Am Tag danach findet Roland Koch wieder große Worte. "Wir dürfen uns den Schneid nicht abkaufen lassen", ruft er entschieden in den voll besetzten Saal des Wiesbadener Kurhauses.
Langjährige Weggefährten wie Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung oder die frühere hessische Kultusministerin Karin Wolff klatschen Beifall. Dabei geht es Koch gar nicht um die Zukunft der CDU, wie der Beobachter ganz kurz denken könnte. Es geht um die Zukunft der Republik im Zeichen rasanter technologischer Entwicklung. Es geht ums Große und Ganze, wie so oft in den elf Jahren Regierungszeit Koch. Aber diesmal ist es das Vermächtnis des Roland Koch. Die Abschiedstournee des Ministerpräsidenten hat an diesem Mittwochmorgen im Kurhaus begonnen.
Natürlich hat der 52-jährige Regierungschef diesen Termin nicht abgesagt trotz des Erdbebens, das er in seiner Partei mit seiner Rückzugs-Ankündigung ausgelöst hat. Wie geplant eröffnet Koch den Kongress "Zuse 2.0, Standort der Ideen", der dem hessischen Computer-Erfinder Konrad Zuse gewidmet ist. Der Noch-Ministerpräsident hatte es tags zuvor deutlich gesagt: "Ich werde die nächsten Monate unvermindert regieren."
So nimmt sich Koch Zeit für einen Rundgang durch den "Marktplatz", auf dem sich Unternehmen der Informationstechnologie präsentieren. Viele ihrer Slogans könnten auch Kochs Motto sein. "Netzwerke sind unsere Welt", zum Beispiel. Oder auch: "Quality made in Eschborn".
Unter diesem Slogan stellt sich die Firma Keyfaktor vor, die sicherstellt, dass bei Computerspielen "die Figur nicht immer gegen die Wand rennt", wie Geschäftsführerin Sabine Kaiser erläutert. Koch gönnt ihr eine Minute Aufmerksamkeit, sie nennt ihren Straßennamen in der Taunusgemeinde Eschborn und fügt hinzu: "Bei Ihnen um die Ecke." Koch nickt und geht weiter, begleitet von einem Tross aus Kamerateams, Fotografen und anderen Neugierigen.
Es gibt auch politische Stände auf dieser Messe. CDU, FDP und Grüne haben nebeneinander Infomaterial aufgebaut. "Jamaika", grinst ein junger Mann am Grünen-Stand. Koch kommt vorbei und grüßt nur kurz bei den Parteien. Für die Piratenpartei hat er gar keinen Blick übrig.
Demonstrativ interessiert ihn hier nicht die Politik. Neugierig zeigt er sich auf technische Neuerungen wie einen Computerarm von der Technischen Uni Darmstadt. Irgendwo dort zwischen Wirtschaft und Innovation könnte künftig auch Kochs Tätigkeitsfeld liegen, über das er auch an diesem Morgen nichts preisgibt. Ein Gerücht besagt, Koch könnte Nachfolger von Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber werden, der in wenigen Monaten ausscheidet. Doch in Wirtschaftskreisen gilt diese Variante als unwahrscheinlich, da Mayrhuber-Stellvertreter Christoph Franz bereits als neuer Boss der Fluglinie feststehe.
Die Bedeutung des Flughafen-Ausbaus in Frankfurt spielt auch in Kochs Kongress-Rede über "innovative Wirtschaftsansätze" eine Rolle. Aber ablesen lässt sich daraus nichts. Auch die anderen großen Wirtschafts- und Forschungszweige der Rhein-Main-Region erwähnt der Ministerpräsident.
Ihm macht es sichtlich Freude, ganz grundsätzlich zu werden. Als die Redezeit schon abgelaufen ist und der Kongress-Organisator bereits nervös wird, folgt noch ein Ausflug in die Bedeutung der Computertechnik für das Projekt "staufreies Hessen" und schließlich für die medizinische Versorgung auf dem Land.
Die Botschaft lautet: Wir können was. Alle Welt rede über Microsoft-Gründer Bill Gates, der doch gar nichts in seiner Garage hätte entwickeln können, wenn Konrad Zuse nicht in seinem hessischen Fachwerkhaus die Grundlagen gelegt hätte. Deshalb sagt Koch: "Wir dürfen uns den Schneid nicht abkaufen lassen."
Gerade 24 Stunden liegt es da zurück, dass er seinen Abschied vom Amt für Ende August erklärt hat. Nicht einmal 14 Stunden sind vergangen seit der Entscheidung der CDU für Nachfolger Volker Bouffier in Bad Nauheim.
Dort stand Weggefährte Jung noch lange mit Koch zusammen, als die Scheinwerfer der Kameras schon ausgeschaltet waren. Zwei Männer, einst politische Schwergewichte, hielten sich an einem wackeligen Stehtisch fest und hatten sich viel zu sagen.
Gemeinsam sind sie aus der Jungen Union aufgestiegen. Der eine wurde Ministerpräsident und hievte den anderen ins Amt des Bundesministers. Auch wenn Koch noch einige Wochen amtiert und Jung sein Bundestagsmandat behalten hat - sie sind Männer aus einer anderen, vergangenen Zeit. Männer, die wegen Angela Merkel nicht noch höher hinaus konnten.
Am Morgen danach, beim Kongress, muss Koch bald nach seiner Rede hinauseilen. Er drückt Jung, der sich an den Rand gesetzt hat, schnell die Hand. Der Ex-Minister bleibt zurück und sieht aus, als wäre sein Freund Koch jetzt für immer weg. "Es ist ein großer Verlust", sagt Jung der Frankfurter Rundschau. "Roland Koch ist einer der Besten, den wir haben."

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