Das gute Ansehen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihre Arbeit in den vergangenen Jahren haben nach Einschätzung der Forschungsgruppe Wahlen der Union den Wahlsieg gesichert. Der CDU-Chefin sei es gelungen, SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier in der Kanzler-Frage klar zu distanzieren, teilten die Wahlforscher am Sonntagabend in Mannheim mit.
Gewinner sind auch die kleineren Parteien, die gemeinsam so stark wurden wie nie zuvor. Dagegen markiere die Niederlage der SPD einen "historischen Tiefpunkt". Nach vier Jahren großer Koalition bringe das Wahlergebnis eine Wiederbelebung der klassischen Lagerorientierung, so die Forscher. Parallel setze sich ein langfristiger Trend fort, der von den Parteien mehr Flexibilität auf dem "Koalitionsmarkt" erfordere.
CDU/CSU: Laut den Demoskopen hat Angela Merkel "mit guter Arbeit und bester Reputation die teils erheblichen Vertrauensverluste in die Sachkompetenzen" der Union kompensiert. Die CDU-Chefin konnte vor allem mit einem guten persönlichen Image punkten. Sie genieße das höchste Ansehen eines Kanzlerkandidaten bei einer Bundestagswahl nach 1990.
Die Kanzlerin gilt als glaubwürdiger, sympathischer und durchsetzungsfähiger als Steinmeier. Außerdem halten die Wähler sie für diejenige, die Deutschland besser aus der Krise führen kann. Die Wähler über 60 Jahre sind die zentrale Stütze des Wahlsieges der CDU/CSU. Hier holt die Union 40 Prozent, in allen anderen Altersgruppen bleibt sie unter ihrem Gesamtresultat.
Auch in zahlreichen Politikbereichen muss die Union Einbußen hinnehmen: Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vertrauen nach 41 Prozent 2005 jetzt noch 29 Prozent auf die CDU/CSU. Kompetenzeinbußen gibt es für die Union auch in den Bereichen Bildung und Steuern, wo immer mehr Bürger bei überhaupt keiner Partei Sachverstand sehen.
SPD: Die Partei kämpft laut den Demoskopen mit einem strategischen Dilemma: Neben einer stärker in die Mitte gerückten Union verliert sie nach links Wähler, deren Wünsche sie als Regierungspartei nicht bedienen kann. Als sozialer Ansprechpartner werden die Sozialdemokraten nach Angaben der Wahlanalysten nur noch von den Gewerkschaftsmitgliedern anerkannt.
Hinzu kommt die gesunkene Wahlbeteiligung, die nach einem nicht polarisierenden Wahlkampf auf ein signifikantes Mobilisierungsdefizit der SPD verweist. Die Partei muss sich nach Einschätzung der Experten zum Erhalt einer realistischen Machtoption jenseits der Union neu ausrichten.
Im Kampf ums Kanzleramt konnte SPD-Herausforderer Steinmeier Merkel beim Image und bei der Bewertung in Detailfragen nicht das Wasser reichen. Die SPD erzielt ihr bestes Ergebnis mit 30 Prozent bei den über 60-Jährigen. Vor allem bei den Wählern unter 30 muss sie dramatische Einbußen verkraften. Sie kommt in dieser Gruppe nur noch auf 17 Prozent und liegt auf einem Niveau mit der FDP.
FDP: Die Liberalen haben den Angaben der Mannheimer Wahlforscher zufolge von den Koalitionsdiskussionen stark profitiert, 32 Prozent ihrer Wähler stehen prinzipiell der CDU/CSU näher.
Insgesamt kommt es in den Bündnisfragen zu einer Polarisierung zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb, wobei keine Variante wirklich überzeugt. Eine große Koalition fänden 37 Prozent gut, 39 Prozent schlecht und 21 Prozent egal. Schwarz-Gelb bewerten 39 Prozent positiv und 41 Prozent negativ.
Linke: Die Linken haben ihr Ansehen bei den Wählern in den vergangenen Jahren verbessert. Auf der plus 5/minus 5-Skala wurde die Partei mit minus 1,5 (2005: minus 2,4) weit weniger negativ als zuletzt eingestuft. Ihren relativ höchsten Zuspruch erzielt die Linke mit 10 Prozent in der Sozialpolitik beziehungsweise mit 15 Prozent in Ost-West-Fragen.
Eindeutig stärkste Partei wird sie bei arbeitslosen Wählern. Die Linke erreichte - was das Thema Arbeitslosigkeit angeht - ein Wählerpotenzial von 32 Prozent (SPS 35 Prozent). Ihr bestes Ergebnis bei den Altersgruppen holt die Linke bei den 45- bis 59-Jährigen.
Grüne: Auch die Grünen konnten ihr Image weiter aufpolieren. Auf der plus 5/ minus 5-Skala verbesserte sich die Partei mit 0,6 (2005: minus 0,2) klar. Den relativ höchsten Zuspruch erzielte die Partei in der Familienpolitik. Punkten konnten die Grünen bei Wählern unter 30 Jahren. (dpa)