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27. Mai 2013

FC Bayern München: „Du kommst in den Himmel, Jupp!“

 Von Markus Lotter
Bayern-Trainer Jupp Heynckes, 68, nach dem Champions-League-Sieg im Londoner Wembley-Stadion  Foto: Getty Images

Bastian Schweinsteiger macht einen Witz und tanzt mit seinem Trainer, Uli Hoeneß schweigt und Andreas Möller blamiert sich: Bei der Party nach dem Champions-League-Finale erlebte unser Reporter Szenen einer unvergesslichen Fußballnacht.

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London –  

Es war die Nacht, in der Jupp Heynckes einen düsteren Tunnel im Wembley-Stadion erleuchtete und später zum Feiern gezwungen werden musste. Es war die Nacht, in der Borussia Dortmund mit einer Lasershow das Eingangsportal des Naturkundemuseums an der Cromwell Road in ein strahlendes Gelb packte, aber schließlich nichts zu feiern hatte.

Es war aber auch die Nacht des Spielers David Alaba, der unbedingt zwei Freunde in die Siegerfeier der Bayern schleusen wollte. Oder die von Andreas Möller, der sich nach dem Verliererbankett der Dortmunder auf dem Parkplatz des Fahrdienstes mit gespreiztem Auftritt blamierte.

Große und kleine Geschichten schreibt der Fußball, und ganz besonders viele, wenn sich wie am Sonnabend zwei deutsche Mannschaften im Finale der Champions League gegenüberstehen. Große und kleine Geschichten, die in der Summe Auskunft über die Wirkung und die Bedeutung dieses Fußballspiels geben. Aber alles der Reihe nach.

Es ist Viertel vor zwölf, Ortszeit London. Vor etwa zwei Stunden hat der Niederländer Arjen Robben vor 86 286 Zuschauern den 2:1-Siegtreffer für den FC Bayern erzielt. Jetzt steht Jupp Heynckes im Versorgungstunnel des Wembley-Stadions, der von den Veranstaltern als Mixed Zone ausgewählt wurde, also den Bereich, wo nach dem Spiel Interviews gegeben werden. Heynckes ist 68 Jahre alt, hat gerade 94 Minuten Finalminuten, eine spontane Feier auf dem Feld und eine Pressekonferenz hinter sich und sieht immer noch sehr frisch aus.

Er erzählt den Journalisten über die Zeit, als er als Junge in Mönchengladbach von der großen Karriere träumte, davon, Profi zu werden und Weltmeister. Er erklärt, warum er neulich in seiner Heimat, bei seinem letzten Bundesligaspiel als Bayern-Trainer geweint hat, aber heute nicht. Ganz andere Emotionen wären da zum Tragen gekommen, nämlich die „von der Erinnerung an die Kindheit bestimmten“, sagt er. Und überhaupt: das alles hier, das werde man erst später begreifen. „Vielleicht bei einem Spaziergang.“ Man brauche immer Zeit und den daraus resultierenden Abstand, um sich das Geschehene zu vergegenwärtigen.

Heynckes will aber jetzt gar nicht so viel über sich, sondern vor allem über die anderen reden. Über Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger („meine zwei Kapitäne“), die genauso wie Robben, Franck Ribéry und ein paar andere aus dem Bayern-Team nach einigen Endspielniederlagen endlich einen großen Titel gewonnen hätten. „Es wurde für die Jungs auch wirklich Zeit“, sagt Heynckes, bescheiden und selbstlos, wie man ihn kennt.

Während er über das mögliche Triple spricht, also die seltene Kombination aus Meisterschaft, Europapokal und DFB-Pokal, vergnügen sich neben ihm die Leute aus der Presseabteilung der Bayern und ein paar Reporter mit dem Siegerpokal. Hier eine Pose mit dem glänzenden Silber, da ein Erinnerungsfoto mit dem Kollegen. Wie Kinder tollen erwachsene Männer um Heynckes herum. Ihn aber stört das nicht.

In dieser Nacht ist er nicht mehr der Verletzliche, sondern der Souverän, der aus einer sehr guten eine goldene Fußballgeneration gemacht hat. Das jedenfalls darf Mannschaftskapitän Philipp Lahm nach diesem Erfolg ohne Widerspruch behaupten. Der Endspiel-Fluch ist gebrochen. Und vielleicht geht es ja so weiter, vielleicht wird es was mit der von Bundestrainer Joachim Löw geführten Mission „WM-Titel 2014“. Jupp, der Altmeister, grüßt Jogi, den Unvollendeten, aus London, der Fußballhauptstadt der Welt.

