Der Umweltberater der Bundesregierung, Professor Hans-Joachim Schellnhuber, spricht sich für längere Laufzeiten eines Teils der deutschen Atomkraftwerke aus. "Die Kernkraftwerke mit hohen Sicherheitsstandards sollten zehn bis zwölf Jahre länger am Netz bleiben dürfen", sagt der Wissenschaftler der Frankfurter Rundschau.
Allerdings müssten die Stromkonzerne dafür "mehr als 50 Prozent" der Zusatzgewinne, die sie durch diesem Deal einfahren, in einen öffentlich verwalteten Fonds zur Förderung der erneuerbaren Energien und den Aufbau eines "intelligenten Stromnetzes (Super-smart Grid)" einzahlen.
Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen (WBGU).
Schwarz-Gelb hat in den Koalitionsverhandlungen bisher nur grundsätzlich festgelegt, dass der AKW-Ausstiegsplan aus dem Jahr 2000 gekippt wird, aber strenge Sicherheitskriterien für den Weiterbetrieb gelten sollen. Details fehlen noch. Das Neubauverbot für Atommeiler soll bleiben.
Schellhuber zufolge muss "Safety first" die oberste Maxime bei einer Laufzeitverlängerung sein. Das könne auch bedeuten, dass ältere, weniger sichere Anlagen früher als im rot-grünen Atomkonsens vorgesehen abgeschaltet werden müssen.
"Die Kernkraftwerke müssen vor einer Verlängerung auf Herz und Nieren geprüft werden", sagte er. Wo nötig, sollten technische Nachrüstungen vorgeschrieben werden.
Der PIK-Direktor warnt davor, die Laufzeiten unbegrenzt freizugeben. "Der endgültige Betriebsschluss muss von der Politik klar festgelegt werden, weil sonst der Innovationsdruck zur Entwicklung der erneuerbaren Energien weg fällt und alternative Energieanbieter keine Investitionssicherheit haben", sagt er.
Bei einer Verlängerung um zehn Jahre würde das letzte AKW voraussichtlich im Jahr 2032 abgeschaltet. "Auch bei 15 Jahren ginge die Welt nicht unter", meint der Forscher - wenn die Sicherheit gewährleistet sei und der AKW-Grundlaststrom überhaupt noch gebraucht werde.
Nach Schellnhubers Konzept sollte sich der künftige Energiemix an einem möglichst ehrgeizigen Ausbauplan für den Ökostrom orientieren. Daraus ergebe sich dann, welche anderen Kraftwerke noch nötig seien respektive neu gebaut werden müssten. Laut Studien könnten im Jahr 2030 bereits deutlich mehr als 50 Prozent des Stroms aus "grünen" Quellen fließen.
Der Experte vermutet, dass sich bei einer solchen Entwicklung und wegen der staatlichen Deckelung der Treibhausgasemissionen die Planung neuer großer Kohle-Kraftwerke erübrigen würde - es sei denn, die noch in den Kinderschuhen steckende Technologie zur CO2-Abtrennung (CCS genannt) werde schnell marktreif und rechne sich.
Schellnhuber resumiert: " Deutsche Kernenergie kann zur Lösung des Klimaproblems nur minimal beitragen". Bei einer an strikte Bedingungen geknüpften Laufzeitverlängerung könne jedoch "ihre maßvoll verschobene Pensionierung den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen".
Keinesfalls aber dürfe Forderungen nachgegeben werden, die Zusatzgewinne bei den Stromkonzernen abzuschöpfen, um damit Haushaltslöcher zu stopfen. "Das wäre ein oberfaules Geschäft", sagte der Regierungsberater.