auf den Kopf, um sie zu knacken." Aber Bartgeier jagen keine Menschen - erst recht keine Zoodirektoren. Mythen waren es, die dazu führten, dass viel mehr Menschen die Bartgeier jagten.
Eine Million Euro von der ZGF
Drei Jahre vor Gründung von ZGF und Zoo war 1855 der letzte freilebende Bartgeier erlegt worden. Lämmergeier wurden sie auch genannt, weil sie angeblich Lämmer fraßen. Was nicht stimmt, Bartgeier haben als Nahrungsnische die Knochen toter Tiere für sich entdeckt. Bis auf die Schildkröten, die mögen sie schon und knacken sie tatsächlich, in dem sie diese auf flache Steine, so genannte Knochenschmieden, werfen. So eine gibt es auch in der neuen Voliere. Ebenso eine Art Schminktisch mit Eisenoxidschlamm. Damit färben sich die Geier das Gefieder. Warum ist noch unklar.
1978 begann mit den Bartgeiern eines der größten, erfolgreichsten und teuersten Wiederansiedelungsprojekte. Die ZGF hat das Projekt bisher mit rund einer Million Euro unterstützt. "1986 konnten die ersten Tiere aus Nachzuchten freigelassen werden - und 1997 flog ,Phönix' als der erste im Freiland geschlüpfte Bartgeier durch die Alpen", sagt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck. "Seit dem brüten die Bartgeier in der Natur wieder erfolgreich, nun versuchen wir, sie auch im Balkan wieder anzusiedeln". Obacht ist weiterhin geboten, denn die Mythen haben sich in den Köpfen der Menschen offenbar festgekrallt. "Drei Vögel wurden in Sardinien vergiftet und es gibt Hinweise auf illegale Abschüsse in den Alpen", sagt Schenck.
Undenkbar für Tierfreunde. "Wir haben sie extra angeschafft, damit wir in der Mittagspause bei ihnen sitzen können", sagt Vogelkurator Stefan Stadler. Niekisch und Schenck schmunzeln.

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