Eine Stunde später führt Lahm zusammen mit Schweinsteiger die Mannschaft in den Ballsaal des Hotels Grosvenor House. Es liegt direkt am Hyde Park und wird erstaunlicherweise nur von etwa 150 Bayern-Anhängern umlagert. Bei der Marschform haben sich die Kapitäne für eine Polonaise entschieden.

Heynckes tänzelt ein bisschen auf der Stelle. Er ist noch immer im Anzug, während die Spieler inzwischen T-Shirts mit der Aufschrift „Football is coming hoam“ tragen. Bastian Schweinsteiger erklärt: „Unser Trainer hat gesagt, wir sollen in den ersten zwanzig Minuten etwas lockerer spielen, damit die denken, wir können nichts, aber dann haben wir zugeschlagen.“ Alle lachen. Der Witz funktioniert. Man gönnt das Schweinsteiger, und das nicht nur, weil er heute so fürchterlich gespielt hat.

Im Hintergrund bleibt Uli Hoeneß, der Präsident der Bayern, der Steuerhinterzieher. Im Stadion hatte er von Kanzlerin Angela Merkel einen einigermaßen freundlichen Handschlag bekommen. Bei der Siegerehrung auf der Haupttribüne wurde er von den Spielern gedrängt, den Pokal zu nehmen und hoch zu halten. Nun, bei der Feier im Hotel, sitzt Hoeneß neben Jupp Heynckes am Tisch. Zwei Freunde, die an diesem Abend der Sieg ihrer Mannschaft vereint. Viel mehr nicht.

Heynckes darf ganz er selbst sein, ein Trainer am Ende seiner Karriere und zugleich auf ihrem Höhepunkt. Hoeneß, der Präsident, bleibt dagegen bei der Krönungsparty seines FC Bayern fast außen vor, ein Fremder, ein Machtmensch mit schlechtem Gewissen und Angst vor dem Freiheitsentzug. Er ist heute mit hier, in London, aber er kann die Freude der Mannschaft nicht teilen, die Genugtuung über den Sieg. Es ist vermutlich der bittersüßeste, nein, der tragischste Moment seines Lebens.

Nur das hier gibt er im Anschluss an die Partie zu Protokoll: „Ich freue mich natürlich sehr für den Verein. Das ist nicht mein Titel, sondern der vom Verein. In den letzten Wochen war es für mich nicht einfach, aber der Verein hat unglaublich zu mir gestanden. Jupp hat einen unglaublichen Job gemacht. Ich möchte mich im Namen des Klubs sehr bei ihm bedanken. Egal, wie es Samstag in Berlin (DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart, d. R.) ausgeht, das ist eine Wahnsinn-Saison.“

Später in dieser Nacht, um Viertel nach zwei, wird Hoeneß von Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge auf die Bühne gebeten. Man habe einen Mann noch nicht entsprechend gewürdigt, sagt Dreesen. Rummenigge sagt: „Was unseren Klub auszeichnet, ist Uli Hoeneß. Was unseren Klub ausmacht, ist, dass wir zusammenstehen, dass wir Freunde sind. Deshalb wünschen wir dir alles Gute.“ Die Gäste klatschen. Hoeneß steht da und lächelt, so ein bisschen beschämt wie vorhin auf der Tribüne.

Bayerns bester Brasilianer: Auch Dante tanzt, nicht mit Schweinsteiger, sondern mit Bier und um Europas begehrteste Klubfußballtrophäe.
Bayerns bester Brasilianer: Auch Dante tanzt, nicht mit Schweinsteiger, sondern mit Bier und um Europas begehrteste Klubfußballtrophäe.
 Foto: afp/ALEX GRIMM

Oben auf der Bühne des Ballsaals ergreift Assistenztrainer Herrmann Gerland das Wort. Gerland trimmte früher die Jugend der Bayern, wacht nun aber schon seit ein paar Jahren als Sorgenvater über die Profis. Er habe nur einen Wunsch, sagt er,und wendet sich an Jupp Heynckes, der neben ihm steht: „Josef, Champions-League-Sieger, ich möchte, dass du mal ein bisschen lockerer bist. Irgendwann kommt der Sensenmann, du kommst in den Himmel, Jupp, ich komm in die Hölle, da müssen wir heute die Sau rauslassen.“ Schweinsteiger und die anderen grölen: „Jupp! Jupp! Jupp!“ Heynckes lacht, bleibt aber einfach stehen. Erst später schafft es Bastian Schweinsteiger, ihn vom Stuhl zu ziehen, und dann tanzen die beiden Männer zwischen den Tischen.

