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26. Januar 2013

Doppelderby: Das Tief im Norden

 Von Frank Hellmann
Kleiner Trost für den Hamburger SV: Zumindest die Tourismusbehörde in Husum glaubt noch an die Strahlkraft des Bundesligisten. Foto: imago

Der Hamburger SV, Hannover 96, Werder Bremen und der VfL Wolfsburg hinken den eigenen Ansprüchen hinterher. Am Wochenende kommt es zum Doppelderby.

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Der Anblick leerer Sitzschalen ist nicht mehr zu vermeiden. Weder im Stadion am Maschsee in Hannover noch in der Arena im Hamburger Volkspark. Es hat allerdings nicht nur mit der Witterung zu tun, dass an diesem Wochenende bei zwei Nordderbys Tausende von Plätzen leer bleiben. Weder das Niedersachsenduell Hannover 96 gegen VfL Wolfsburg (26. Januar) noch der Nordklassiker Hamburger SV gegen Werder Bremen (27. Januar) gehen vor ausverkauftem Haus über die tiefgefrorene Bühne. Die Roten (Hannover), die Rothosen (Hamburg) oder die Grün-Weißen (Werder und Wolfsburg) – sie alle sind gefangen im Mittelmaß. Anderes Wort: Niemandsland. Und das hat mit sportlichen Fehleinschätzungen und wirtschaftlichen Fehlschlägen zu tun.

Beides zu besichtigen beim VfL Wolfsburg. Die zweite Ära unter Felix Magath war nicht nur von Misserfolg, sondern auch von Großmannssucht geprägt. Hanebüchen wirken teils die an die Öffentlichkeit gelangte Gehaltsstruktur und Vertragskonstellationen, die etwa dem 33-jährigen Ivica Olic 400.000 Euro an Einkommen garantieren sollen. Monatlich.

Bei seinem Amtsantritt hat Klaus Allofs von einem notwendigen Imagewandel gesprochen, und die Aufsichtsräte im Verwaltungshochhaus des VW-Konzerns benutzen neuerdings Schlagworte wie Nachhaltigkeit und Kontinuität, aber Allofs selbst räumt ein, dass es wohl zwei, drei Transferperioden dauern wird, um die Hinterlassenschaften seines Vorgängers zu korrigieren. „Wir wollen hinkriegen, dass wir die zur Verfügung stehenden Mittel sinnvoll einsetzen.“

Die mit geschätzten 70 Millionen Euro alimentierte Fußballtochter, die mindestens die gleiche Summe ans kickende Personal ausschüttet, ist aktuell der unbeliebteste Nordvertreter. „Wolfsburg ist nicht New York oder München, aber Wolfsburg muss sich auch nicht unnötig kleinmachen“, erklärt Allofs. Zuvorderst solle das östliche Niedersachsen „wegen der sportlichen Perspektive“ ein Anlaufpunkt sein, so möchte es der 56-Jährige. Aber wenn die Wölfe heute in Hannover vorstellig werden, dann ist kaum Gejaule zu vernehmen.

Werder Bremen ist Vorbild

„Ein Derby ohne große Emotionalität“, verrät Martin Kind. Der starke Mann von Hannover 96 würde unter diesem Aspekt den Aufstieg von Eintracht Braunschweig begrüßen; gegenüber Wolfsburg vermag Kind kaum Rivalitätsgefühle entwickeln. Klar, ein paar Sticheleien kommen dem 68-Jährigen über die Lippen („Habe beim VfL vor allem Respekt gegenüber dem Eigentümer“), mehr aber nicht. Die im Vorjahr in 53 Pflichtpartien geforderten Vielspieler aus Hannover haben auch gerade genug mit sich selbst zu tun. „Wir müssen ein paar Dinge verändern“, verlangt Sportdirektor Jörg Schmadtke wegen der chronischen Defensivschwäche.

Kind stellt den Klub ohnehin offensiv auf, möchte ihn aus dem Dasein als „Regionalmarke“ befreien. Zuletzt halfen zwei Europa-League-Teilnahmen, „um die bilanztechnische Vergangenheit hinter uns zu lassen“ (Kind). Und: Dank neuer Gesellschafter haben sich mehr Gestaltungsmöglichkeiten ergeben. Platz sechs gibt der kahlköpfige Klubchef als Ziel aus. 96, so viel steht fest, gilt aktuell als Musterschüler in der norddeutschen Tiefebene. Aber sind sie auch die Nummer eins? „Kein Thema“, entgegnet Kind. Der Unternehmer sieht den Hamburger SV und Werder Bremen als „nationale Marken, die uns 20, 30 Jahre voraus haben“. Gerade Werder Bremen sei mit „Know-how und Kontinuität ein Vorbild“.

