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16. November 2012

Eintracht - FC Augsburg : Der Aufbauhelfer beim FC Augsburg

 Von Christoph Ruf
Drahtig und meinungsfreudig: Walther Seinsch, Vorstandsvorsitzender des FC Augsburg. Foto: imago sportfotodienst

Warum Augsburg-Chef Walther Seinsch wohl der außergewöhnlichste Vereinschef der ersten Bundesliga ist.

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Warum Augsburg-Chef Walther Seinsch wohl der außergewöhnlichste Vereinschef der ersten Bundesliga ist.

Augsburg –  

Der Mann am Rednerpult redet ruhig, fast sanft. Nur einmal wird die Stimme eindringlich, da spricht er das Wort „krepiert“ aus. Mehr als drei Millionen russische Zwangsarbeiter seien während der Gefangenschaft in Deutschland krepiert, sagt Walther Seinsch. Und schaut dabei eindringlich auf die U-16-Mannschaft des örtlichen Bundesligisten. „Lasst euch Europa nicht kaputt machen“, sagt der Vorstandsvorsitzende des FC Augsburg. „Frieden ist keine Selbstverständlichkeit.“

Hier, im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses, hält Seinsch die Laudatio auf die Journalistin Beate Lehr-Metzger. Für ihren Dokumentarfilm „Keine Kameraden“, der das Schicksal der Zwangsarbeiter thematisiert, erhält sie den Preis der „Stiftung Erinnerung Lindau“. Es ist die Stiftung, die Seinsch 1996 ins Leben gerufen hat.

Verbogen, verleumdet, vertuscht

Der drahtige Mann, Jahrgang 1941, hat in seinem Leben viel über die NS-Zeit nachgedacht. Er hat auch manchem Familienangehörigen kritische Fragen gestellt. Und ist dabei auf eine Mauer gestoßen, die auch in Hörsälen und Redaktionsstuben stand. „Man kann sich heute nicht vorstellen, wie damals gelogen, verbogen und verleumdet wurde, um die NS-Verbrechen zu vertuschen.“

Mitte der 50er-Jahre trat Seinsch als 15-Jähriger den Jusos bei – in die SPD („ich reibe mich an dieser Partei“) ist er seither dreimal ein- und dreimal wieder ausgetreten. Und schon damals nahm er sich vor, „wenn ich mal Kohle habe, gründe ich eine Stiftung, die die NS-Zeit wahrheitsgetreu aufarbeitet.“ Seinsch, der die Textilkette „Takko“ mitgegründet hat und bis 1998 Geschäftsführer von „kik“ war, hatte irgendwann nicht nur dafür genug Geld.

Enttäuschung über Luhukay

Von dem Mann, der seit 2000 Vorstandsvorsitzender des FC Augsburg ist, wissen die meisten Fußballfreunde allenfalls, dass er den Klub hoch verschuldet in der Bayernliga übernahm und nach oben führte – auch dank des neuen Stadions am Stadtrand. Am Ende der vergangenen Saison hat man einen anderen Seinsch kennengelernt, einen, der wütend wie eine Furie war, weil Trainer Luhukay den Verein verließ. Und der sich keinerlei Mühe gab, seinen Ärger zu kaschieren. „Warum auch?“, fragt Seinsch noch heute. „Das war eine große menschliche Enttäuschung.“ Luhukay, den er fachlich über alle Maßen schätzt, nahm er beides übel – dass er den Verein in Richtung Berlin verließ. Und dass er über Monate nicht habe mit der Sprache herausrücken wollen.

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Auch hier, im mit Blattgold verzierten Prunksaal mitten in der Stadt, nimmt Seinsch kein Blatt vor den Mund. Oberbürgermeister Kurt Gribl verzieht keine Miene, als Seinsch dessen CSU-Parteifreund Markus Söder („verantwortungslos“) an den Pranger stellt. Wer fordere, man müsse an Griechenland „ein Exempel statuieren“, könne kein großes Geschichtswissen haben. „Ein Exempel“ hätten Deutsche dort schließlich schon einmal statuiert. Im Juni 1944, als alle 218 verbliebenen Einwohner des Dorfes Distomo erschossen wurden.

Später beim Imbiss werden zwei Jugendspieler sagen, dass sie Seinsch „ziemlich cool“ fänden. „Der sagt, was er denkt.“ Wie bei jedem Menschen ist auch Seinschs Denken biografisch geprägt. Der 71-Jährige hat neun Kinder, sechs davon sind adoptiert. Wer dunkelhäutige Kinder hat, weiß, dass Rassismus kein Phantom ist.

Enger Draht zu den Fans

2006 lotste Seinsch Andreas Rettig als Manager zum FCA, ab da begann auch sportlich der Höhenflug. Rettig, noch traumatisiert von seiner Zeit unter Wolfgang Overath in Köln, hat Seinsch schon damals sehr offensiv gelobt. Tatsächlich verkörpert der drahtige Wirtschaftsmann in vielerlei Hinsicht das Gegenteil vom kölschen Volkstribun. In seiner Anfangszeit beim FCA klapperte der Kaufmann die Gläubiger ab, in der Rosenau, dem traditionsreichen Stadion, wechselte er schnell von der Haupttribüne in die Fankurve: „Da wurde nicht ständig gemeckert und Bier gab es auch. Wunderbar.“

Der Draht zu den Fans ist eng: „Er interessiert sich wirklich für die Anliegen der Fans“, berichtet Anna Hörmann vom Fanprojekt. „Es kommt oft vor, dass er Zeitungsartikel oder Bücher reinreicht, wenn er etwas über Ultras gelesen hat.“

Ohne Seinsch, sagen sie auf der Geschäftsstelle, würde der FCA noch heute gegen Rosenheim statt gegen die Bayern spielen. Doch in das Lob mischt sich zuweilen auch ein kritischer Unterton. Seinsch hat in den vergangenen Jahren manchen mit seiner Arbeitswut überfahren. Und er weiß, dass sein Arbeitseifer eine Gefahr für ihn ist. Anfang 2010 machte er publik, dass er unter Depression leidet. Heute geht es ihm deutlich besser. Er tritt jetzt aber kürzer, sagt er. Dass ihm das schwerfällt, weiß, wer ihn nach seiner Anfangszeit in Augsburg fragt.

Warum entschließt sich einer, der nach einer erfolgreichen Unternehmer-Karriere am Bodensee den Ruhestand genießen könnte, einem Viertligisten beizuspringen? Liebe zum Fußball? „Auch das.“ Ein Zögern. „Ich hatte mir damals auch vorgestellt, dass ich jetzt zu Hause bleibe, Bücher lese und auf den See schaue. Aber das war es nicht.“

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