Richmond. Grace Cabanis ist wütend. Ihre Hände wirbeln durch die Luft, als wolle sie etwas zerreißen. Ihr Zeigefinger sticht zu wie ein Florett. Der Oberkörper zittert, so aufgepumpt ist die Rentnerin aus Hopewell. "Oh, yeah", faucht sie, "ich bin richtig, wahnsinnig, unglaublich wütend". Hier kann sie es sagen, sie ist unter Freunden.
Tausende sind auf die staubige Speedway-Strecke am Stadtrand von Richmond gekommen, um Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin vor einem gewaltigen Sternenbanner reden zu hören. Viele tragen rote Shirts, Blusen, Hemden. Darum hatten die Organisatoren gebeten: Tragen sie rot, um zu zeigen, dass Virginia McCain-Country ist! Rot ist die Farbe der US-Republikaner.
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Interaktive Grafik: Die neuesten Umfragewerte
Selbst in Virginia liegt Barack Obama in Umfragen vorn. Seit 1964 hat kein Demokrat den Südstaat bei einer Präsidentschaftswahl gewonnen. Dass John McCain und seine Vize Palin hier überhaupt Wahlkampf machen müssen, sagt einiges über das politische Klima im Land. Eigentlich wollten sie in Richmond gemeinsam auftreten. Kurzfristig aber wurde McCain ins benachbarte North Carolina umgeleitet. Auch dort bröckeln in einer Republikaner-Hochburg die Umfragen. Seit das so ist, hat sich die Stimmung beim republikanischen Anhang verdüstert. Bei Wahlveranstaltungen werden immer wieder Stinkefinger gereckt, Medien beschimpft, schlägt Frust mitunter in offenen Hass um.
Sobald der Name Obama fällt, skandiert die Menge auch in Richmond "Nobama" und dann wie zum Trotz: "USA, USA!" Je näher der Wahltag rückt, je größer die Angst vor einer möglichen Niederlage wird, um so wütender wird Amerikas Rechte. Oben auf der Bühne spricht auch Palin über die Wut. "Ganz Amerika ist wütend", sagt sie, "wütend über die Gier der Wall Street, über die Arroganz in Washington, über Wahlbetrug." Letzteres meint die Kampagne der Demokraten, überall neue Wähler zu registrieren. Dabei hat es Unregelmäßigkeiten gegeben. Helfer, die oft pro Neuwähler bezahlt werden, haben offenbar Namen und Adressen erfunden. Für Grace Cabanis ist das der Beweis, dass "Leute wie wir für das wahre Amerika stehen - sonst würden sie die Wahl ja nicht stehlen".
Auch Mike Reisenberg glaubt an eine große Verschwörung. In Latzhose und Strohhut ist der Schnauzbart aus dem Shenandoah-Tal nach Richmond gekommen, jetzt hält er ein Transparent hoch: "Obama ist ein Sozialist und Kommunist, der unser Land zerstören will."
Obama locke die Wähler mit staatlichen Hilfen, wolle sie so aber nur in Abhängigkeit treiben: "Ganz Amerika soll versklavt werden." Selbst Bill Clinton, die alte Hassfigur der amerikanischen Rechten, wäre der frustrierten Republikanerin Grace Cabanis "tausendmal lieber als Obama". Das, fügt sie schnell an, "hat nichts mit seiner Hautfarbe zu tun. Ich würde sofort Colin Powell oder Condoleezza Rice wählen, denn sie lieben dieses Land."
Mike Reisenberg hofft gar, die Clintons könnten Obama stoppen: "Die wollen doch auch nicht, dass er acht Jahre im Weißen Haus sitzt." McCain traut er das nicht mehr zu. Die dritte und letzte TV-Debatte am heutigen Mittwoch gilt als McCains vielleicht schon letzte Chance, vor großem Publikum die Dynamik noch zu ändern.