Sie war mit allen möglichen Geräten untersucht worden. Die "Abklärung eines unklaren Lebertumors", den ihre Hausärztin glaubte im Ultraschall gesehen zu haben, fand dennoch nicht statt. Nach 14 Tagen schickten die Ärzte des Marburger Universitätsklinikums sie nach Hause. "Wir könnten Frau ... derzeit leider keine sinnvolle chirurgische, strahlentherapeutische und chemotherapeutische Therapie anbieten", steht in dem Entlassungsbrief vom August. "Wir entlassen Frau ... in beschwerdefreiem Zustand in Ihre weitere hausärztliche Betreuung."
Beschwerden hatte die 62-Jährige jedoch weiterhin. Und ihr ist sehr wohl medizinisch zu helfen. Das ergab ein Computer-Tomogramm, das eine Fachärztin zwei Wochen nach der Entlassung veranlasste. Jetzt macht die 62-Jährige eine Chemotherapie. Zwei bis drei Jahre, meinen ihre Ärzte, wird sie mindestens noch leben. An das Marburger Universitätsklinikum bringen sie keine zehn Pferde mehr: "Die haben mich einfach nicht fertig diagnostiziert, mir keine eindeutigen Antworten auf meine Fragen gegeben."
Die bundesweiteinmalige Privatisierung von Universitätskliniken erfolgte Anfang 2006. Die Aktiengesellschaft Rhön-Klinikum erwarb für eine Kaufpreis von 112 Millionen Euro einen Geschäftsanteil von 95 Prozent. Den Rest hält das Land zwecks Kontrolle der Qualität von Forschung und Lehre.
Gegen den Verkaufhatten die Grünen und die SPD gestimmt. Die nach der jüngsten Wahl in den Landtag eingezogene Linke fordert den Rückkauf.
Rhön-Klinikumhat sich verpflichtet, bis Ende 2010 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und richtete eine 30-Millionen-Euro-Fonds für Umschulungen ein und um den früheren Rentenbeginn abzufedern. Das Unternehmen hat Investitionen von rund 370 Millionen in Bauten und Forschung zugesagt.
In Hessenbetreibt Rhön außerdem die Aukamm-Klinik und die Stiftung Deutsche Klinik für Diagnostik, beides Häuser in Wiesbaden. Insgesamt sind es 46 Kliniken an 35 Standorten.
Die 62-Jährige mit dem Lebertumor ist kein Einzelfall. "Seit der Privatisierung lässt sich eine dramatische Einbuße der Qualität der Krankenversorgung feststellen", sagt ihre Hausärztin aus Marburg, die ebenfalls anonym bleiben möchte. Die Allgemeinmedizinerin will nicht weiter tatenlose hinnehmen, dass das Universitätsklinikum ihr Patienten zurückschickt, ohne sie fachgerecht diagnostiziert zu haben. Die Kranken tun ihr leid. Deshalb schlägt sie Alarm. Ihre Kollegin, eine Internistin, spricht von "entmenschlichter Medizin". Die Entwicklung, vor denen Ethiker schon vor Jahren gewarnt hätten, sei eingetreten. "Aus dem Ideal, Menschen zu helfen, ist Wirtschaften für Rhön geworden."
Zweieinhalb Jahre ist es jetzt her, dass das Land Hessen der Rhön-Klinikum-Aktiengesellschaft die Universitätskliniken Gießen und Marburg verkauft hat. Dass Aktionären aus den USA das Wohlbefinden deutscher Kranken egal ist, liege in der Natur der Sache, sagt die Hausärztin. Was zähle, sei allein der Profit. Die Folge: Ärzte wie Pflegepersonal arbeiteten unter massivem Zeitdruck. Zum Nachteil der Schwerkranken, von denen es an einem Universitätsklinikum immer besonders viele gibt.
Die Hausärztin berichtet von einer 41-Jährigen Patientin mit einer Autoimmun-Erkrankung. Hätte sie auf den Lahnbergen rechtzeitig eine ordentliche Diagnose bekommen, wären ihr bleibende Schäden erspart worden . Stattdessen sei sie ohne ausreichende Abklärung und trotz schlechten Allgemeinzustands entlassen worden. In einem kleineren Krankenhaus wurde der Frau schließlich geholfen - da war das Muskelgewebe in Unterschenkel und Gesäß bereits zerstört. Die Kosten einer solchen Drehtür-Medizin trage die Allgemeinheit.
Keiner will mit seinem Namen in der Zeitung stehen. Die Ärztinnen befürchten Repressionen. Die Patienten, dass sie im Notfall nicht behandelt werden - schließlich betreibt Rhön beide Unikliniken in Mittelhessen. Und die Pflegekräfte sind eingeschüchtert, weil die Garantie für ihre Stellen zum Jahresende 2010 ausläuft.
Seit der Übernahme im Februar 2006 hat Rhön bereits kräftig befristene Stellen abgebaut. Nach FR-Informationen sind an beiden Standorten 470 Vollzeitstellen weggefallen, plus rund 230 Stellen, die an den Forschungsbetrieb der Universität übergingen. Übriggeblieben sind rund 6400 Vollzeitstellen - minus den 300, die zum 1. August in eine Servicegesellschaft ausgegliedert wurden.
Nicht der Menschen stehe im Mittelpunkt, sondern dass man möglichst viele Leistungen abrechnen könne, berichtet eine Schwester. "Wer pflegt, der geht. Wer schreibt, der bleibt" laute das Motto. Die Hoffnungen auf Besserung durch die Privatisierung hätten sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: "Die Zustände haben sich dramatisch verschlechtert, die Stimmung ist miserabel."
Der schon vor dem Verkauf begonnene Personalabbau sei fortgesetzt worden. Es gebe Nächte, wo keine examinierte Kraft mehr auf Station sei. Patienten würden ohne medizinische Notwendigkeit an Geräte angeschlossen, um Geld zu verdienen. Mangels Zeit könnten Kranke nicht mehr täglich gewaschen werden. Geschweige denn, dass Zeit für menschliche Zuwendung bleibe: "Ich hatte noch nicht einmal mehr die Zeit, zehn Minuten bei einer alten Frau zu bleiben, die im Sterben lag."
Die Probleme in Gießen oder Marburg sind die gleichen: Auch andere Pflegekräfte berichten davon, dass Verbände nicht mehr täglich gewechselt werden können oder Praktikanten auf Intensiv-Stationen putzen, was die Hygiene in der Abteilung gefährde.
Offiziell gibt es das Instrument der Überlastungsanzeigen, mit denen der Arbeitgeber auf Engpässe aufmerksam gemacht werden soll. Doch wer sie stellt, müsse mit Restriktionen rechnen und damit, dass sein Vertrag nicht verlängert wird: "Wir stehen immer mit einem Bein im Gefängnis, weil wir unter dem Stress Fehler machen könnten." Auf Überlastungsanzeigen reagiert Rhön "sehr empfindlich", bestätigt Marita Kruckewitt von der Gewerkschaft Verdi in Marburg. Die Angst vor Verlust des Jobs sei entsprechend groß.
Trotz mehrfacher Nachfragen war vom Unternehmen Rhön-Klinikum am Dienstag keine Stellungnahme zu erhalten.

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