David Alaba, der österreichische Außenverteidiger, hat da schon anderes im Sinn. Er will zwei Freunde in den Saal holen, die draußen warten. Kurzärmelig verlässt er das Hotel, eilt in eine Seitenstraße, wird von einem Fan erkannt und kurze Zeit später von einer ganzen Traube umringt. Hier ein Autogramm, da ein Erinnerungsfoto. Der Fußballprofi hat genug. „Ist gut“, sagt er, schüttelt die Fans ab, nimmt seine Freunde und bringt sie an den Eingangskontrollen vorbei zur Feier. Mit Ausnahme von Hoeneß gibt es in dieser Nacht für die Sieger nun mal keine Tabus.

Enttäuschte Liebe in Schwarz und Gelb

Es ist halb drei. Ein paar Kilometer weiter an der Fassade des Londoner Natural History Museum steht in Leuchtschrift und Großbuchstaben wechselweise „BVB 09“ oder „REAL LOVE“, echte Liebe. Eine beeindruckende Bankettlandschaft haben sich die Dortmunder da einrichten lassen.

Es gibt sogar so eine Art Scots Guard, die Königliche Wache, in Klubfarben. Drinnen, im Foyer, gleich neben den Dinosaurierskeletten, sieht es aber eher nach enttäuschter Liebe aus. Liebe in Schwarz und Gelb, die sich aller Voraussicht nach von diesem Schock nicht so schnell erholen wird.

Wobei das Entsetzen nach dem Schlusspfiff in einer vierzig Meter großen Lücke zwischen Fankurve und Mannschaft seine erste Ausdrucksform gefunden hatte. Keiner wollte da den ersten Schritt wagen, nicht der famose Marco Reus, nicht mal der Fanspieler Kevin Großkreutz. Minutenlang, fast eine Viertelstunde lang, war da diese Leere, bis Trainer Jürgen Klopp (mit einem Lächeln) und Verteidiger Mats Hummels (mit Applaus) schließlich zu den Fans marschierten und damit unbewusst das stille Kunstwerk zerstörten. So hatten die Borussen einen symbolischen Raum für ihre Trauer geschaffen.

Kann echte, aber enttäuschte Liebe noch einmal so eine Chance provozieren, ein anderes Champions-League-Finale in der Zukunft? Torhüter Roman Weidenfeller hegte schon unmittelbar nach dem Abpfiff Zweifel, Helene Fischer will dagegen glauben machen: Ja, kein Problem.

Die Schlagersängerin ist der Showact des Abends, flüstert den Profis und den Verantwortlichen kurz nach Mitternacht allerlei nette Worte ins Ohr. Bei Hans-Joachim Watzke, dem Geschäftsführer und starken Mann der Borussia, wirkt das nicht. Er sagt: „Es fühlt sich immer noch scheiße an.“ Schließlich kommen die Dortmunder nach ein paar Bier zu dem Schluss, man könne trotz der Niederlage stolz auf die Leistung sein.

Helene Fischer singt nach dem Spiel für die Dortmunder.
Helene Fischer singt nach dem Spiel für die Dortmunder.
 Foto: dpa

Auch Andreas Möller, der ehemalige Dortmunder Profi und Nationalspieler, ist Teil der Trauergemeinde. Um kurz vor drei will er aber nur noch eins: mit der hübschen Begleitung ab ins Hotel. Der Fahrdienst steht bereit, nimmt Möller plus Freundin auf, fährt los, kommt wieder zurück. Der Fahrer kennt offenbar den Weg zum Hotel nicht. „Navigation. Nävigäischin“, sagt Möller abwechselnd in deutscher und englischerAussprache.

Er springt aus dem Taxi, läuft auf und ab, schreit ein bisschen rum und gibt unmissverständlich zu verstehen, dass hier das Verhältnis zwischen Prominenz und Service überhaupt nicht stimmt. „Hotel. Hotel“, ruft er nun. „Wrong way.“ Der Leiter des Fahrdienstes schüttelt den Kopf. Möller schüttelt auch den Kopf und nimmt die Sache selbst in die Hand, öffnet Fahrertüren und tippt den Namen seines Hotels in Navigationsgeräte. Beim zweiten hat er Glück, steigt ein und verschwindet endlich in die Londoner Nacht.

Es ist Viertel vor vier. Diese wunderschöne Stadt hat die Seufzer der Dortmunder und den Jubel der Bayern verschluckt. Nichts mehr deutet am Piccadilly Circus oder am Hyde Park Corner oder am Earls Court noch auf den Besuch aus Deutschland hin. Die Bayern-Profis feiern inzwischen unter sich in ihrem Mannschaftshotel. War da was?

Ja, eine Fußballnacht, die eine magische war und so manches Menschenleben bewegt hat, das eine mehr als das andere.

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