Allen Anfang macht die Seerose. Ohne die Seerose gäbe es womöglich keinen Palmengarten. So pointiert, sagt Hilke Steinecke, wolle sie den Schluss vielleicht nicht unbedingt ziehen. Doch, daran zweifelt die Botanikerin keinen Augenblick, doch sagen lasse sich durchaus: Der Bau des Blatts der Seerose diente als Vorbild für den Bau des Christal Palace in London, der wiederum für den Glaspalast in München und für den Frankfurter Palmengarten nicht ohne Einfluss geblieben ist. So fand die Architektur der Botanischen Gärten im 19. Jahrhundert, abgeleitet eben vom Blatt der Seerose, mit ihren weit verzweigten stählernen Konstruktionen einen steten Punkt für Orientierungen.
So was, setzt Steinecke am Donnerstag bei der Präsentation verschiedener Wasserpflanzen auf dem kleinen See vor dem Tropicarium des Palmengartens hinzu, so was nenne man Bionik, wenn sich also die Welt des Menschen an den Konstruktionsprinzipien der Natur orientiert.
Da kann man viel lernen. Noch ein Grund, den Weg zum Palmengarten gleich von der Siesmayerstraße aus zu suchen. Die Siesmayer, das Siesmayer, der Siesmayer. Das ganze Spektrum. Die Siesmayer ist nach dem Siesmayer benannt. Und der hieß mit Vornamen Franz Heinrich, lebte nahezu über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg und gilt als Vater des Palmengartens. Schließlich gelang es dem Landschaftsarchitekten, bei dem bürgerschaftlich motivierten "Verein zur Förderung des öffentlichen Verkehrslebens" das Interesse für die Pflanzen in den Gewächshäusern der entfernten Biebricher Gärten zu wecken. So etwas könnte Frankfurt gut gebrauchen, schwärmte Siesmayer. Für einen eigenen Botanischen Garten. Wie bereits beim Bau des Eisernen Stegs ließen sich Bürger nicht zweimal bitten: Sie kauften für 250 Gulden Aktien einer eigens geschaffenen Gesellschaft und brachten in kurzer Zeit 300 000 Gulden zusammen. Damit ließ sich ohne jeden öffentlich Zuschuss errichten, was sich heute über 29 Hektar zwischen Siesmayerstraße, Palmengartenstraße und Zeppelinallee erstreckt: der Garten der Stadt, eröffnet 1871 nach der Fertigstellung des Gesellschaftshauses.
Ein Gebäude, von dem sich anhand der Deckenmalereien heute noch erahnen lässt, dass es bessere Zeiten gesehen hat. Erst nach dem Beschluss, das Gesellschaftshaus zu sanieren, legte man die Gewölbe wieder frei. Jetzt wartet das Palmengarten-Team um Direktor Matthias Jenny darauf, dass die Arbeiten endlich losgehen können und die Galerien zuerst angegangen werden. Wenn alles gut geht, finden die jährlich etwa 800 000 Besucher im Botanischen Garten eine weitere Attraktion.
In ihrem Botanischen Garten. Für Frankfurter eine Selbstverständlichkeit. Bei den Alten sowieso. Nicht wenige Anwohner aus dem Westend und dem benachbarten Bockenheim nutzen ihre Jahreskarte, bis 22 Uhr die Drehkreuze an den Eingängen überwinden zu können und einen lauen Sommerabend bei Schwänen und Enten am Teich zu verbringen. Und bei den Jungen erst recht. Für Kindergärten aus der Umgebung ist der Palmengarten ohnehin eine feste Größe.
Die Botaniker haben sich darauf eingestellt. Und so kann man bei Kiko, wie der Kinderkiosk an einem der Spielplätze heißt, nicht nur Eis und Sandwich bekommen, sondern auch Windeln. Ist der Nachwuchs frisch gewickelt, gestaltet sich die Fahrt mit der Eisenbahn quer durch den Garten bis hin zum nächsten Spielplatz und zum Papageno-Theater womöglich noch einmal ganz anders.
Aus dem Alter sind die Kinder, die in Zweierreihe während der Präsentation der Wasserpflanzen den Palmengarten besuchen, längst raus. Sie lassen sich von Hilke Steinecke erklären, warum die Seerose über die gesamte Fläche ihrer Außenhaut so robuste Stacheln hat: um Fraßfeinde wie das Teichhühnchen, das am Rande des Tropicariums auf ein Blatt einhackt, fernzuhalten. Dann findet Victoria amazonia, die Riesen-Seerose mit einem Durchmesser von weit mehr als einem Meter, genug Ruhe, um der Welt der Pflanzen wie der Welt der Menschen zunutze zu sein. In der Sprache von Botanikerin Steinecke heißt das dann: "Jetzt immer schön Photosynthese betreiben."
Bei der frischen Luft wäre jetzt fast "das Siesmayer" verloren gegangen. Dabei ergab der vom Ressortleiter finanzierte Selbstversuch mit Törtchen aus der Confisserie des Palmengartens, dass der Crêpe der Saison mit weißem Pfirsich kaum zu schlagen ist.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick
Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.
Facebook | Twitter überregional | Google+