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Verkorkste Beziehung

Wie Goethe seine Heimatstadt verließ und doch im Herzen behielt

Sey stolz, daß du ein Franckfurter Bürger bist", schrieb seine Mutter Johann Wolfgang Goethe nach Weimar. Und tatsächlich hat der angesehene Jurist, Dichter, Staatsminister und Naturwissenschaftler Frankfurt im Herzen getragen. Aber weiter wollte er nicht gehen. Vielmehr flüchtete er 1775 von hier, weil er sonst "erstickt" wäre, da war er 25 Jahre alt.

Die Stadt, die er verließ, war klein, eng und rückständig, "die Lebensordnung kompliziert und verwirrend", heißt es in der Frankfurter Biographie. Außen herum die Stadtmauer, drinnen, etwa mit den Klosterbezirken, lauter "Festungen in der Festung", wie der junge Mann selbst es sah. Schon mit 16 Jahren gab es den ersten, heimlichen Ausbruch, mit dem Wagen des Buchhändlers Fleischer, nach Leipzig. "Eine Abneigung gegen meine Vaterstadt ward mir immer deutlicher", blickt Goethe in "Dichtung und Wahrheit" auf die Zeit vor Beginn des Studiums zurück.

Und dann, als es mit dem ersten Absprung geklappt hat: "Die heimliche Freude eines Gefangenen, wenn er seine Ketten abgelöst und die Kerkergitter bald durchgefeilt hat, kann nicht größer sein als die meine war."

Zu Frankfurt hatte Goethe eine verkorkste Beziehung, auch darin war er der erste. Dabei liebte er die Stadt doch. Wolfgang Klötzer, der ehemalige Stadtarchivdirektor, hat vor des Dichters 250. Geburtstag das beruhigende Zitat gefunden. Am Gardasee sei es gewesen, im Jahr 1786, als Stadtflüchtling Goethe sich gerühmt habe, "Bürger einer Republik zu sein, welche zwar an Macht und Größe dem erlauchten Staat von Venedig nicht verglichen werden kann, aber doch auch sich selbst regiert und an Handelstätigkeit, Reichtum und Weisheit ihrer Vorgesetzten keiner Stadt in Deutschland nachsteht. Ich bin nämlich von Frankfurt am Main gebürtig, einer Stadt, deren Namen und Ruf gewiß bis zu euch gekommen ist." Als "Republik" bezeichnet er die Reichsstadt, die sich mit 30 000 Einwohnern selbst verwaltete.

Goethes Geschichte mit Frankfurt hat, wie sicher jedes Kind weiß, "am 28. August 1749, mit dem Glockenschlag zwölf" im Großen Hirschgraben begonnen. Da kam das erste Kind von Catharina Elisabeth Goethe, geborene Textor, "für tot auf die Welt". Erst mit dem ebenso legendären Ruf der Großmutter: "Rätin, er lebt!" war die Existenz fürs erste gesichert.

Oben im Goethe-Haus liegen derzeit Gegenstände in einer Vitrine, mit der Säuglinge jener Zeit ans Licht der Welt geholt wurden. Unter anderem ein metallener "Aufspanner zur Geburtshilfe" fällt ins Auge - lang, schwer und eisern wie ein Wagenheber. Kinderkriegen war ein Wagnis auf Leben und Tod. Da hat sich Goethes Vater Johann Caspar, ein Privatier und Gelehrter, zwei Bände, "Die gebährende Frau" und "Unterricht vor Hebammen" angeschafft. Seine Frau, die er erstmals 1774 mit dem Kosenamen Aja ins Haushaltsbuch aufnimmt, schenkte nach Wolf (oder Wölfchen) und Cornelia weiteren fünf Kindern das Leben, alle sind gestorben.

"Er aber war begünstigt, das war sein Glück", schreibt Adolf Muschg über den Sohn. Begünstigt durch die Herkunft aus dem Patriziat, wie "durch das Selbstvertrauen einer Mutter, durch eine Erziehung zur Sympathie." Die frühen Jahre der Kindheit liefen "in einem glücklichen und gemächlichen Zustand" ab, schreibt Goethe. Dann war Krieg, dann kamen "die Durchmärsche der Franzosen" , die Einquartierungen - "eine unerhörte Last drückte die behaglichen Bürger gewaltig".

Der Vater aber paukte, mit äußerster Disziplin, mit den Kindern Lateinisch, dann Griechisch, dann Französisch. Es gab Zeichenunterricht, Schönschreiben, dann Italienisch. Ab 1762 kam Englisch dazu, dann Hebräisch. Wolfgang lernte Fechten, dann Reiten - da "ging es mir noch schlimmer". Das Erzählen, die ausgesponnenen Geschichten, kamen von der Mutter. Und sie beobachtete: "Keiner machte so Riesenschritte wie er."

Nach all dem Bemühen jedoch sah der junge Mann seinen Vater "zwischen seinen Brandmauern ein einsames Leben führen, wie ich es mir nicht wünschen konnte". Und suchte, "mir einen ganz anderen Lebensplan als den mir vorgeschriebenen zu ersinnen." Darauf ging es ab nach Leipzig - da kam er an, "wie aus einer fremden Welt hereingeschneit". Er fühlte sich "etwas wunderlich equipiert" und wechselte die Kleider.

Autor:  CLAUDIA MICHELS
Datum:  28 | 8 | 2008
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