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Wahlkampfauftakt in Hessen: Mister X statt Y

In Hessen bereiten sich alle Parteien auf die Landtagswahl im Januar vor. Die SPD mit einem überraschenden Kandidaten, die anderen Parteien mit Vorsicht bei Koalitionsaussagen. Von Matthias Thieme

Gemeinsam in den Wahlkampf: Hessens SPD-Chefin Andreas Ypsilanti und der Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel.
Gemeinsam in den Wahlkampf: Hessens SPD-Chefin Andreas Ypsilanti und der Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel.
Foto: ap

Frankfurt a.M. Nur 69 Tage bleiben der hessischen SPD noch, um ihren Spitzenkandidaten bei den Wählern bekannt zu machen. Es wird ein Himmelfahrtskommando - Mission Impossible auf Hessisch. Bis zum Wochenende kannte kaum einer den Namen des Hinterbänklers Thorsten Schäfer-Gümbel. "Mr. Unbekannt" und "Schäfer-wer?" wird er genannt.

Er wird es schwer haben gegen das plötzlich wieder obenauf schwimmende Machtreptil Roland Koch. Gegen einen amtierenden Ministerpräsidenten, der sich jetzt geläutert gibt, der immer offener mit den Grünen flirtet und hetzerische Wahlkampftöne diesmal unbedingt vermeiden will. Eigentlich hat Schäfer-Gümbel keine Chance.

Wer verstehen will, warum die SPD in größter Not plötzlich zu dieser C-Kandidatenlösung greift, der musste am Rande des Parteirats in Frankfurt am Main nur Manfred Schaub etwas genauer zuhören. Dem Bürgermeister von Baunatal und Chef der nordhessischen SPD, der bis zuletzt als aussichtsreicher Kandidat auf die Ypsilanti-Nachfolge galt.

Ja, er sei natürlich gefragt worden, versichert Schaub. Nein, machen wolle er das auf keinen Fall. Er habe abgelehnt. Weil er wie Ypsilanti durch den Linkskurs belastet sei. Weil das Bürgermeisteramt Zeit koste. Doch wer seine Antworten richtig übersetzt, versteht: Ich bin doch nicht blöd und ruiniere meine Karriere in einem aussichtslosen Wahlkampf.

Wenn Schaub auch den Posten des Landesvorsitzenden von Ypsilanti bekommen hätte, wäre er vielleicht dazu bereit gewesen, wird aus Parteikreisen kolportiert. Doch das stand nicht zur Debatte. "Ich werde Landesvorsitzende bleiben. Ich bleibe auch Fraktionsvorsitzende", sagt Andrea Ypsilanti nach der Parteiratssitzung resolut.

Und Manfred Schaub steht vor der Türe und sieht alles andere als unglücklich aus. Preist den neuen Kandidaten als Vertreter der "jungen Generation" in der SPD, als "integrativen Kopf" und versierten Wirtschaftspolitiker. So kann man in der Politik auch sagen, dass man gottfroh ist, nicht selbst verheizt zu werden.

Vor dem Dickicht der Fernsehkameras versucht Ypsilanti derweil, der Öffentlichkeit die merkwürdige Personalentscheidung schmackhaft zu machen. "Der Thorsten hat jetzt die schwierige Aufgabe - ich bin sicher, er kann das", sagt Ypsilanti. "Er hat sich bis nach Nordhessen verdient gemacht und integrativ gewirkt."

Neben ihr versucht "der Thorsten", halbwegs optimistisch dreinzublicken. "Erhobenen Hauptes" wolle er in den Wahlkampf ziehen, sagt er. Zu Ypsilantis Politik kommt Schäfer-Gümbel nur Lob über die Lippen. "Ungerecht" sei es, dass Ypsilanti "so gescheitert wurde", sagt er.

Zuvor hat Ypsilanti eingeräumt, es sei ein Fehler gewesen, im vergangenen Wahlkampf "so konsequent auszuschließen, dass wir mit der Linkspartei zusammen arbeiten könnten". Doch am Wahlprogramm solle nichts geändert werden. "All das bleibt richtig", so Ypsilanti, "deshalb werden wir mit diesem Programm wieder antreten". Sie sei "bei aller Problematik guter Dinge", verkündet die SPD-Landeschefin. "Diese SPD ist sturmerprobt seit 140 Jahren - ich denke, dass die Wähler uns eine zweite Chance gewähren."

Fraglich ist aber auch, ob die tief enttäuschten Grünen der hessischen SPD nochmal eine Chance geben. Die "offensichtliche Unfähigkeit der SPD-Führung unter Andrea Ypsilanti, ihre Parteiflügel hinreichend in Entscheidungsprozesse einzubinden, stoßen bei den Grünen auf völliges Unverständnis", teilte der Grünen-Parteirat am Wochenende mit. Die SPD trage die Verantwortung für das Scheitern des Politikwechsels. Die SPD habe "das Vertrauen, das wir ihr gegenüber aufgebracht haben, verspielt", so die harsche Kritik des obersten Gremiums der hessischen Grünen. Auffällig oft wird Ypsilanti von den Grünen namentlich genannt und für das "Debakel" und den Glaubwürdigkeitsverlust verantwortlich gemacht.

Der hessische CDU-Generalsekretär Michael Boddenberg hat gleich mit dem Wahlkampf begonnen und bezeichnet den SPD-Kandidaten als "maßgeblichen Befürworter des Wortbruchs und einen glühenden Verfechter eines Bündnisses mit der Linken". Die Personalentscheidung zeige, "dass sich die hessische SPD wie eine Sekte verhält", so Boddenberg. Mit der Benennung "ihres Jüngers Thorsten Schäfer-Gümbel" behalte Ypsilanti die Zügel in der Hand. Die SPD werde nun "mit einem anderen Kopf gegen dieselbe Wand rennen", meint der hessische CDU-Generalsekretär.

Die CDU werde Lehren aus dem schlechten Abschneiden bei der letzten Wahl ziehen, sagt Boddenberg. So solle es Korrekturen in der Schulpolitik geben und "wir sind auch im Bereich der Umweltpolitik bereit, über höhere Ziele bei regenerativen Energien zu reden." Man strebe eine bürgerliche Mehrheit mit der FDP an; falls dies nicht gelinge, will die Union "vornehmlich mit den Grünen reden". Diese Option hält sich auch die FDP offen. Schlechte Aussichten für die Schäfer-wer-SPD.

Autor:  MATTHIAS THIEME
Datum:  10 | 11 | 2008
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