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28. November 2012

Fanaktion „12doppelpunkt12“: "Ein bisschen wie Tennis"

 Von Frank Hellmann
Vom Stimmungsnest zum Protestort: die Dortmunder Südtribüne. Foto: Bongarts/Getty Images

Der bundesweite Boykottaufruf in deutschen Stadien zeigt Wirkung und muss mehr als ein Alarmsignal sein. Für den nächsten Spieltag erwägen Fans Stehplätze leer zu lassen und schwarz abzuhängen.

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Der bundesweite Boykottaufruf in deutschen Stadien zeigt Wirkung und muss mehr als ein Alarmsignal sein. Für den nächsten Spieltag erwägen Fans Stehplätze leer zu lassen und schwarz abzuhängen.

Frankfurt –  

In der Frankfurter Oper ist es mitunter stimmungsvoller. Und im Schauspielhaus gewiss lauter. Die Szenerie in der Frankfurter Arena wirkte während des Rhein-Main-Derbys zwischen Eintracht Frankfurt und FSV Mainz bisweilen gespenstisch, ja grotesk. Wenn für fast 50.000 Zuschauer der akustische Leitfaden aus den Fankurven fehlt, dann kommt das tatsächlich so, als habe jemand für ein Fußballspiel den Stecker gezogen. Oder auf Stummfilm geschaltet. „Ich fand es grausam“, urteilte Eintracht-Trainer Armin Veh. Der Mainzer Kollege Thomas Tuchel befand: „So macht es keinen Spaß.“ Nicht nur in Frankfurt verzeichnete die Faninitiative „12doppelpunkt12“ mit ihren zwölf Minuten und zwölf Sekunden dauernden Stimmungsboykott wegen des am 12. Dezember zur Abstimmung stehende Sicherheitspapier der Deutschen Fußball-Liga (DFL) einen durchschlagenden Erfolg. Die geschlossene Unterstützung demonstrierte einmal mehr, wie ausgeklügelt die treue Anhängerschaft mittlerweile miteinander kommuniziert.

In Dortmund mutierte der fast 25.000 Zuschauer fassende Stehblock der Südtribüne vom Stimmungsnest zum Protestort. „Wir haben uns gefühlt wie in einem Bienenstock, der nur ein riesiges Gemurmel von sich gibt“, erklärte Nicolai Mäurer,  Sprecher der dortigen Faninitiative, „auch für die Fans war das eine skurrile, fast surreale Situation.“ In Hamburg schrieb der liveticker hsv.de von einem „unheimlichen Spiel“, HSV-Trainer Thorsten Fink („Ich dachte zuerst, sie protestieren, weil wir in Düsseldorf so schlecht gespielt haben“) wusste anfangs gar nicht, was da auf den Rängen geschah. Der in der Hamburger Ultra-Gruppierung „Chosen Fews“ tätige Initiator Philipp Markwardt will den Vereinen vor Augen führen, „wie die Situation ist, wenn wir nicht mehr da sind.“ Auch in der zweiten Liga galt das Motto „Ohne Stimme keine Stimmung“. Lähmende Stille herrschte auch in Zuschauer-Hochburgen wie Kaiserslautern und Dresden. „Wir haben bewusst etwas erzeugt, was leider in vielen Stadien in England üblich ist“, so Mäurer, „Fußball schauen, ein bisschen wie Tennis.“

Furcht vor Kollektivstrafen

Der Schulterschluss unter der Anhängerschaft muss ein Alarmsignal sein – solche Zurückhaltung mag während eines Länderspiels üblich sein, während eines Bundesligaspiels wirkt sie beschämend. Das Frankfurter Vorstandsmitglied Axel Hellmann, eine treibende Kraft in der Kommission Stadionerlebnis, sprach von „einem Protest, der Wirkung zeigt.“ Und Hellmann räumte auch ein, „dass der Druck immens ist, der nun aufgebaut ist.“ Einerseits drängen Politik und Polizei endlich zu Beschlüssen, andererseits fürchten Fans und Anhänger  Kollektivstrafen und Ganzkörperkontrollen. Zu letzterem Kritikpunkt tauchen in der neuen Version des Papiers, das am Donnerstag auf der Internetseite bundesliga.de für jeden einsehbar ist, offenbar keine Vorgaben mehr auf, aber ausgeschlossen wird diese Variante eben nicht. So entfacht auch die überarbeitete Vorlage einen Sturm der Entrüstung. „Die Art und Weise des Zustandekommens schockiert fast genauso stark wie der Inhalt des Pamphlets“, heißt es bei „12doppelpunkt12“. Und: „Die DFL scheint noch nicht zu wissen, wie man ein Miteinander gestaltet.“

Dem hält die DFL entgegen, dass es doch „Gespräche mit den Fan- und Sicherheitsbeauftragten sowie der AG Fanbelange gegeben hat.“ Der Ligaverband fühlt sich missverstanden, bittet um eine Versachlichung der Debatte und wünscht sich „keine ideologische Diskussion“ – doch ist gerade die ist längst im vollen Gange. Das große Schweigen wird auch das nächste Wochenende prägen. Und am 16. Spieltag sind in Dortmund, Köln oder Augsburg Demonstrationen angemeldet, um sich für den Erhalt der Fankultur einzusetzen. An anderen Standorten wird sogar erwogen, die Stehplätze leer zu lassen und schwarz abzuhängen. Vielleicht mit einem dieser Hilferufe,  die am Dienstag in Frankfurt auf Plakate gepinselt wurden. Auf einer Banderole stand: „Stiller Protest für einen Fanatismus, der sich nicht verbieten lässt.“ Und auf einer anderen: „Als sie die Hools aus den Stadien verbannten, habe ich geschwiegen – ich war ja kein Hool. Als die die Ultras aus den Stadien verbannten, habe ich geschwiegen – ich war ja kein Ultra. Als sie uns normale Fans aus den Stadien verbannten, war niemand mehr da, der hätte helfen können.“

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