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US-Wahlen: In den eigenen vier Wänden

Das amerikanische Sendungsbewusstsein und wohlinformierte Ignoranz kennzeichnen nicht allein die acht Jahre, in denen George W. Bush regiert hat.

Im Zusammenhang mit den US-Wahlen ist jeder Vergleich statthaft. Das heißt, es ist wohl richtig, dass die Welt keine Wahl so sehr gebannt verfolgt wie die Alternative zwischen einem weiterhin republikanisch beherrschten Amerika oder einer demokratisch regierten Nation. Die Hoffnungen der Welt, schreibt Newsweek, liegen auf ihrem "ersten Präsidenten". Dem "Nervenkitzel" gingen die Korrespondenten in Paris, Rio de Janeiro, Tokio, London und Peking nach. Berlin war für das Magazin uninteressant - dabei stellte es doch fest, dass es sich beim Kampf um das Weiße Haus um die "erste globale Wahl" handele.

Abgesehen von diesem Superlativ, dessen Arroganz auf einer pragmatischen Einschätzung beruht, stellt das Magazin fest, dass die Welt die Alternative Obama-McCain wesentlich klarer sehe als die Amerikaner selbst. Bei dieser Einschätzung handelt es sich nicht allein um eine Selbstzuschreibung, mit allen Folgen der Selbstüberhebung, mit allen kulturellen Konsequenzen, die sich weltweit aus dem globalen amerikanischen Sendungsbewusstsein ergeben - einem Sendungsbewusstsein, das in den letzten acht Jahren auf einem binären Code beruhte: hier das Gute, dort das Böse. Wiederum daraus folgend Erpressungen in der Außen- und Sicherheitspolitik.

Soeben erst haben Ziauddin Sardar und Merryl Wyn Davies in ihrem Buch "Will America change?" (Icon Books, Cambridge) eine Analyse: ein Update der amerikanischen Mentalitätsgeschichte vorgenommen. Die Analyse des Kulturtheoretikers Sardar und der Anthropologin Davies kreist um den uramerikanischen Fundamentalismus, eine an multilateralen Beziehungen nicht interessierte kulturelle Deutungshoheit und politische Definitionsmacht. Amerika definiert, was Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit, was Recht und Menschenrechte bedeuten; und wer in diesem Schema Freund ist und wer Feind. Wobei das größte Problem dieser Schwarzweißschablone nicht nur in der Scheinheiligkeit und Doppelmoral bestehe, die gerade während der Bush-Regierung geherrscht habe, sondern in der "wohlinformierten Ignoranz" einer "Hypermacht".

Sardars und Davies' These von der wohlinformierten, geradezu blendend informierten Ignoranz ist nicht neu, sie war bereits die Grundlage für ihr Buch "Woher kommt der Hass auf Amerika?". In wechselseitiger Ignoranz sehen die beiden Autoren die eigentlichen Ursachen für den fundamentalistisch (gar terroristisch) motivierten Hass auf eine Nation - in der Ignoranz der USA aber insbesondere Gründe für ein Misstrauen und für Vorbehalte, die weltweit existieren und demokratisch legitimiert sind.

Ignoranz als American Way of Life: Dass eine solche Einsicht nicht unter das flotte Verdikt des Antiamerikanismus fällt, sondern sich mit amerikanischen Einschätzungen deckt, davon konnte man sich soeben erst in der Zeitschrift Foreign Affairs überzeugen. Die dort ausgebreitete vernichtende Bilanz der Bush-Epoche stammt von Richard Holbrooke, dem US-Botschafter bei den Vereinten Nationen (1999 - 2001). Holbrooke geht es auch um die Wiederherstellung der Reputation, des kulturellen Ansehens und des politischen Leumunds, den die USA weltweit haben, einen Ruf, den sie nicht allein wegen ihrer Militärdoktrinen verspielt haben.

Holbrooke wäre kein Botschafter, wenn er nicht behauptete, das Ansehen der USA sei erst in den letzten Jahren verloren gegangen. Sardar und Davies bemühen nicht allein ihr Kurzzeitgedächtnis. Das Missgeschick für die Welt liege nicht allein in der Hegemonie der amerikanischen Interessen, Voraussetzung für Amerikas Imperialismus sei die kulturelle Ignoranz einer Inselnation. In dem Buch "Will America change?" steht der Leser vor einem seltsam erzogenen Menschengeschlecht; er folgt einer Analyse, die unausgesprochen aus dem Geist der Aufklärung argumentiert, zu dessen Programm die Unterweisung des US-Menschengeschlechts gehört. Man mag das für Pathos halten.

Wie Newsweek weiß, hat die Welt noch nie eine Wahl dermaßen intensiv verfolgt, noch nie war sie so nah dran. Mal abgesehen davon, Sardar und Davies lassen ihre Leser wissen, dass eine Wende notwendig ist, ein Mentalitätswechsel - und wir denken da nicht an eine geistig-moralische Wende, die ja auf eine Ignoranz, die sich wohl fühlte, erpicht war.

Vielmehr geht es um die Einsicht, dass die mentale Selbstorientierung einer Nation, ihr Rückzug gleichsam in ihre eigenen vier Wände weltweit zur Zumutung werde. Vom "Cocooning", vom Einkapseln sprechen Sardar/Davies. Hilfreich, dass das Wort, das Isolierung und Ignoranz gleichermaßen meint, auch bei uns ins Vokabular eingezogen ist, so wie vormals das, was arrogante Selbstgefälligkeit und ignorante Einbildung zum Juste milieu machten.

Autor:  CHRISTIAN THOMAS
Datum:  4 | 11 | 2008
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