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18 Prozent für hypothetische Partei: Zulauf für die Sarrazin-Partei

Der Bundesbank-Vorstand Sarrazin bezeichnet seine geplante Entlassung als „Schauprozess“ - derweil herrscht großer Andrang bei seinen Lesungen.

        

Mit grobem Strich: Plakat eines Demonstranten gegen die Thesen Thilo Sarrazins.
Mit grobem Strich: Plakat eines Demonstranten gegen die Thesen Thilo Sarrazins.
Foto: Michael Gottschalk / dpa
Berlin –  

Eins hat Thilo Sarrazin geschafft: Laut einer Emnid-Umfrage würden 18 Prozent der Deutschen eine von ihm geführte Partei wählen. Während also die Bundesbank ihr Vorstandsmitglieds entlassen will und die SPD seinen Parteiausschluss betreibt, finden die rechtspopulistischen Sprüche bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung Anklang.

Sarrazin drohte per Interview Christian Wulff, der die Entlassung genehmigen muss: „Der Bundespräsident wird sich genau überlegen, ob er eine Art politischen Schauprozess vollenden will, der abschließend von den Gerichten kassiert wird“, sagte er dem Magazin Focus. Er verlangt, vor einer Entscheidung angehört zu werden. Das Bundespräsidialamt betonte am Sonntag, „das Verfahren wird selbstverständlich und ausschließlich nach Recht und Gesetz durchgeführt“, wie ein Sprecher Wulffs der Bild am Sonntag (BamS) sagte.

Der Fall Sarrazin
Thilo Sarrazin (SPD) im Fernsehstudio in Hamburg nach der Sendung Beckmann.

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Bild kämpft für Sarrazin

Bild entwickelt sich zum Zentralorgan Sarrazins. Unter den Lettern „Bild kämpft für Meinungsfreiheit – Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ listete das Boulevardblatt am Samstag eine Reihe von Thesen auf, von „Wer arbeitet, darf nicht der Dumme sein!“ über „Zu viele junge Ausländer sind kriminell!“ bis „Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, Deutscher zu sein!“

Laut BamS will Sarrazin den Vorstand der Bundesbank am 16. August schriftlich über die geplante Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ in Kenntnis gesetzt haben. Weder Bundesbank-Präsident Axel Weber noch andere Vorstandsmitglieder hätten darauf reagiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie sehe die Unabhängigkeit der Bundesbank nicht dadurch gefährdet, dass Politiker eine Entlassung Saarazins gefordert hatten.

62 Prozent für „Denkanstöße“

Einer Umfrage für den Focus zufolge finden 62 Prozent der Bürger, Sarrazin habe mit seinen Äußerungen über Migranten berechtigte Denkanstöße gegeben. Merkel sagte BamS, die „Versäumnisse der vergangenen 30 Jahre“ in der Integrationspolitik seien nicht in einer Legislaturperiode auszugleichen. Viele hätten einen „Multi-Kulti-Traum“ geträumt. Integration sei mit Rechten und Pflichten verbunden, die Einhaltung der Pflichten müsse von Ämtern stärker überprüft werden. „Wir arbeiten daran, mit allen Neuzuwanderern Integrationsvereinbarungen zu schließen.“

Die Veranstalter von Sarrazin-Lesungen werden überrannt. In Potsdam und Berlin fanden die Organisatoren Ausweichquartiere , nachdem zwei Kulturzentren abgesagt hatten. Das Literaturhaus München will Sarrazin unter Polzeischutz auftreten lassen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel rechnet wegen der Kontroverse um die Thesen des Noch-Genossen mit einem Sympathierückgang für seine Partei. „Die Debatte wird uns schaden.“ Der Hamburger Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi will Sarrazin vor der SPD-Schiedskommission verteidigen.

Möglicherweise schadet ein Parteiausschluss der SPD aber noch mehr: Laut einer Emnid-Umfrage würde fast jeder fünfte Deutsche eine neue Partei wählen, wenn ihr Chef Sarrazin wäre. Besonders viel Zuspruch bekäme sie bei Anhängern der Linkspartei (29 Prozent). Allerdings würden auch 20 Prozent der Deutschen eine Friedrich-Merz- und 25 Prozent eine Joachim-Gauck-Partei wählen. ( mit dpa, afp, olk)

Autor:  Katja Tichomirowa
Datum:  5 | 9 | 2010
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