Auf die Zeitung am Frühstückstisch verzichtet Jens Keller. „Das habe ich mir relativ schnell abgewöhnt“, sagt der Trainer von Schalke 04 im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Was über ihn geschrieben und gesagt wird, weiß er dennoch: „Man wird ja immer wieder darauf angesprochen.“ Schon vor seinem ersten Bundesligaspiel als Chefcoach der Königsblauen war er „am Ende“, dann das „Gesicht der Schalker Krise“. Fast täglich machten neue Namen möglicher Nachfolger die Runde. „Es ist Wahnsinn, wie ich beurteilt werde“, sagt der 42-Jährige, der seit dem 16. Dezember im Amt ist: „Die meisten haben mir überhaupt keine Chance gegeben zu arbeiten.“
Nach knapp 100 Tagen als Schalker Cheftrainer ist die Bilanz des Schwaben besser als die meisten Urteile über ihn. Vier Siege, zwei Unentschieden, drei Niederlagen stehen in der Bundesliga zu Buche, 14 Punkte aus neun Spielen, fünf Zähler Rückstand auf den Champions-League-Qualifikationsplatz aufgeholt. Aber auch das Aus in der Königsklasse gegen Galatasaray Istanbul, den vermeintlich leichtesten Gegner. „Wir waren auf einem ganz guten Weg, nur die jüngsten beiden Spiele waren ein bisschen unglücklich“, bilanziert Keller mit Blick auf das 2:3 in der Champions League und das 0:3 zuletzt in Nürnberg: „Aber wir haben gut gearbeitet, man hat den Fortschritt gesehen.“
Vor allem beim 2:1 im Revierderby gegen den Doublegewinner Borussia Dortmund war der Fußball zu sehen, den Keller spielen lassen will: offensives Verteidigen, schnelles Umschalten. Da „war alles unglaublich toll, davor war alles katastrophal. Jetzt heißt es schon wieder: War es doch nur ein Strohfeuer?“ Dass seine Handschrift erst nach zwei Monaten wirklich zu erkennen ist, wundert den ehemaligen Abwehrspieler nicht: „Es braucht natürlich seine Zeit. Mit Jürgen Klopp ist die Dortmunder Mannschaft erst nach zwei Jahren dahin gekommen, wo sie heute ist. Bei mir erwartet man, dass ich innerhalb von drei Wochen alles ändere.“
Auch den Vorwurf, ihm fehle die Ausstrahlung, weist er zurück. Er sei „überall Führungsspieler“ gewesen, betont er. Show sei ihm jedoch fremd, „ich bin schon als Spieler nicht nach einem Tor auf den Zaun gesprungen. Ich war als Spieler sachlich, und so bin ich auch als Trainer. Wenn das dann fehlende Ausstrahlung ist, dann habe ich keine.“
Den vielleicht schwierigsten Job in der Bundesliga übernommen zu haben, bereut er trotz des scharfen Gegenwindes nicht. „Ich war schon als Spieler ein Kämpfer. Ich habe mich nach zwei Invaliditäten zurückgekämpft und wieder gespielt. Ich ziehe einen Helm auf und gehe da durch.“
Nach dem Derby-Triumph schien sich das Blatt zu wenden. Der ehemalige U17-Trainer war plötzlich ein ernsthafter Kandidat auch für die nächste Saison. „Nach der Arbeit der letzten Wochen kann man ihn nicht infrage stellen“, sagte Aufsichtsratschef Clemens Tönnies: „Es wäre unfair, wenn er keine Chance bekäme.“ Doch zu einem Ja wollte sich die Schalker Führung nicht durchringen und verwies darauf, man werde nach dem Saisonende „etwas verkünden“.
Mittlerweile gilt Armin Veh, der Eintracht Frankfurt über seine Zukunft noch im Unklaren gelassen hat, als Favorit. Sollte er sein Nachfolger werden, will Keller ins zweite Glied zurücktreten. „Ich bin von der U17 hochgeschossen. Mir gefällt es hier, Schalke ist ein guter Verein. Warum soll ich nicht wieder zurück?“
Dass sein zweites Cheftrainer-Intermezzo nach den zwei Monaten Ende 2010 in Stuttgart das Ende aller Bundesliga-Träume sein könnte, glaubt Keller nicht. „Ich denke, man hat gesehen, dass ich etwas bewegt habe. Ich bin 42, ich bin ein junger Trainer bei einem Champions-League-Verein, das ist ja nicht selbstverständlich. Warum sollte ich das abschreiben?“ (sid)
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