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25. März 2016

Emre Can: „Ich bin genauso Türke, wie ich auch Deutscher bin“

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In Liverpool darf er auf seiner Lieblingsposition spielen, in der Nationalmannschaft will er den Bundestrainer überzeugen: Emre Can.  Foto: REUTERS

Liverpool-Profi Emre Can, geboren in Frankfurt, ausgebildet bei der Eintracht, spricht vor dem Länderspiel gegen England über den englischen Fußball und seine türkischen Wurzeln.

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Für Emre Can ist das Testspiel am Samstagabend gegen England ein ganz Besonderes. Denn seit Sommer 2014 spielt der 22-Jährige für den FC Liverpool in der Premier League, inzwischen unter Trainer Jürgen Klopp. Seitdem hat der gebürtige Frankfurter Can einen Stammplatz im zentralen defensiven Mittelfeld und muss nicht mehr als Außenverteidiger aushelfen. In der deutschen Nationalmannschaft ist der vormalige Kapitän der deutschen U21 noch nicht so weit. Aber durch die neuerliche Verletzung von Bastian Schweinsteiger hat sich die Konkurrenzsituation für den athletischen Deutsch-Türken, der als Kind sechs Jahre für Blau-Gelb Frankfurt und dann drei Jahre lang für die Eintracht spielte, sicher nicht verschlechtert.

Herr Can, Sie treffen in Berlin mit der deutschen Nationalmannschaft gleich auf fünf Ihrer Mitspieler vom FC Liverpool. Was erwarten Sie von denen und vom englischen Nationalteam?
Die Engländer haben inzwischen eine starke Mannschaft. Eine sehr starke Mannschaft sogar. Ich kenne fast alle Spieler, weil sie alle in der Premier League spielen. Ich weiß also, wie gut sie Fußball spielen können. Es wird ein schweres Spiel für uns.

Wie spielen die Engländer Fußball?
Sehr körperbetont. Und sehr schnell nach vorne, viel nach rechts und links, es geht immer hin und her.

In Deutschland wird die englische Nationalmannschaft immer ein bisschen von oben herab betrachtet, weil sie bei bedeutenden Turnieren regelmäßig frühzeitig ausscheidet. Ist diese Wahrnehmung noch berechtigt?
Finde ich nicht. Schauen Sie sich die Qualifikation an: Da sind die Engländer durchmarschiert mit zehn Siegen in zehn Spielen. Das ist sicher kein Zufall. Man sollte sie auch bei der EM zum Kreis der Mitfavoriten zählen.

Wenn man sich die Premier League anschaut, ist man verwundert: Da führt der Fast-Absteiger der vergangenen Saison, Leicester City, mit fünf Punkten Vorsprung vor Tottenham Hotspur. Das wäre so ähnlich, als wenn in der Bundesliga der FC Augsburg vor Mainz 05 führen würde. Können Sie erklären, wie so etwas passieren kann?
Das zeigt auf alle Fälle, wie ausgeglichen die Premier League ist. In Deutschland ist das Niveau sicher auch gut, aber in England ist es noch einmal besser. Es ist die attraktivste Liga der Welt.

Das sagt die Bundesliga auch von sich.
Aber in der Premier League weiß man wirklich nicht, wer wen schlägt. Leicester macht das in dieser Saison super. Die funktionieren perfekt als Mannschaft. Ich habe das selber erlebt, wir haben einmal gegen sie gewonnen und einmal verloren.

Die verrückteste Geschichte ist sicherlich die von Leicesters Stürmer Jamie Vardy, der noch lange in unteren Ligen kickte, ehe er durchstartete und nun einer der gefürchtetsten Angreifer der Premier League ist. Wie nehmen Sie diesen Kerl wahr?
Vardy ist ein super Spieler, das hat er eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Und ich finde, seine Geschichte macht Mut. Sie zeigt, dass es sich lohnen kann, immer an sich zu glauben, und dass man es auch noch spät nach oben schaffen kann.