Und doch schwinden an der Weser gerade Ansehen und Einfluss. Die Bremer Gemengelage ist diffizil, wie Willi Lemke erzählt. Der Bremer Aufsichtsratschef mischt seit 1981 in der Führungsebene mit und kennt die Voraussetzungen im Norden bestens. „Hamburg hat die deutlich besseren Rahmenbedingungen, was das Stadion, die Stadt und das Umfeld betrifft. Hannover besitzt das größere Hinterland, weil es nicht wie bei uns von der Nordsee oder den Niederlanden begrenzt wird. Und in Wolfsburg wird in anderen Dimensionen gedacht, das haben wir erst wieder in den Verhandlungen um Klaus Allofs gemerkt. Dank des VW-Konzerns ist deren Haushalt im Grunde nicht gedeckelt – das ist natürlich ein enormer Wettbewerbsvorteil.“ Aber der Bremer Abschwung ist dann doch selbstverschuldet.

HSV war in den 80ern Hochburg

„Natürlich sind wir alle mit den vergangenen zwei Jahren überhaupt nicht zufrieden“, sagt Lemke. Die Einschnitte seien für einen limitierten Standort enorm, der zu seligen Champions-League-Zeiten sportlich größer wurde als er wirtschaftlich sein konnte. Zuletzt betrug das Defizit fast 14 Millionen Euro, und ohne den Verkauf von Per Mertesacker wären wohl 30 Millionen herausgekommen.

Oberkontrolleur Lemke hat gegengesteuert; und Allofs keine Steine in den Weg gelegt, als dieser nach Wolfsburg wollte. „Wir müssen uns auf die alten Tugenden besinnen und versuchen, mit wenig Geld wieder in die Spitzengruppe zu kommen“, sagt der 66-Jährige. „Wirtschaftlich sind wir nicht in Not, aber wir müssen aufpassen. Von einer schwarzen Null sind wir auch in diesem Geschäftsjahr noch entfernt. Wir werden Wert darauf legen, dass wir unser Eigenkapital nicht abschmelzen – eine Situation wie in Hamburg wollen wir in Bremen nicht.“

Gute Grundvoraussetzungen bleiben an der Elbe ungenutzt. Hamburg ist die größte Stadt, hat das größte Stadion. Und der HSV gab Anfang der Achtzigerjahre die Hochburg im deutschen Fußball. Derzeit stellt der einzige ununterbrochen in der Bundesliga beheimatete Verein mal wieder ein Sorgenkind dar. „Die Lage ist sehr ernst“, gesteht Klubchef Carl-Edgar Jarchow.

In den beiden vergangenen Jahren schrieb der HSV ein Minus von 4,9 und 6,6 Millionen Euro. In der neuen Saison droht ein noch weitaus höherer Fehlbetrag. Auf der Mitgliederversammlung entbrannten heftige Debatten. 17,5 Millionen Euro wurden über eine Fananleihe gesammelt, damit soll der HSV-Campus bezahlt werden – doch offenbar mussten erst einmal die größten Etatlöcher gestopft werden, die zum Teil der Transferoffensive im Spätsommer um Heimkehrer Rafael van der Vaart geschuldet sind. Aber auch die Folgen der Risikopolitik von Bernd Hoffmann, als gerne von „dem größtmöglichen sportlichen Erfolg unter Vermeidung der Insolvenz“ gesprochen wurde, wirken bis heute nach.

Und so klaffen weiter Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Jarchow verweist auf den Stadionkredit, der jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag koste. Gleichzeitig räumt der 57-jährige FDP-Politiker allerdings ein: „Wenn wir in diesem Jahr wieder mit einem größeren Verlust abschließen, dann müssen wir im Sommer unbedingt weiter sparen.“ Verkäufe talentierter Kräfte wie Heung-Min Son sind dann sicher kein Tabuthema. Nur lässt sich damit schwerlich die Qualität steigern.

Kind kann das Dilemma beim „großen HSV“ irgendwie gar nicht nachvollziehen: „Wir machen Gewinne bei einem Umsatz von 80 Millionen. Der HSV setzt 140 Millionen um und schreibt Verluste. Eigentlich hätte dieser Verein nach Bayern und Dortmund die allerbesten Möglichkeiten.“ Eigentlich.

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