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13. August 2013

Doping im Fußball: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen

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Mittlerweile auch im Fußball Alltag: Dopingkontrollen.  Foto: imago sportfotodienst

Wer den Profifußball mit der Dopingdiskussion konfrontiert, erntet Entsetzen, Ablehnung oder Unverständnis. Der Deutsche Fußball-Bund tat sich schwer damit, überhaupt ein vernünftiges Kontrollsystem zu verankern.

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Es kommt ja selten vor, dass Franz Beckenbauer die Stimme stockt. Und sich plötzlich Schweißperlen auf der glatten Stirn zeigen. Doch offenbar hatte die Fußball-Ikone bei der ZDF-Jubiläumssendung zu einem halben Jahrhundert „Sportstudio“ nicht damit gerechnet, dass ihm Moderator Michael Steinbrecher tatsächlich einen Abzug eines 1977 erschienenen Beitrags aus dem „Stern“ vor die gepuderte Nase halten würde, in dem Beckenbauer auf mögliche Dopingvergehen im deutschen Fußball anspielte. Seine Behauptung von damals: „In der Bundesliga wird geschluckt und gespritzt.“ Einen Moment schwieg der sonst um keine Floskel verlegene Experte. Dann setzte das Erinnerungsvermögen des bald 68-Jährigen aus. Das soll er gesagt haben? „Vitaminspritzen haben wir bekommen. Das hat zumindest der Doktor gesagt.“ Gelächter im Studio am Mainzer Lerchenberg. Der Kaiser hatte die Kurve bekommen. Gerade noch.

Entsetzen, Ablehnung , Unverständnis

Bei kaum einer Problematik tun sich die medial gestählten Protagonisten so schwer. Wer den Profifußball mit Doping konfrontiert, erntet Entsetzen, Ablehnung oder Unverständnis. Insofern reagierte Bundestrainer Joachim Löw fast fortschrittlich, als er sich vergangene Woche auf Nachfrage zur Dopingstudie der Berliner Humboldt-Universität nicht mit einer defensiven Haltung („mit 1966 ist das leicht dahingesagt“) begnügte, sondern offensiv erläuterte: „Wir wollen alle einen sauberen Sport. Wir sind für Transparenz.“ Und dann erzählte Löw noch, wie seine Elite „morgens halb sechs“ in Trainingslagern zur Kontrolle gebeten worden sei. Er finde das „absolut positiv, wenn mit großer Sorgfalt und großer Nachhaltigkeit immer wieder getestet wird.“

Transparenz. Offenheit. Sorgfalt. Nachhaltigkeit. Löw hat Begriffe verwendet, mit denen der Profifußball bei dieser Problematik in der Vergangenheit wahrlich nicht aufwarten konnte. Die meisten aus der hochbezahlten Branche verhalten sich nämlich beim Stichwort Doping wie die drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Zurückrudern und schweigen

Oder wer geredet hat, will später nichts mehr davon wissen. Siehe Franz Beckenbauer. Oder Peter Neururer. Vor sechs Jahren plauderte der Fußballlehrer aus, Ende der 80er-Jahre sei der Gebrauch von Captagon üblich gewesen. Der heutige Trainer des Zweitligisten VfL Bochum berichtete, dass bis zu 50 Prozent der Profis zu diesem Aufputschmittel gegriffen hätten. „Viele Spieler waren verrückt danach, das war überall bekannt und wurde praktiziert. Auf Schalke habe ich das 1989/90 auch mitbekommen.“ Sogar Nationalspieler seien betroffen. Nach dieser Aussage forderte ihn der DFB unverzüglich zur Aufklärung auf. Neururer ruderte zurück. Und wiederholte seine Aussagen nie mehr.

So ist es viel zu oft gewesen. Als der ehemalige Bundesligaspieler Per Roentved 1979 in seinem Buch „Die Kehrseite“ schrieb, „ich weiß, dass einige Spieler von Werder Bremen sich permanent dopen“, wendete sich der Verein entsetzt von ihm ab. Der einstige Nationaltorwart Toni Schumacher berichtete 1987 in seinem Buch „Anpfiff“ offen über Dopingpraktiken, was ihn die Karriere kostete.

