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05. Januar 2016

Bundesliga-Vorbereitung: Praktizierte Doppelmoral

 Von Daniel Theweleit
Vermarktung bis in die Wüste.  Foto: imago sportfotodienst

Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt und die Bayern aus München reisen zur Vorbereitung auf die Rückrunde in Länder mit Menschenrechtsproblemen.

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Nach langer Suche hat Borussia Dortmund am Dienstagvormittag endlich einen Testspielgegner für das Wintertrainingslager in Dubai gefunden, am 15. Januar tritt der Bundesligazweite gegen Südkoreas Meister Jeonbuk Hyundai Motors FC an. Aber die Suche war hoch kompliziert. Und das lag nicht nur daran, dass das Niveau der Mannschaften vor Ort eher bescheiden ist. Vielmehr soll der Gegner auch bestimmte moralische Ansprüche erfüllen. Gleich zweimal haben die Dortmunder in den vergangenen Wochen exakt den gleichen Satz publiziert: „Trotz lukrativer Angebote hat der BVB übrigens mehrere Testspiel-Offerten aus Ländern ausgeschlagen, in denen die Menschenrechts-Situation nicht mit den Maßstäben von Borussia Dortmund in Einklang zu bringen (...) ist.“ Ein Spiel gegen ein Team aus Saudi Arabien zum Beispiel, wie es ist Eintracht Frankfurt am kommenden Sonntag gegen den vom Schweizer Trainer Christian Gross betreuten SC Al-Ahly aus Dschidda macht, ist demnach ausgeschlossen.

Das klingt erstmal vernünftig, heißt bei genauerem Hinsehen aber auch: Die Lage in Dubai ist schon okay. Zwar reist der BVB tatsächlich in das fortschrittlichste der Vereinigten Arabischen Emirate, in dem jedes Jahr viele Millionen Europäer Urlaub machen, doch solch eine versteckte Werbebotschaft ist in den Augen von Daniel Mertens nur schwer zu akzeptieren. „Man kennt ja die Berichte von Human Rights Watch und vom Auswärtigen Amt, dass es da zu willkürlichen Verhaftungen kommt, dabei auch noch zu Folter und Misshandlungen. Dass es kein demokratisches System gibt und keine Partien“, sagt der Autor des kritischen Dortmunder Fanzines „schwatzgelb.de“.

Homosexualität ist ebenso verboten wie nichtehelicher Geschlechtsverkehr, „ich finde es einfach schwierig für einen Verein wie Borussia Dortmund, der sich eigentlich Toleranz und Weltoffenheit auf die Fahnen schreibt, dort so ein Trainingslager zu machen“, findet Mertens.
Zumal die Dortmunder den Eindruck erwecken, als pflege man ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Emirat. Auf der Homepage des Klubs heißt es, die Reise sei „mit freundlicher Unterstützung von Dubai Tourism“ zustande gekommen. Diese Unterstützung habe sich allerdings alleine auf die Vermittlung der perfekt ausgestatteten Trainingsanlagen beschränkt, versichert der Verein, die Kosten für den Trip trage man selbst.

Die Eintracht hat finanzielle Interessen

Die Frankfurter Eintracht, die im benachbarten Abu Dhabi ihr Trainingscamp aufgeschlagen hat, pflegt hingegen gute Kontakte in die Region, ein Teil der Kosten komme sogar wieder herein. Vorstand Axel Hellmann macht keinen Hehl daraus, dass die Hessen einen Fuß in diese Tür bekommen möchten. Die Frankfurter sind das vierte Jahr im Winter in dieser Region, zunächst in Katar, jetzt dreimal hintereinander in Abu Dhabi.

Der FC Schalke 04 durfte ja in den vergangenen vier Jahren umsonst in Katar trainieren, bereitet sich nun aber in Florida vor, was auch die Bayern lange in Erwägung zogen. Bis man sich in München doch erneut für Katar entschied, wo die Menschenrechts-Situation noch schwieriger ist als in Dubai. „Die Position eines Landes wie Katar zu stärken und mit Aufmerksamkeit zu belohnen, ist keine Aktion, die einem europäischen Spitzenklub zur Ehre gereicht“, sagt der Europaabgeordnete Norbert Neuser (SPD) dazu. Ein Trainingslager sei nunmal „keine politische Äußerung“ entgegnet Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Jenseits dieser Menschenrechtsdebatte weist BVB-Aktivist Mertens allerdings noch auf einen anderen Widerspruch solcher Reisen in den mittleren Osten hin: „Ich frage mich, wie es zusammenpasst, dass Borussia Dortmund jeden Sommer Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz oder nach Lublin anbietet, aber jetzt im Winter nach Dubai fährt, in ein Land, das das Existenzrecht Israels nachweislich nicht anerkennt.“

Den selben Vorwurf kann man auch den Bayern machen, die immer wieder darauf hinweisen, dass der Jude Kurt Landauer bis zu seiner Flucht 1933 dreimal ihr Präsident war. „Wir sind stolz auf diese jüdische Vergangenheit, und gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden werden wir auch eine stolze Zukunft haben“, hat Rummenigge einmal gesagt. Dennoch fährt er offenbar ohne Bauchgrummeln zum fünften mal mit seinem Klub nach Katar, das den antisemitischen Terror der Hamas finanziert und Israel natürlich auch nicht anerkennt.
Neu sind solche Widersprüche nicht, doch nach einem Jahr der Skandale bei der Fifa und im Deutschen Fußball-Bund sind viele Anhänger sensibilisiert. „Ich behaupte, dass wir in den vergangenen Monaten ein besonderes Bild der Doppelmoral des organisierten Fußballs erlebt haben“, sagt der Sportethiker Elk Franke. „Auf der Hinterbühne wirken in hohem Maße betriebs- und gewinnorientierte Mechanismen bis hin zu Betrügereien und auf der Vorderbühne fordert man Respekt, Fairness und authentisches Leistungsstreben. Die Fans fangen an, die Vereine und Verbände hinsichtlich dieser praktizierten Doppelmoral anzuprangern.“

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