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Ypsilanti-Desaster: "Sie hatte Grandiositäts-Phantasien"

Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth über knappe Mehrheiten, die Lust am Untergang, Märtyrerinnen und Jürgen Walter als Brutus. Ein Interview von Petra Mies

Schwer enttäuscht: Andrea Ypsilanti.
Schwer enttäuscht: Andrea Ypsilanti.
Foto: ap

Herr Wirth, was war der Rückzug der Vier - Kalkül, Amoklauf oder Dummheit?

Sicher müssen sich Frau Tesch und Frau Everts den Vorwurf gefallen lassen, sich die Sache reichlich spät überlegt zu haben. Andererseits haben sie das nicht heimlich gemacht. Und Frau Metzger und Herr Walter haben ihre Kritik schon vorher deutlich gemacht.

Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker und Professor für Psychologie an der Universität Bremen.
Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker und Professor für Psychologie an der Universität Bremen.
Foto: Privat

Spielten dabei Selbstzerstörung und Lust am Untergang mit?

Da passt der Vergleich zu den Grünen von früher, die auch in einer Zerreißprobe zwischen zwei Flügeln standen. Es gibt Realos, die an die Macht wollen, und Fundis, denen prinzipielle Überzeugungen wichtiger sind. Diese Flügel entsprechen der Unterscheidung, die der Soziologe Max Weber zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik getroffen hat. Die Abtrünnigen vertreten eine Gesinnungsethik, die aus prinzipiellen Gründen eine Zusammenarbeit mir der Linken ablehnt. Frau Ypsilanti und ihre Unterstützer sind Realos, die unbedingt an die Macht wollen.

Handelte sie verantwortungsvoll?

Wohl kaum, es war ein Spiel mit dem Feuer, die Partei auf eine derartige Zerreißprobe zu stellen - eine Partei, die wie gesagt ohnehin schon gespalten war.

Wie konnten Silke Tesch und Carmen Everts quasi über Nacht ihr Gewissen entdecken?

Vielleicht musste sich die Minderheitengruppe erst zusammenfinden und sich gegenseitig Mut machen. Sie erfüllen ja nun zwei Rollen - die der Verräterinnen und die der Heldinnen und Märyrerinnen, je nach Betrachtungsweise. Dass sie das nicht glücklich macht, war ihnen anzusehen.

Wäre es anders gekommen, wenn Andrea Ypsilanti besser hingesehen und Jürgen Walter mit dem Wirtschaftsministerium versorgt hätte?

Vielleicht wäre das machttaktisch klüger gewesen. Aber dann wären die Differenzen später aufgebrochen. Es könnte jedenfalls ein Hinweis darauf sein, dass Ypsilanti mit Brachialgewalt an die Macht wollte, ohne auf die knappen Verhältnisse und die Widersacher zu achten.

Sie sind Fachmann für seelische Störungen in der Politik - welche diagnostizieren Sie beim Debakel der hessischen SPD?

Da sind gruppenintere Konflikte und Polarisierungen ganz offensichtlich. Und die sind so heftig, dass sie von der Gesamtgruppe nicht integriert werden konnten. In einer solchen Lage ist es problematisch, sich auf eine derart heikle Mission einzulassen. Insofern sehe ich schon Grandiositäts-Fantasien, die Frau Ypsilanti ausgelebt hat. Bei ihrem Wunsch, Koch abzulösen, hat sie die Differenzen in ihrer Partei übersehen. Mit so schwachen Kräften wie einer Stimme Mehrheit lässt sich die Welt nicht aus den Angeln heben.

Sie haben Walter einen Nero genannt. Ist er nicht ein Brutus?

Nein, er war ein Rivale, aber nicht total hinterhältig.

Der verstorbene Kabarettist Matthias Beltz hat einmal gesagt: "Hesse sein, heißt, gefährlich leben wollen zu müssen" - gilt das speziell für die politische Klasse?

Auf die hessische SPD trifft das ganz bestimmt zu.

Interview: Petra Mies

Datum:  5 | 11 | 2008
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