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10. April 2010

DFB-Schiedsrichterreform: 252 brave Claquere

 Von Jan Christian Müller
DFB-Präsident Theo Zwanziger Foto: dpa

Die Schiedsrichterreformen werden beim DFB-Bundestag einstimmig abgenickt. Für Zwanziger gibt es verhaltenen Applaus. Von Jan Christian Müller

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Kempters Blitz-comeback

Michael Kempter ist wieder da! Genau genommen war er natürlich nie weg. Die Affäre um Lügen, Erpressung und Betatschen im deutschen Schiedsrichterwesen ist keineswegs abgeschlossen. Von Samstag an aber ist Kempter nicht mehr nur ein Protagonist des Schmierenstückes, er darf auch wieder Schiedsrichter sein. Wie beim DFB-Bundestag in Frankfurt bekannt wurde, pfeift er das Drittligaspiel zwischen Sandhausen und Kiel - 83 Tage nach seinem letzten Einsatz in der Bundesliga.

Die erste Frage, die sich aufdrängt, ist: Warum wird das am Rande des DFB-Bundestags beschlossen und nicht von der zuständigen Schiedsrichterkommission unter Leitung von Volker Roth?

Der zweite Hauptdarsteller der Affäre, der von Kempter schwer belastete ehemalige Schiedsrichter-Aufseher Manfred Amerell, hat dazu selbstredend eine klare Meinung: "Das ist das System Zwanziger. Es geht darum, dass der DFB-Präsident seinen Kopf retten will. Er hat sein Schicksal mit seinem Kronzeugen Kempter verbunden, und deshalb zaubert er ihn jetzt aus dem Hut." Amerell will darin einen weiteren Beweis erkennen, dass der Präsident im Verband machen darf, was er will. "Kempter hat den DFB genauso belogen wie die Öffentlichkeit. Es ist ein weiteres trauriges Kapitel, dass er nun entgegen aller rechtsstaatlichen Grundsätze wieder auf den Platz zurückkehrt", so Amerell.

DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte dazu auf Nachfrage: "Wir alle haben nichts vorliegen, was uns überzeugend den Eindruck vermitteln könnte, dass Michael Kempter nicht mehr als Schiedsrichter tätig sein kann." In die Entscheidung seien unter anderen auch Herbert Fandel und Lutz-Michael Fröhlich eingebunden gewesen. Die sind derzeit für die Reform des Schiedsrichter-Wesen zuständig - keineswegs aber für die Ansetzungen. Dass es sich bei Kempters Blitz-Comeback um ein politisches Signal zum DFB-Bundestag handelt, darauf deutet auch hin, dass fürs Spiel in Sandhausen schon ein anderer Referee bestimmt war. Bis Donnerstag war Stefan Glasmacher aus Bonn vorgesehen. (Boris Herrmann)

Nach einer Stunde und 17 Minuten war schon alles vorbei, und auch Ehrengast Joachim Löw konnte sich wieder trollen. Ganz schnell hatten 252 Delegierte brav ihr Stimmkärtchen gehoben und die Reform des deutschen Schiedsrichterwesens, um die es im Vorfeld so lautstarken Trommelwirbel gegeben hatte, abgenickt. Nicht einer aus der zweieinhalbfachen Hundertschaft der Claqueure hatte sich zuvor zu einer Wortmeldung durchringen können beim 180.000 Euro teuren Außerordentlichen Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes im Frankfurter Flughafenhotel.

Kein Wunder, dass der zuvor wochenlang im medialen Feuer stehende DFB-Präsident Theo Zwanziger hinterher schwer zufrieden war: "Ich hatte nicht unbedingt erwartet, dass alles einstimmig verabschiedet wird." Andererseits kennt der mächtigste Mann im deutschen Fußball, der seit nunmehr sechs Jahren an der Spitze des DFB steht, seine Pappenheimer aus den Landesverbänden des 6,7-Millionen-Mitglieder-Verbandes natürlich sehr genau. Der 64-Jährige wusste also, was zu tun ist. Darum hatte er am Gründonnerstag eigens seinen Osterurlaub in Hockenheim unterbrochen und die einflussreichen Bosse der Regionalverbände in einer dreistündigen Unterredung auf einen gemeinsamen Kurs eingeschworen.

Zwanziger, der für seine 19-minütige Rede nur gedämpften Beifall erhielt, ging also erwartungsgemäß gestärkt aus der Veranstaltung am Freitagnachmittag hervor. Auch deshalb, weil der neue starke Mann der deutschen Schiedsrichter, Herbert Fandel, in Abwesenheit seines noch bis 21. Mai amtierenden Vorgängers Volker Roth in einem leidenschaftlichen Vortrag seine Sicht der Dinge darstellte. Seine Kernpunkte nach der noch nicht überstandenen Affäre um den zurückgetretenen Schiedsrichter-Funktionär Manfred Amerell und den angehenden Fifa-Unparteiischen Michael Kempter: "Wunschansetzungen von Schiedsrichtern wird es nicht mehr geben", "Frontalunterricht ist nicht mehr modern", "Schiedsrichter sind Hochleistungssportler, die entsprechend betreut werden müssen" und "Persönlichkeit ist wichtiger als jugendliches Alter".

Zuletzt waren immer wieder Beschwerden von der Basis, an der 78.000 Schiedsrichter tätig sind, an Fandel herangetragen worden. Im DFB, so die Vorhaltungen, sei geradezu ein "Jugendwahn" ausgebrochen. Fandel will gegensteuern. Eine Blitzkarriere wie die von Michael Kempter, der mit 23 Jahren jüngster deutscher Bundesligaschiedsrichter geworden war, dürfte es auf absehbare Zeit im DFB nicht mehr geben.

Profi-Unparteiische, die keinem anderen Beruf mehr nachgehen, sollen in den deutschen Bundesligen zunächst nicht pfeifen. Hellmut Krug, der als Vertreter der Deutschen Fußball Liga entscheidend am Reformpaket mitgearbeitet hatte, sagte dazu auf FR-Anfrage: "Wir glauben nicht, dass das zu einer Leistungsverbesserung führen würde. Denn wir können keinem Spitzen-Schiedsrichter garantieren, dass er 15 Jahre lang auf höchstem Niveau pfeifen darf." Krug fürchtet, dass die "nervliche Belastung durch die Furcht vor Arbeitslosigkeit blockierend wirken könnte". Ergo: "Schiedsrichter müssen ein zweites Standbein haben und damit ein Gefühl der Sicherheit."

Unüberhörbare Kritik am Dachverband übte derweil der für Amateurangelegenheiten zuständige Vize-Präsident Hermann Korfmacher aus Gütersloh. Er lobte zwar das vom DFB regelmäßig zur Verfügung gestellte gute Werbematerial zur Schiedsrichtergewinnung, rügte aber auch: "Die Basisarbeit muss noch sichtbarer werden." Es sei "unbefriedigend" gewesen, sich zuletzt in den brisanten Schiedsrichterfragen "aus der Presse informieren" zu müssen. Und dann sagte Korfmacher noch einen schönen Satz, der die Missstände womöglich am prägnantesten zusammenfasste: "Nicht immer in den letzten Jahren waren die Lanzen der Regionalverbände gleich lang."

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