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04. November 2008

Unglaubliche Lebensgeschichte aus Pfungstadt: Ein Jude in der Wehrmacht

 Von SILKE RUMMEL
Erst ließ Max Wolf sich für konfessionslos erklären, dann schlüpfte er in eine Soldatenuniform - und entging so der Judenverfolgung.  Foto: Stadtarchiv Pfungstadt

Max Wolf, Mutter jüdisch, Vater unbekannt, lässt sich 1938 in Pfungstadt konfessionslos erklären und erhält das Wahlrecht. Später entgeht er der Nazi-Verfolgung - als Soldat. Von Silke Rummel

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Es ist eine Geschichte, die Stoff für einen Hollywood-Streifen abgeben könnte. Der Plot: Max Wolf, Mutter offenbar Jüdin, Vater Arier, aber nicht näher bekannt, überlebt Judenverfolgung und Zweiten Weltkrieg, indem er seine Papiere fälscht und in der deutschen Wehrmacht untertaucht.

"Eigentlich ist die Geschichte von Max Wolf so unglaublich, dass ich immer Angst habe, dass ich das nicht belegen kann", sagt Stephanie Goethals, Stadtarchivarin von Pfungstadt.

Bei ihren Recherchen zu den in Pfungstadt lebenden Juden war sie auf Max Wolf gestoßen. Die Arbeit sei "sehr aufregend" gewesen. Doch erst viele Jahre später rundete sich für Stephanie Goethals das Bild jenes Mannes, der einige Jahre in Pfungstadt zu Hause war und nach dem Krieg nach England emigrierte. Max Wolfs letzter Brief an seine Freunde in Pfungstadt stammt von 1956. Danach verliert sich seine Spur.

Nach den überlieferten Dokumenten ist Max Wolf eine merkwürdige Figur, sein Lebenslauf voller offener Fragen. Fotografien zeigen ihn als mageren Mann, mit Brille, schmalem Gesicht und kantigen Gesichtszügen.

Am 24. Juni 1911 wird er in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter gibt den Buben nach der Geburt in das Israelitische Säuglingsheim in Frankfurt-Sachsenhausen.

Mit sechs Jahren kommt Max in das deutsch-israelitische Kinderheim in Diez an der Lahn. 1927 geht er in der Fuldaer Manufaktur in die Kaufmannslehre.

Drei Jahre später tritt der inzwischen 19-Jährige in Crumstadt im Ried eine Stelle als Buchhalter an. 1933 wird er arbeitslos und bittet in einem Schreiben an den Bürgermeister um einen Ausreisesichtvermerk, da er "beabsichtige nach Palästina auszuwandern".

Der Bürgermeister hat keine Bedenken; er beschreibt Max Wolf als unehelich geboren, jüdischer Rasse und jüdisch erzogen. Der Antragsteller sei "ein harmloser, armer Mensch" und scheine "körperlich nicht ganz gesund zu sein". Er befürchtet, der Mann könne später womöglich der Gemeinschaft auf der Tasche liegen, und befürwortet dessen Ausreisegesuch.

Doch es kommt anders. Statt nach Palästina auszuwandern, findet Max Wolf in Pfungstadt Arbeit als Landarbeiter. Zweimal wechselt er den Arbeitgeber, bis er von April 1936 an für Ludwig Gunkel tätig wird. Er wohnt in einer Kammer in dessen Haus und spielt in seiner freien Zeit Skat in Pfungstädter Gaststätten. So hat es Stadtarchivarin Goethals recherchiert.

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 soll es im April eine Volksabstimmung geben. Als Jude ist Max Wolf nicht wahlberechtigt. Dennoch stellt er einen Antrag auf Ausübung des Wahlrechts. Am 6. April wird Wolf ins Rathaus bestellt, wo er zu Protokoll gibt, dass er nach seinem 14. Lebensjahr keine Synagogen mehr aufgesucht habe und "nie als Mitglied bei der israelitischen Religionsgemeinschaft" geführt worden sei. Max Wolf erhält eine Bescheinigung, nicht der israelitischen Religionsgemeinschaft in Pfungstadt anzugehören - und das Wahlrecht.

Nach Ausbruch des Krieges gelingt es Max Wolf offenbar, sich mit Hilfe eines Pfungstädter Verwaltungsangestellten als "konfessionslos" erfassen zu lassen.

Im April wird Wolf eingezogen, im Juni gehört er zur Nachrichtenkompagnie der deutschen Wehrmacht. Zunächst ist Max Wolf in Frankreich, später in Russland stationiert. Immer gibt er Pfungstadt als Heimatanschrift an, hin und wieder besucht er Ludwig Gunkel.

Nach Kriegsende kehrt Wolf nach Pfungstadt zurück. Krank, abgemagert und ohne Geld. Er versucht, seine Wehrmachtszugehörigkeit zu verschleiern, behauptet, in einem Arbeitslager gewesen zu sein.

1946 wird er, so schreibt Max Wolf selbst in einem Antrag auf Unterstützung, ehrenamtlicher Leiter der jüdischen Gemeinde in Darmstadt, die damals aus 28 Mitgliedern besteht. Am 1. Dezember 1948 stellt Max Wolf in dieser Funktion einen Antrag auf Entschädigung für die Pfungstädter Synagoge. Knapp ein Jahr später geht er nach England.

Als er seinen Antrag auf Entschädigung beim Regierungspräsidium Darmstadt einreicht, werden seine widersprüchlichen Angaben offenkundig. Aus den Unterlagen geht klar hervor, dass er Wehrmachtsangehöriger war.

Den Nachweis, in einem Arbeitslager gewesen zu sein, bleibt er schuldig. Wolf rechtfertigt sich damit, zur damaligen Zeit alles getan zu haben, "was mich retten konnte".

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