Der FC Liverpool hat 22 Punkte Rückstand auf Leicester. Platz neun unter Jürgen Klopp. Was ist nur mit dem großen FC Liverpool los?
Wir haben uns unter Jürgen Klopp auf alle Fälle schon positiv entwickelt. Jetzt müssen wir zusehen, dass wir in den verbleibenden neun Spielen noch viel punkten.

Haben Sie davon profitiert, dass Klopp nach Liverpool gekommen ist?
Ich habe noch einen Schritt vorwärts gemacht. Was sicher auch daran liegt, dass ich jetzt auf der Position spiele, auf der ich mich zu Hause fühle: im zentralen Mittelfeld.

Deutsches Duell auf der Insel. Emre Can gegen Bastian Schweinsteiger.  Foto: REUTERS

Und nun geht es in der Europa League ausgerechnet gegen Klopps Ex-Klub Borussia Dortmund. In Deutschland hat es deshalb natürlich riesige Schlagzeilen gegeben.
Bei uns auch. Es wird ja auch ein ganz besonderes Spiel sein. In Deutschland wird Dortmund sicher als Favorit angesehen, kann ich mir vorstellen. Ich glaube aber: Die Chancen stehen fünfzig-fünfzig. Ich weiß ja, wie gut unsere Mannschaft ist.

Tatsächlich dauerte es einige Zeit, ehe Sie sich an die Premier League gewöhnt hatten, nicht nur, weil Sie anfangs ein paar leichtere Verletzungen hatten. Was war da das Problem?
Die Umstellung war groß. Es geht in England viel schneller zur Sache. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Training. Da wollte ich den Ball annehmen, und schon war einer da und hat gestört. Daran muss man sich erst gewöhnen. Ich habe mich anfangs nicht leicht getan, das gebe ich zu, aber inzwischen bin ich bestens dort angekommen.

Sind Sie auch noch robuster geworden, als Sie es ohnehin schon waren?
Ich glaube schon, dass ich noch Muskelmasse draufgepackt habe. Das ist auch nötig, um sich gegen die sehr körperbetonten Gegenspieler zur Wehr setzen zu können.

In der deutschen Nationalmannschaft haben Sie dreimal Außenverteidiger gespielt, obwohl Sie eigentlich ein klassischer zentraler Mittelfeldspieler sind. Jürgen Klopp haben Sie schon überzeugt. Wie machen Sie das jetzt bei Joachim Löw?
Indem ich, wenn ich dort die Chance bekommen sollte, ein gutes Spiel mache. Das würde ich aber natürlich auch als Außenverteidiger wieder versuchen. Ich würde mich super freuen, wenn ich überhaupt spielen dürfte.

Sie haben auf der Position als rechter Verteidiger Ihr erstes Länderspiel absolviert: vergangenen September beim 3:1-Sieg gegen Polen ausgerechnet in Ihrer Heimatstadt Frankfurt. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Tag zurück?
Wenn ich mir das hätte malen können, hätte ich es genauso gemacht. Meine Eltern, meine Schwester und die ganze Familie waren da, außerdem meine Freunde. Das Ganze in der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin – schöner geht es nicht.

Welche Verbindungen haben Sie noch zu Frankfurt?
Sehr enge. Meine Familie lebt da noch immer. Ich bin oft da, auch, weil ich in Frankfurt noch viele Freunde habe.

Gibt es auch noch Verbindungen zu Ihrem ersten Verein Blau-Gelb Frankfurt, wo Sie als kleiner Knirps gespielt haben?
Mein Papa kommt dort noch ab und zu bei Jugendspielen vorbei. Wenn ihm langweilig ist, schaut er gern bei den Kleinen zu.

Und erinnert sich dann bestimmt an die Zeiten, als Sie noch dort gespielt haben?
Er ist natürlich stolz auf mich. Seinen Sohn im Fernsehen zu sehen, macht nicht nur ihn stolz, sondern auch mich.

