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17. Januar 2013

DTB : Salto mortale

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Rainer Brechtken (l. mit Berlins Bürgermeister Wowereit) hat derzeit nicht so viel zu lachen.  Foto: dpa

Nach Vorwürfen um einen teuren Neubau rutscht der Deutsche Turner-Bund in eine tiefe Führungskrise.

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Der große Erfolg liegt erst ein paar Monate zurück. Im Keller der mächtigen North Greenwich Arena von London stand Rainer Brechtken, 67, mächtiger Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), er sprudelte vor Glück. Die erste olympische Mehrkampfmedaille nach 76 Jahren, erturnt von Marcel Nguyen, „fantastisch“, rief also Brechtken: „Ich bin begeistert.“ Und so ging das noch eine ganze Weile weiter.Nur ein halbes Jahr später allerdings ist vom großen Glück nicht mehr allzu viel übrig: Nach Vorwürfen gegen den DTB-Vizepräsidenten im Zusammenhang mit dem Neubau der Verwaltungszentrale in Frankfurt rutscht der Dachverband von fünf Millionen Turnern in eine tiefe Führungskrise. Es geht um Verstrickungen, um die Frage, wer schuld ist an einer Finanzlücke in Millionenhöhe. Und plötzlich ist nicht mehr viel Begeisterung im Präsidium des Verbands.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Nun kommt auch noch eine Rücktrittsforderung hinzu. Dieter Weymans, bis vor wenigen Monaten Landesgeschäftsführer des Rheinischen Turner-Bundes, hält es für „nicht glaubwürdig“, wenn das DTB-Präsidium behaupte, nicht von möglichen Verstrickungen des Vize gewusst zu haben. „Das Präsidium sollte zurücktreten, ehe der Verband insgesamt Schaden nimmt“, sagt er.

Hintergrund ist ein Bericht der FR aus der vergangenen Woche über Unterlagen zu möglichen Verträgen des Vizepräsidenten. Sie legen den Verdacht nahe, dass DTB-Vize Heinz-Joachim Güllüg während der Vergabe der Generalplanung für den Neubau im Frankfurter Stadtwald auch als Steuerberater für das Unternehmen tätig gewesen sein könnte, das letztlich den Zuschlag erhalten hatte. Güllüg, im DTB-Präsidium zuständig für Finanzen, könnte so versucht haben, dem Unternehmen aus einer finanziellen Schieflage zu helfen. Dennoch hatte der Betrieb während des Baus Insolvenz anmelden müssen – nach Angaben des DTB-Präsidiums der Grund, dass das Gebäude mehrere Millionen Euro teurer geworden war. Gegen den Geschäftsführer des Unternehmens ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung.

DTB-Präsident Brechtken und Generalsekretär Hans-Peter Wullenweber hatten daraufhin in einer schriftlichen Stellungnahme große Distanz zwischen sich und den Vizepräsidenten gelegt: Ein Vertragsverhältnis zwischen dem Unternehmen und ihm sei dem DTB „nicht bekannt“ gewesen, hätte aber „offen gelegt werden müssen“. Man habe Güllüg nun gebeten, zu den Vorwürfen schriftlich Stellung zu nehmen. Güllüg selbst ist seit Tagen nicht erreichbar. Beim DTB hieß es in dieser Woche, man glaube nicht, dass der Vizepräsident sich öffentlich äußern wolle.

38,9 statt 13 Millionen Euro

Für weitere Unruhe beim zweitgrößten deutschen Einzelsportverband sorgte am Dienstag ein Schreiben des schleswig-holsteinischen Landesverbands, in dem dieser betont, das teure Neubauprojekt „seit Langem mit großer Skepsis“ begleitet zu haben. Die Basis treibt vor allem die erhebliche Kostensteigerung um: Wie der nördlichste Landesverband vorrechnet, habe man einer ersten Bauplanung über 13 Millionen Euro noch zugestimmt, der folgenden mit Kosten von 24 Millionen Euro dann aber nicht mehr. Letztlich kostete das Gebäude am Frankfurter Stadion 38,9 Millionen Euro – laut Generalsekretär Wullenweber eben vor allem deshalb, weil zwischenzeitlich ein neuer Generalplaner habe eingesetzt werden müssen.

Der DTB hatte die Landesverbände deshalb im Herbst aufgefordert, ihre Beiträge vorauszuzahlen, um eine Deckungslücke von knapp drei Millionen Euro zu schließen. Nach Angaben Weymans sei dabei „ausdrücklich von einer drohenden Insolvenz die Rede“ gewesen, „um den Druck zu erhöhen“. Dies hatte das DTB-Präsidium bislang strikt zurückgewiesen. Gelöst ist das Problem ohnehin nicht: Verbände wie jener in Schleswig-Holstein haben sich der Vorauszahlung verweigert. In Nordrhein-Westfalen, dessen Landesverband Güllüg bis September ebenfalls als Vize vorgestanden hatte, ist ein entsprechender Bankkredit noch nicht bewilligt.

An der Basis sitzt der Frust tief: Der DTB habe „nicht aufgehört zu versichern“, dass das Bauprojekt keine Beitragserhöhungen nach sich ziehe, heißt es im Schreiben aus Schleswig-Holstein. Noch sei das auch so – aber: Die Kürzungen der Turnzentren und der Turncamps sowie der Personalabbau in der Geschäftsstelle „belasten die Landesverbände direkt“.

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