Treffpunkt ist um elf Uhr am Augsburger Hauptbahnhof: Dort haben sich Fans des FC Augsburg wie Anhänger des FC Bayern verabredet. Zur selben Zeit wollen am Platz an der Synagoge in Dortmund die BVB-Fans gemeinsam mit Weggefährten des VfL Wolfsburg aufbrechen.
Insgesamt acht Aktionen finden an diesem Wochenende statt, um für den Erhalt der Fankultur zu demonstrieren. Und um in der leidenschaftlich geführten Diskussion des umstrittenen Konzepts „Sicheres Stadionerlebnis“ das nächste Zeichen zu setzen.
Mehrere tausend Fußballfans haben am Samstag mit Protestmärschen gegen das geplante Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) demonstriert. In Dresden trugen vor der Partie gegen den VfL Bochum rund 850 Fans symbolisch die Fankultur zu Grabe. In Augsburg protestierten vor dem Spiel gegen Bayern München Fans beider Mannschaften mit Plakaten wie „Zum Erhalt der Fankultur“ oder „Was wir fordern ist nicht viel - Selbstbestimmung bleibt das Ziel“.
In Paderborn beteiligten sich vor der Partie gegen Hertha BSC rund 1000 Fans an einem Protestmarsch zum Stadion. „Fanrechte wahren“ oder „Fußball lebt durch seine Fans“ hieß es auf den Plakaten beim Protestmarsch in Dortmund. Am Freitagabend hatten in Berlin rund 750 Fans von Union Berlin und Kaiserslautern demonstriert. Auch in Duisburg, Hannover und Köln sollte es Demonstrationen geben.
Zu Beginn der Partien in der ersten und zweiten Liga wollten die Fans erneut für zwölf Minuten und zwölf Sekunden schweigen. Das DFL-Sicherheitspapier soll am Mittwoch von den Profi-Vereinen beschlossen werden. Die Fans wehren sich seit Wochen gegen die verschärften Sicherheitsbestimmungen. (dpa)
Die federführend für die Fanszenen agierende Initiative „12doppelpunkt12“ belässt es am 16. Spieltag nicht mit dem stillen Protest in den Stadien von 12:12 Minuten, sondern trägt den Widerstand lauter in die Städte.
„Wir wehren uns weiterhin gegen Angriffe auf den Fußball seitens Teilen der Politik, Polizei und Medien“, heißt es in dem Schreiben der Fanorganisation, die nach intensiver Beratung über das insgesamt 16 Einzelanträge umfassende Maßnahmenpaket zu dem Schluss gekommen ist, auch die überarbeitete Version komplett abzulehnen. Der Grund sei, „dass eine Einbindung der Fans in den Meinungs- und Entscheidungsprozess unerlässlich ist.“
Konkreter wird Marvin Kretschmar. „Die Art und Weise des Zustandekommens, aber auch bestimmte Inhalte der Anträge, verärgern uns immer noch“, sagt der 23-Jährige Fan von Union Berlin und einer der Sprecher von „12doppelpunkt12“.
Sein Hauptkritikpunkt richtet sich auf Antrag 14, der dem Gastverein nicht mehr mindestens zehn Prozent der Tickets zusichert, sondern dem Heimverein erlaubt, diesen Anteil zu reduzieren. Kretschmar: „Damit wird der Willkür gegenüber Gästefans Tür und Tor geöffnet.“
Auch die nicht kategorisch ausgeschlossenen Voll- oder Nacktkontrollen verärgern die Anhänger, obgleich diese überbordende Reglementierung selbst von der Gewerkschaft der Polizei nicht gewollt ist. Durchgängige Leibesvisitationen, so der GdP-Vorsitzende Bernhard Witthaut, würden den Boden der Verhältnismäßigkeit verlassen.
Mit ziemlich unmissverständlichen Forderungen haben die Innenminister den Druck auf die Fußballvereine vor der DFL-Mitgliederversammlung erhöht. Sollten sich die Profiklubs nicht auf ein Sicherheitskonzept einigen, dürfte es sie teuer zu stehen kommen. Eine Beteiligung an den Kosten für Polizeieinsätze sei dann unumgänglich, stellten die Politiker bei der Innenministerkonferenz am Freitag heraus. „Das ist von uns nicht gewollt, aber vielleicht bleibt uns keine andere Wahl“, sagte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann.
Die Innenminister einigten sich zudem auf einen Forderungskatalog, der unter anderem striktere Einlasskontrollen, verbesserte Videoüberwachung und qualifiziertere Ordnungskräfte beinhaltet. „Es geht darum, die Gewalttäter und Idioten aus dem Stadion fernzuhalten“, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger. Im Gespräch sind bis zu zehnjährige Stadionverbote. Zudem wird von den Innenministern gefordert, dass DFB und DFL ihre Mittel zur Finanzierung der Fanprojekte auf mindestens zehn Millionen Euro aufstocken müssten. (sid)
Solch ein Statement hätte sich die Initiative von der Deutschen Fußball Liga (DFL) gewünscht – die Fanvertretung ist noch immer über die aus ihrer Sicht nur unzureichende Kommunikation erbost.
Ihre Machtdemonstration mit einem kollektiven Stimmungsboykott hat gleichwohl Eindruck geschunden, doch dass deswegen am kommenden Mittwoch bei der DFL-Mitgliederversammlung die 36 Klubs die Anträge ablehnen, wie es sich Kretschmar wünscht („das wäre ideal“), erscheint illusorisch – selbst seine Initiative beziffert die Chance auf „unter 20 Prozent“.
Kretschmar gehört dem „Wuhlesyndikat“ an, der größten Ultragruppierung von Union, und wer sich mit ihm unterhält, merkt schnell, wie viel Leidenschaft und Verstand auch die andere Seite in ihre neunseitige Stellungnahme investiert hat.
Die organisierte Anhängerschaft weiß auch um die Situation von Verband und Vereinen. Der politische Druck ist immens, wie am Montag Ligapräsident Reinhard Rauball und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in Hannover bei einem Treffen mit Innenministern erfahren haben.
In der Schublade haben Hardliner aus der Politik ganz andere Pläne, und diese Drohkulissen könnten dem Profifußball die Luft zum Atmen nehmen: die Beteiligung der Vereine an den Polizeieinsätzen, einen bundeseinheitlichen Fanausweis und sogar die Abschaffung der Stehplätze.
Verständlich, dass Rauball flehentlich an Vereine und Fans appelliert, „dass wir nicht von der Politik ferngesteuert werden.“ Will heißen: Das neue Pamphlet muss am Mittwoch verabschiedet werden. Und vor diesem Hintergrund würde auch einer wie Kretschmar einlenken: „Wir hoffen, dass ein Protest nach dem 12. Dezember erst einmal nicht vonnöten ist, und wir uns voll und ganz auf den zukünftigen Dialog konzentrieren können.“ Das klingt fast schon versöhnlich.
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