Ein Soziologiestudent geht mit einem Fragebogen bewaffnet in einen Wohnblock in einem fast ausschließlich von Schwarzen bewohnten Stadtteil in Chicago. Er stellt seine erste Frage: "Was für ein Gefühl ist es, schwarz und arm zu sein?" Der Befragte, ein Schwarzer, widerspricht ihm: "Ich bin nicht schwarz." Er sieht dabei seine Freunde an. Die nicken beifällig. Der Student stellt seine Frage noch einmal: "Was ist es für ein Gefühl, Afroamerikaner zu sein und arm?"
Die Antwort lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: "Ich bin auch kein Afroamerikaner. Ich bin Nigger. Hier in diesem Haus wohnen nur Nigger. Afroamerikaner leben in den Vorstädten mit dem Rasen vor der Tür. Afroamerikaner tragen Krawatten bei der Arbeit. Nigger finden keine Arbeit."
Bei dem Soziologiestudenten handelte es sich um Sudhir Venkatesh, den heute an der Columbia University lehrenden Soziologen. Seine bahnbrechende Studie zur "Untergrundökonomie" erscheint demnächst bei Econ. Die obige Szene schildert er in seinem neuesten Buch "Gang Leader for a Day". (The Penguin Press). Der Dialog gibt den Blick frei auf die reale Rassen- und Klassenfrage der USA.
Barack Obama ist eindeutig Afroamerikaner. Er ist kein Nigger. Das hat sein jetziger Stellvertreter, der aus Irland stammende Joseph Biden, klar erkannt, als er vor noch gar nicht so langer Zeit Barack Obama als den ersten Schwarzen bezeichnete, der "artikuliert, klug, sauber und ein nett aussehender Typ" sei. Der Rassismus des weißen Amerikas hat sich verändert.
Die Afroamerikaner werden zunehmend akzeptiert. Sie werden aufgenommen. Die Nigger dagegen werden weiter gehasst. In den letzten Jahren wurden Programme zur Unterstützung der armen schwarzen Gemeinden gekürzt. Sie wurden systematisch abgeschrieben. Sie dienten nicht einmal bei Wahlen als Stimmvieh. Sie werden nicht gefördert, sondern bekämpft. Mit Polizei, FBI und Drogenfahndung. Sie wissen schon lange, dass man in den USA, wenn man ein Problem sieht, gerne zum Krieg gegen es aufruft.
Das Verhältnis dieser Nigger zum Staat kann man sich leicht vorstellen. Sie ignorieren ihn, so gut es geht. Sie bekämpfen ihn, so gut sie können. Sie bauen sich ihren eigenen auf, wo immer es geht. Die Siedlung, in der der junge aus Indien stammende Sudhir Venkatesh seine Untersuchungen begann, hatte als sozialer Wohnungsbau, als Versuch der Integration der armen Schwarzen ins aufstrebende Chicago begonnen.
Als Sudhir Venkatesh dorthin kam, teilten sich ein paar Gangs die Oberhoheit über die Siedlung. Polizeiwagen fuhren ab und zu durch. Mehr nicht. Die Staatsgewalt hatte sich verabschiedet und das Gebiet den Drogendealern überlassen.
In ihrer Rede betonte Michelle Obama jetzt, sie und ihr Mann kämen aus der amerikanischen Arbeiterklasse, ihr Aufstieg belege, dass der amerikanische Traum nach wie vor funktioniere. Man wüsste gerne, ob die Bewohner jenes Chicagoer Schwarzenviertels, in dem Michelle Obama aufwuchs, heute auf sie hören.
Mit anderen Worten, ob die Afroamerikaner die Nigger noch erreichen, ob sie Einfluss auf deren Mentalität haben. Eine Hoffnung für Amerika wäre Obama nur dann, wenn es ihm gelänge, nicht nur liberale Weiße zu rühren, sondern auch jene zu mobilisieren, die aus dem amerikanischen Traum verjagt wurden und inzwischen nur noch Hohn für ihn übrig haben.Es wird Attentatsversuche auf Obama geben. Alles andere wäre ein Wunder. Es wird sie geben aus den Kreisen des finstersten Ku-Klux-Klan-Amerika.
Das ist nicht verschwunden. Aber was wird passieren, wenn Barack Obama Präsident wird, und in einem heißen Sommer in einer der schwarzen Innenstädte der Millionenmetropolen des Landes kommt es wieder einmal zu Vandalismus? Wird es dann gut sein, dass die USA einen schwarzen Präsidenten haben? Wird er anders, wenn schon nicht mit den Aufständischen, so doch zu oder gar mit ihrer Umgebung reden können? Wird ein Präsident Obama die USA - wie er es von sich sagt - wieder zusammenführen können, oder muss er an dieser Aufgabe scheitern?
Sein Scheitern wäre kein Scheitern wie das all seiner Vorgänger. Es wäre ein schwarzes Scheitern. Sein Erfolg wäre im wesentlichen seiner, aber eben doch auch ein schwarzer Erfolg.
Ein erfolgreicher schwarzer Präsident könnte vielleicht auch den Niggern aus ihrer Isolation helfen. Vielleicht aber ist es dazu schon zu spät. Die kriminelle Untergrundökonomie scheint längst integraler Bestandteil des amerikanischen Wirtschaftssystems geworden zu sein - siehe dazu Moisés Naíms "Schwarzbuch des organisierten Verbrechens" -, und längst kommandiert sie in so vielen "befreiten" Gebieten, dass die USA eher auf dem Weg scheinen, ein verfallender Staat zu werden, als den amerikanischen Traum auch für Nigger des 21. Jahrhunderts zu realisieren.