1990/91 nur 124 Kontrollen

Noch im selben Jahr befragte das Fachmagazin Kicker alle Bundesligaspieler: 31 Profis sagten damals aus, dass gedopt werde. Was lange nichts an der Verdrängungspraxis änderte. Noch 1990/91 – in der Saison nach dem bislang letzten WM-Titel der deutschen Nationalelf – fanden in der Bundesliga lediglich 124 Dopingkontrollen statt. Das Risiko erwischt zu werden, war verschwindend gering. Die neueste Dopingstudie merkt für diesen Zeitraum übrigens an, dass ausgerechnet der „prominenteste Vertreter der Testosteronsubstitution“, der Sportmediziner Heinz Liesen, „der an der Grenze des Legalen“ arbeitete, das deutsche Nationalteam bei der WM 1986 in Mexiko betreute.

Erst allmählich erkannte der DFB die Dringlichkeit, wirklich tätig zu werden. Die Zahl der Kontrollen wuchs 2003/2004 auf 656, 2008/2009 waren es dann 1428. Im vergangenen Jahr wurden 2144 Kontrollen – größtenteils von der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada) – durchgeführt. Nun sollen 100 Blutproben hinzukommen. „Das ist ein sensibles und äußerst wichtiges Thema“, erklärt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. „Den Beschluss, Blutkontrolle einzuführen, haben wir schon vor der in der Diskussion stehenden Studie gefasst.“ Doch erstaunlicherweise hat Jiri Dvorak, der Fifa-Chefmediziner, in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gleich die viel zu geringe Anzahl beklagt.

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Dabei ist die Rolle des Weltverbands auch eine eher unrühmliche. Dvorak hat bestätigt, dass die Dopingkontrollen der französischen Nationalspieler der WM 1998 auf Fifa-Geheiß kurz danach zerstört worden seien. Dabei hätten sie vor einigen Monaten sehr helfen könne, als der französische Senat eine Untersuchungskommission einsetzte, die auch vor den WM-Helden von 1998 nicht Halt machte. Dem Mittelfeldrenner Didier Deschamps schrieb die talienische Justiz bereits 1995 einen Hämatokritwert von 51,9 Prozent zu – der Grenzwert für Radsportler liegt bei 50. Als die Kommission den heutigen Nationaltrainer anhörte, verlangte Deschamps, dass seine Aussagen nicht öffentlich werden. Der Untersuchungsbericht erwähnte übrigens auch, dass eine unangekündigte Kontrolle bei Frankreichs Auswahl rund 1997 im Wintersportort Tignes helle Aufregung auslöste. Angeblich versuchten Spieler, die Kontrolle zu verweigern. Auf öffentlichen Druck wurden Zinedine Zidane und Co. dann bis zum Turnierstart nicht mehr kontrolliert – und später Weltmeister.

Der Fußball ist anfällig

Derlei Enthüllungen können kaum überraschen. Mario Thewis, Professor für präventive Dopingforschung an der Kölner Sporthochschule, hält generell den Fußball für gefährdet: „Wir können nicht ausschließen, dass auch hier unerlaubte Leistungssteigerung herbeigeführt wird oder Dopingmittel eingesetzt werden.“ Drei Punkte machten die Sportart ungeachtet ihrer vielfältigen Anforderungen anfällig: die bestimmenden Komponenten von Ausdauer und Kraft sowie der immer wichtigere Faktor der Regeneration. Thewis erklärt: „Dopingmaßnahmen sind auch denkbar, um der extrem hohen Frequenz der Belastung in Training und Spiel standzuhalten.“

Dass von Fußballern reflexartig angeführt wird, ihre Sportart sei zu komplex, ist fadenscheinig. Ein mit Epo präparierter Profi schießt nicht besser. Aber er schießt viel länger gut. Und das kann im modernen Hochgeschwindigkeitsfußball, dessen Abnutzungskampf die meisten Treffer gegen Spielende beschert, der entscheidende Faktor sein. Geld schießt sicherlich immer noch die meisten Tore. Doping aber auch. Und das hat Franz Beckenbauer schon früh gewusst.

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