Kommt Ihre Familie ab und zu auch mal nach Liverpool?
Die waren schon mehrfach da. Meine Mama hatte anfangs ein paar Probleme mit dem Visum, weil sie einen türkischen Pass hat. Das hat sich zum Glück geklärt.

Wo kommen für Sie überhaupt Heimatgefühle auf? In Frankfurt, wo Sie schon seit sieben Jahren nicht mehr leben? In München, wo sie vier prägende Jahre beim FC Bayern verbracht haben? In Liverpool, wo Sie seit anderthalb Jahren sind? Oder vielleicht gar in der Türkei?
In Frankfurt spüre ich, dass ich zu Hause bin. Vor allem in der Nordweststadt, wo ich herkomme.

Verfolgen Sie die Eintracht intensiver als andere Klubs?
Ja, und ich hoffe sehr, dass sie in der Bundesliga bleibt.

Welche Verbindungen haben Sie in die Türkei?
Sehr enge. Mein Onkel, Oma und Opa leben alle dort, ich bin jedes Jahr ein- oder zweimal in Anatolien. Der Ort heißt Afyon, den kennen nicht viele. Es ist dort wunderschön.

Schöner als in der Nordweststadt?
Es ist ganz was anders. Ich finde beides schön. Wer noch nicht in der Umgebung von Afyon war, sollte sich das auf jeden Fall mal vornehmen: gutes Wetter, sehr schöne Landschaft, nette und sehr gastfreundliche Menschen, gutes Essen.

Die Türkei hat intensiv versucht, Sie als Nationalspieler anzuwerben. Sie haben sich, anders als etwas Hakan Calhanoglu oder Yunus Malli, nicht für die Türkei entschieden. Warum nicht?
Ich habe seit der U15 immer in den deutschen Nationalmannschaften gespielt. Mein Ziel war es immer, einmal in der deutschen A-Nationalmannschaft zu spielen. Ich bin genauso Türke, wie ich auch Deutscher bin, meine Eltern sprechen gut Deutsch, darauf bin ich auch sehr stolz, und ich bin stolz darauf, dass ich sagen kann: Ich bin Deutscher und ich bin auch Türke.

Was sprechen Sie zu Hause?
Immer Türkisch, aber ich muss zugeben, dass ich besser Deutsch sprechen kann.

Und Englisch?
Das hat sich mittlerweile auch sehr gut entwickelt. Ich habe mittlerweile sogar schon Interviews auf Englisch gegeben, und es hat ganz gut geklappt.

Und in welcher Sprache träumen Sie?
Wüsste ich auch gern. Ich kann mich ehrlich gesagt selten nur dran erinnern.

Sehr gut erinnern können Sie sich leider an die Nacht vom 13. auf den 14. November in Paris. Sie haben dort auch gegen Frankreich mitgespielt, als sich Selbstmordattentäter in Stadionnähe in die Luft sprengten und in der Stadt viele Menschen Attentaten zum Opfer wurden. Wie haben Sie das verarbeitet?
Ich habe es gut verarbeitet, aber es bleibt natürlich im Hinterkopf. Es ist sehr traurig, was in der Welt momentan passiert und dass so viele Menschen sterben.

Auch die Türkei ist zuletzt mehrfach Schauplatz von Terroranschlägen gewesen.
Ja, und es macht mich traurig, wie viele Opfer zu beklagen sind. Egal, ob ein Mensch Jude, Moslem oder Christ ist, ich trauere um jeden. Diejenigen Menschen, die so etwas tun, haben keine Religion. Ich kann nicht nachvollziehen, was in ihnen vorgeht.

Mit welchen Gefühlen fahren Sie im Sommer zur EM, nachdem es nun in Brüssel wieder schreckliche Anschläge gab?
Uns wurde mitgeteilt, dass wir eine hohe Sicherheit erfahren werden. Aber nichtsdestotrotz: Nirgendwo auf der Welt kann man sich derzeit wohl hundertprozentig sicher fühlen. Dessen bin ich mir bewusst.

Interview: Jan Christian Müller

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