Die großen Versprechen der Vereinigten Staaten von Amerika stammen aus dem Jahre 1776. Damals setzten 56 Delegierte ihre Unterschrift unter die Unabhängigkeitserklärung. Sie hielten fest, dass alle Menschen von Geburt an gleich und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass zu diesen Rechten die Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit gehören und dass die Regierung dazu da sei, diese Rechte zu sichern. Von diesem Ideal waren die USA lange nicht mehr so weit entfernt wie zum Ende der achtjährigen Amtszeit von George W. Bush. Zur gleichen Zeit glauben immer mehr Amerikaner, dass sich durch die Wahl von Barack Obama zum 44. Präsidenten die ältesten Versprechen erfüllen könnten. Deshalb ist diese Wahl eine Schicksalswahl, ein möglicher Wendepunkt in der Geschichte.
Es ist der amerikanischen Fähigkeit zur Hoffnung geschuldet, dass das mächtigste Land nicht in Depressionen versinkt. Ohne das Gefühl, Barack Obama oder John McCain würden es besser machen als ihr Vorgänger, müssten die Amerikaner verzweifeln.
Militärisch sind die USA auf ganzer Linie gescheitert. Im Irak haben sie mehr als 4100 Soldaten verloren, in Afghanistan über 600. Die Söldner der Privatarmeen fehlen in dieser Statistik, ihre Zahl dürfte weitaus höher liegen. Von einem Sieg, wie er dem Land versprochen wurde, ist keine Rede mehr. Dabei wissen die Amerikaner, dass ihr Präsident sie über den wahren Kriegsgrund im Irak belogen hatte. Sie wissen, dass der Krieg für die Freunde ihres Präsidenten ein lukratives Geschäft war. Und dass es diesen Krieg ohne die religiöse Rechte im Land nie gegeben hätte. Sie hatte nach dem 11. September einen Kreuzzug gegen das "Böse" verlangt - und sie hat ihn bekommen.
Gesellschaftlich ist Amerika nach den Bush-Jahren so gespalten wie selten zuvor. Das "Ihr-seid-entweder-für-uns-oder-gegen-uns" galt zwar den zweifelnden Europäern. Es hat sich jedoch tief ins eigene Land gefressen. Bush hat das Land seiner inneren Freiheiten beraubt, Bürgerrechte eingeschränkt. Er hat das Gefangenenlager Guantánamo geschaffen, ein Ort, an dem die unveräußerlichen Menschenrechte nicht gelten. Und er hat im Wahn vergessen, sein Land funktionstüchtig zu erhalten: Als Symbol hierfür steht das Versagen in der Katastrophe nach dem Hurrikan Katrina.
Ökonomisch hinterlässt Bush ein Desaster. Für die Kriege wurden Zukunftsinvestitionen für Bildung, Infrastruktur oder Gesundheit geopfert. Seine Steuerpolitik hat die Armen ärmer und die Reichen reicher gemacht. Und seine Weigerung, die Kapitalmärkte zu regulieren, hat Banken kollabieren lassen und die aufstrebende untere Mittelschicht des Landes in den Ruin getrieben.
So steht Amerika da am Vorabend der Wahl: Moralisch diskreditiert, militärisch geschlagen, sozial gespalten, wirtschaftlich am Boden. Nicht ohne Hoffnung, aber tief zweifelnd an sich selbst. Weit entfernt von der Glückseligkeit. Bush hat die ältesten Versprechen der USA systematisch verraten.
In dieser historischen Situation dürfen sich die Amerikaner entscheiden zwischen zwei Kandidaten, die beide über einen klaren inneren Kompass verfügen. Die großen Versprechen können sich aber nur durch Barack Obama erfüllen: Weil in seinem Programm der Staat die Schwachen beim Streben nach Glückseligkeit absichert. Und weil er der erste schwarze Präsident wäre.
Obamas großes Wort vom Change, vom Wandel, ist mehr als ein Wort, es ist ein Programm. Ein Programm, das den Nöten des Landes gerecht wird. Seine Gesundheitsreform greift die Ängste derjenigen auf, die sich keine Krankenversicherung mehr leisten können - und das werden täglich mehr. Seine Steuerpolitik verteilt das Geld von oben nach unten - und nicht umgekehrt. Mehr Geld für Umwelt, Bildung und höhere Mindestlöhne: McCain hat dieser wirtschafts- und sozialpolitischen Wende nichts entgegenzusetzen außer der "Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied"-Philosophie. In Zeiten einer historischen Finanzkrise taugt diese Antwort nicht.
Obama hat aber nicht nur das bessere Programm, er wäre auch als Mensch der bessere Präsident. McCains Souveränität erodierte in der Finanzkrise wie die Kurse an der Wall Street. Er unterbrach seinen Wahlkampf - und machte sich lächerlich. Er benannte mit Sarah Palin eine Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, die als Präsidentin eine Gefahr wäre. Er warb weniger für sich als gegen Obama. Ausgerechnet McCain, Bushs alter Gegenspieler, wurde Bush immer ähnlicher. Anfangs sah er aus wie ein Kandidat von gestern, am Ende klang er auch so.
Obama reifte derweil zu einer Erscheinung präsidialer Statur, voller Gelassenheit und Zuversicht. Den Präsidententest hat er bestanden. In den Umfragen liegt er mitunter zweistellig in Front. Unter normalen Umständen hätte McCain keine Chance mehr. Obama allerdings ist schwarz - und dieser Umstand ist einem US-Wahlkampf nicht normal, er ist eine historische Besonderheit.
Es ist nicht der offene Rassismus, den Obama fürchten muss. Dieser ist in den Umfragen abgebildet. Fürchten muss er den unbewussten Rassismus, von dem sich selbst Obama-Sympathisanten nicht freimachen können. In Tests mit kalifornischen Studenten haben US-Forscher nachgewiesen, dass der Schwarze Obama unterbewusst als weniger amerikanisch wahrgenommen wird als die Weißen Hillary Clinton oder John McCain. Je weniger Obama aber als amerikanisch eingestuft wurde, desto geringer war auch die Bereitschaft, ihn zu unterstützen.
Diese Form des Rassismus ist keine amerikanische Besonderheit, es gibt sie überall. Deshalb wäre Obamas Sieg ein Signal an die Welt, dass Amerika wieder zum Vorreiter der Moderne wird. Es wäre der Beweis, dass der amerikanische Traum lebt und Bürgern jeder Hautfarbe eine Chance zum Aufstieg gibt. Für die Versöhnung Amerikas mit sich selbst gäbe es kein größeres Geschenk.
Eines der ersten großen Versprechen der Vereinigten Staaten können die Amerikaner sich an diesem Dienstag selbst erfüllen: Mit der Wahl ihres ersten schwarzen Präsidenten. Für die anderen Versprechen wäre Obama zuständig. Die Amerikaner - und mit ihnen die Welt - warten darauf.